Die Wochensprüche im Dezember 2022

4. Dezember 2022

2. Advent

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Lukas 21,28

Wem die Zeit lang wird, der vertreibt sie sich. Und wer des Wartens müde wird, hält nach allerlei Ablenkungen Ausschau. Man weiß so recht nichts mit sich anzufangen. Es ist eine eigenartige Mischung aus Leere und Betriebsamkeit, die die Langeweile kennzeichnet. Sie ist der Schatten, den das Ausbleiben der Wiederkunft Christi auf den Glauben wirft. Für Michel Foucault ist dieses Ausbleiben eine der Grundfragen am Beginn der westlichen Zivilisation: „Wie und wann wird sich die Rückkehr Gottes ereignen, die uns verheißen ist? Was tun mit dieser Zeit, … wo nicht geschieht, was geschehen sollte?“ Wir stehen in der langen Geschichte derer, die sich damit einrichten mussten, dass eben nicht geschah, was geschehen sollte. Der Rhythmus des Kirchenjahres hilft uns dabei, unser Warten wachzuhalten, er hegt es aber auch ein. Alles geht darin seinen Gang, hat seinen Ort, ein Kreislauf des Lebens. Advent und Weihnachten kommen, aber sie gehen auch wieder. The same procedure as every year. Das lukanische Jesuswort hält uns dazu an, den Kopf zu heben und über den Jahres- und Lebenskreis hinauszuschauen. Damit sich unsere Hoffnung nicht im Kreis dreht, sondern nach vorne Ausschau hält nach dem, der uns voraus ist. Wach bleiben, die Spannung halten. Däumchen drehen kennt viele Varianten, auch religiöse. Wer sein Haupt erhebt und Ausschau hält, findet sich nicht ab mit dem, was war und was ist. Die Weltgeschichte steht unter dem „messianischen Vorbehalt“, wie Walter Benjamin schrieb, es gibt „eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem“. Ein Christentum, das nicht mehr sehnsüchtig wartet, ein Glaube ohne Eschatologie, wäre ein Verrat an der Welt, an ihren Leiden und ihren Opfern. Was also tun mit dieser Zeit? Weiter Ausschau halten. Das Warten aushalten. Nicht in bloße Betriebsamkeit verfallen, sondern Gutes anfangen. Ich glaube, die Kirche ist der Welt diese erwartungsvolle Haltung schuldig. Sie kann der Wind in unseren Segeln sein. Auf Christus warten wird unsere Zeit ausfüllen, Langeweile vertreiben und uns auf gutem Kurs halten.

11. Dezember 2022

3. Advent

Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig.  

Jesaja 40,3.10

„Preparate nel deserto la via dell’ Eterno!“ In italienischer Sprache steht das Prophetenwort auf einem Schild aus Pappe. Mit einer kleinen Gruppe von Soldaten bin ich in Ali Sabieh, einer staubigen Kleinstadt in Dschibuti am Horn von Afrika. Wir sind gekommen, um privat gesammelte Hilfsgüter abzugeben. Fünf Nonnen aus Italien und Kenia betreiben hier mit örtlichen Lehrkräften eine Schule für arme Kinder aus dem Ort und aus den nahe gelegenen Flüchtlingscamps. Ali Sabieh liegt am Rande einer Wüste im Dreiländereck zu Äthiopien und Somalia. Die Schwestern finanzieren ihre Arbeit allein aus Spenden, denn der Staat interessiert sich einen Dreck für diese Mädchen und Jungen, deren Eltern kein Geld oder kein Anrecht haben auf den staatlichen Schulbesuch. In ihrem Wohngebäude haben die Schwestern sich einen kleinen Andachtsraum gestaltet. Sehr schlicht, ein Kruzifix, in der Ecke ein kleiner Altar, ein paar Stühle und Kniebänke. Und über dem Altar auch dieses Schild aus Pappe.
Außer den Schwestern kommt kaum jemand hierher, der Raum ist nur für sie. Christliche Familien gibt es hier nicht. „Höchstens eine oder zwei, und auch nur manchmal“, sagt mir eine Schwester. Das sind dann äthiopische Familien auf der Flucht. Die Schwestern tun, was sie tun, aus Liebe zu Gott und den Menschen. Die Nonnen von Ali Sabieh bereiten dem Herrn den Weg, sie tun das Tag für Tag unter schwierigsten Bedingungen. Ich stehe in der kleinen Kapelle und ergänze für mich auf Deutsch „… denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“ Er kommt – ohne alle Zeichen von Macht, verborgen für die Augen der Großen, die ihn nicht sehen können, weil sie das Hinschauen längst verlernt haben. Er kommt hierher, an den Rand der Wüste, in den Dreck und die Trostlosigkeit. Und er macht aus diesem kleinen Andachtsraum eine prächtige Kathedrale. Die Kinder und Jugendlichen aus den Flüchtlingscamps haben bis zu zwei Stunden Fußweg hinter sich, um hier zu sitzen. Einige der Mädchen sind voll verschleiert, dann ist das Leuchten ihrer Augen das Einzige, was ich sehe. 

