Zärtlichkeit und Herzlichkeit

Eben bekam ich ein Buch in die Hand, das ich nur weiterempfehlen kann.
Ich habe ja selbst ein Buch geschrieben „Experiment Zärtlichkeit: Ein neuer Weg zu mehr Herzlichkeit“, das es wahrscheinlich nur noch antiquarisch gibt.
Jetzt lese ich – glücklich über das gemeinsame Anliegen – von einer jungen Professorin aus Graz, Isabella Guanzini, ihr Buch mit dem Titel „Zärtlichkeit. Eine Philosophie der sanften Macht“. Sie fragt wie ich nach einer „Theologie der Zärtlichkeit“ (S. 13). Sie – Professorin für (katholische) Fundamentaltheologie – zitiert dort auch immer wieder den Bischof von Rom, Papst Franziskus.
In seinem apostolischen Sendschreiben „Die Freude des Evangeliums“ aus dem Jahr 2013 schreibt er nicht nur über eine „Kirche der offenen Herzen“, er nennt auch das Stichwort „Zärtlichkeit“: „Der echte Glaube an den Mensch gewordenen Sohn Gottes ist untrennbar von der Selbst­hingabe, von der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, vom Dienst, von der Versöhnung mit dem Leib der anderen. Der Sohn Gottes hat uns in seiner Menschwerdung (sc. Inkarnation) zur Revolution der zärtlichen Liebe eingeladen.“ (S. 129)

Je brutaler wir die Erde, die Natur, die Menschen ausbeuten, und das Elend scheinbar unbeteiligt von uns fernhalten, umso deutlicher wird, dass dieser Weg an ein Ende gekommen ist. Was bleibt, ist Horchen, Stille, Schauen, Geduld. Und Zärtlichkeit.

Die Welt hat ihren Glanz verloren. Der Kosmos ist entzaubert. Es hat sich zum Fluch entwickelt, dass der Mensch Herr sei, herrsche über Tiere und Pflanzen, über Wasser und Winde. So war das nicht gemeint, damals, als Gott am Ende der Schöpfung den Menschen schuf. Der Mensch ist zum Erdengott geworden. Hat eine fast absolute Herrschaft über den blauen Planeten erreicht. Menschliches, auch tierisches und pflanzliches Dasein ist ihm auf Leben und Tod ausgeliefert. (Kurt Marti)
„Es war einmal“ – möchte man fast sagen – ein freies Spiel im Garten Eden. Als die Menschen nach dem Leben greifen, so erzählt dieser große, weise Mythos am Anfang der Bibel, werden sie von Gott aus dem Paradies der Unschuld vertrieben. Sie verlieren die Unschuld.

Wir leben jenseits von Eden. Wir haben die kindliche Unschuld verloren. Wir leben jenseits von Eden in der Angst, der andere würde mich durchschauen, mich erkennen. Und leben gleichzeitig mit der Sehnsucht, der andere möge mich erkennen.
Ich möchte besitzen, und fürchte, besessen zu werden.
Ich möchte durchschauen, und möchte nicht durchschaut werden.
Ich möchte niemandem zur Last fallen und will nicht belästigt werden.
„Das Recht, nicht beläs­tigt zu werden“, schreibt der slowenische Philosoph Slavoj Zizek 2010, „avanciert zum wichtigsten Menschen­recht in der spätkapitalistischen Gesellschaft – das Recht auf einen sicheren Abstand zu anderen.“ (Der entkoffeinierte Andere, in: Der Freitag, 8.10.2010) Nähe vermeiden, lange vor Corona.

Wir alle haben das Empfinden, in einer Zeit großer Umbrüche zu leben.
Das gilt auch für die Wissenschaft, die sich anschickt, die kleinsten verbliebenen Geheimnisse des Menschen zu entschlüsseln, die jedes Maß verliert und in ihrer Maßlosigkeit zerstörerisch wird. Das gilt auch für unsere Wissenschaft, die Theologie.
Die Bibel ist akkurat zerlegt. Wir wissen, was man überhaupt wissen kann. Allein, daraus wird weder Glaube noch Wahrheit.
Auch diese Art Theologie ist an ein Ende gekommen und braucht eine Zeit des Staunens, des Horchens, des Schauens, der Mystik, der Meditation.
Ich habe in meiner letzten Gemeinde in Wiesloch bei Heidelberg jeden Freitagabend eine „Feier der Stille“ angeboten. Auch einmal in der Woche eine Stunde „Stille für Kinder“. Auch „Feierabendgottesdienste“. Aber gibt es das heute überhaupt noch: „Feierabend“?

Niemand erwartet noch von einer Pfarrerin, einem Pfarrer eine wortmächtige „Kanzelrede“. Gesucht ist das sehr persönliche Gespräch, die in diesem öffentlichen Geschehen verborgene persönliche Seelsorge. Verkündigung wird in der Erwartung der reizüberfluteten Menschen eine sehr intime Geschichte zwischen dem, der spricht, und dem, der hört.
Dieser sanfte Weg in die Innenräume, unter die Haut, die Zärtlichkeit, die sanfte Zuwendung ist der Heilungsprozess einer ganzen Kultur. Ich habe mich mit Jörg Zink immer wieder darüber unterhalten, welche gravierenden Veränderungen, auch in der Theologie, nötig sind. Aus diesen Gesprächen ist dann mein Anspruch gewachsen: Die Beherrschung verlieren – die Zärtlichkeit wieder entdecken.

Die oben genannte Isabella Guanzini fragt nach einer „Theologie der Zärtlichkeit“. Vielleicht werde ich mich einmal daransetzen, mein oben genanntes, leider etwas unglücklich betiteltes Buch „Experiment Zärtlichkeit …“ weiterzuentwickeln zu einer solchen Theologie. Jedenfalls gibt die Zärtlichkeit dieser Ausgabe der PASTORALBLÄTTER den thematischen Titel. Und siehe: Einige Autorinnen und Autoren haben sich phantasiereich in ihren Beiträgen darauf eingelassen. Das tut wohl.
Ihnen, die Sie schon Anfang Januar diese Ausgabe in Händen halten, wünsche ich gute Gedanken, gelingende Versuche und hoffe, die ­PASTORALBLÄTTER können Sie unterstützend begleiten bei Ihrem Tun und bei Ihrem Lassen.

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