18. Dezember 2022

4. Advent

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

Philipper 4,4.5b

„Erlöster müssten seine Jünger mir aussehen.“ Friedrich Nietzsches Bonmot wird auch deshalb gerne zitiert, weil so viel Wahrheit in ihm steckt. Ich erinnere mich an die Siegerländer Verwandten meiner Kindheit, deren Spielart reformierter Frömmigkeit ihnen so ziemlich alles verbot, was Spaß machte – und an die völlig andere Fröhlichkeit meiner rheinisch-katholischen Verwandtschaft. Sicher, das sind Schablonen, und doch: Dass nicht wir das Gewicht der Welt tragen müssen, sondern Christus es trägt, ist gerade uns Evangelischen nicht immer anzusehen.
Leicht verkrampft wirkt beim ersten Hören oder Lesen auch der paulinische Aufruf zur Freude. Wie verordnet, ein Widerspruch in sich. Paulus selber weiß, dass er übertreibt und in seinem „Freudenbrief“ nach Philippi „immer wieder dasselbe schreibt“ (Phil 3,1). Er freut sich an dieser Gemeinde, in der viele Exegeten seine Lieblingsgemeinde sehen, an ihrer Gemeinschaft und an ihrem Glauben. Vor allem aber freut er sich mit der Gemeinde auf die Erfüllung der Zeit: „Der Herr ist nahe!“ Seine Nähe lässt die ganze Schöpfung jubeln. Ich denke an Huub Osterhuis’ wunderbares Lied. „Die Steppe wird blühen, die Steppe wird lachen und jauchzen …“, heißt es darin, und dann: „Toter, Tote, steh auf, ein ganz neuer Morgen!“ Nichts soll vergeblich gewesen sein. Und was wahr ist, wird sich erst noch zeigen.

Wir alle kommen von weit her, und die Tränen und der Schmerz der Jahrhunderte sind in uns eingeschrieben, aber auch ihre Hoffnungen und ihre Träume vom Glück. Wir halten sie wach, stellvertretend auch für die, die keine Stimme mehr haben. Vorfreude sei die schönste Freude, sagt man. Sie kann es kaum erwarten, dass die Zeit sich erfüllt. Wenn das stimmt, dann trifft Paulus mit seiner werbenden Ermahnung genau den richtigen Ton.
Nein, man kann Freude nicht verordnen. Aber ein Aufruf zur Freude, verbunden mit der Erinnerung daran, wer unsere Hoffnung ist und für wen, kann eine gute Therapie sein. Ich glaube, wir werden dann auch erlöster aussehen, zur Freude der anderen.

25. Dezember 2022

1. Sonntag nach Weihnachten

Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. 

Johannes 1,14b

„Gott sei Dank!“, entfährt es dem jungen Soldaten. Es war ganz knapp in dieser Nacht. Die Flüchtlingsboote, die unsere Fregatte gesichtet hatte, waren genau in den Gewässern zwischen der Türkei und Griechenland. Nur ein paar Kilometer Meerenge, aber für die flüchtenden Menschen ist der Unterschied groß: zurück in die Türkei oder Aufnahme in die EU. In dieser Nacht kam die griechische Küstenwache. Auch wenn wir nicht wissen, was weiter aus ihnen wird: Erst einmal haben sie es geschafft. Zur Bordandacht kommen an diesem Morgen ein paar mehr als sonst. Aber manche lassen die Geschehnisse auch unberührt. Gottes Herrlichkeit hat in Jesus Christus menschliches Maß angenommen. Die Geschehnisse der Welt gewinnen eine neue Seite, manchmal scheint etwas an ihnen auf. Gnade, die uns begegnet, die passiert und sich allem Machen und aller Käuflichkeit entzieht. Und Wahrheit, ganz unverborgen und doch nicht offensichtlich. Sie tritt in den Dingen der Welt zutage, nicht nur in den vermeintlich religiösen; die verdecken manches eher.
Ich will das Hinschauen und das Hinhören üben und Zeichen dieser Herrlichkeit sammeln, Lichtspuren. Das Gefühl der Dankbarkeit an diesem Morgen in der Ägäis. Das Schälchen Himbeeren, das ich mit meiner Mutter geteilt habe am Tag, bevor sie starb, und das wie eine gemeinsame Eucharistie war. Der Espresso auf dem Foto, das ein Freund mir schickte, nach seiner Genesung von schwerer Krankheit, Zeichen neuer Lebensfreude.
Ich will lernen, auf Sicht zu leben, auf die Augenblicke zu achten, in denen Christi Herrlichkeit sich zeigt, voller Gnade und Wahrheit. Meine Sammlung ist auch für die dunklen Zeiten, ich hoffe, dann fällt sie schwer ins Gewicht. Wir werden sehen. Lauf der Welt oder Gotteswunder, es kommt auf die Perspektive an. Alles kann zum Widerschein der Herrlichkeit Christi werden, nichts muss. Für viele ist es ein Tag wie jeder andere. Für den jungen Soldaten ist es ein herrlicher Morgen.

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