Die Jahreslosung 2022

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
(Johannes 6,37)

Eine junge Frau hat Mut, einen jungen Mann anzusprechen, der sie fasziniert. Sie will ihn als Freund gewinnen. Sie will etwas mit ihm unternehmen und erleben. Findet er sie sympathisch und klug, auch schön und attraktiv? Wird er sich in sie verlieben – oder ist er schon vergeben? Ein junger Mann überlegt, das Mädchen anzusprechen, an das er immerzu denkt. Wie soll er es machen? Kann er sie als Freundin gewinnen? Findet sie ihn stark und begehrenswert? Oder wird sie ihn abweisen?

Werden zwei Menschen zusammenfinden, gar zusammenwachsen? Werden sie einander beschenken, ergänzen, sogar tragen? Werden sie einander lieben und über sich hinauswachsen und aus sich herausgehen? Wird es ihnen gelingen, einander zu verstehen? Werden sie in dem Du, dem sie sich öffnen, ihr Ich besser verstehen und zu sich und zueinander finden? Wird es eine Entwicklung geben? Oder werden nur Sehnsüchte, Erwartungen und Forderungen in den anderen projiziert, die er oder sie erfüllen soll?

Es geht um Beziehung und ums Erkennen – sich selbst, den anderen. Projektionen hat Jesus genug erlebt. Im Anschluss an den großartigen Tag, an dem unglaubliche 5000 Mann satt geworden sind, wollten sie ihn zum König machen.
Das kann er, das wollen wir von ihm, ein Leben unter seiner Herrschaft in Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand. So soll er sein, dieser Jesus, wie ich ihn mir denke, wie ich ihn mir wünsche, wie ich ihn ersehne. Wie viele Sehnsüchte und Erwartungen wurden auf ihn projiziert – und werden es bis heute. Und wenn sie nicht erfüllt werden, dann wenden sich so viele von ihm ab.

Wie denkt umgekehrt Jesus über uns? Wie denkt er über mich? Ist er enttäuscht von denen, die einmal Feuer und Flamme für ihn gewesen sind, damals in der Jugendzeit? Ist er auf Abstand gegangen, weil sie es nicht durchgehalten haben? Will er mit denen nichts mehr zu tun haben, die dem Erfolg und dem Wohlstand nachgeeilt sind? Weist er sie zurück, wie der Bräutigam im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen die zurückweist, die zu spät kommen, weil sie keinen Vorrat an Öl dabeihatten?

Ich höre in der Jahreslosung eine ermutigende Zusage: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, also alle, die Sehnsucht nach einer Beziehung zu ihm haben. Da gehören auch die dazu, bei denen es nach dem „Hoch“ auch ein langes „Tief“ gegeben hat. Ihm ist doch nichts Menschliches fremd. Manche sind auf Abstand gegangen, manche haben vielleicht sogar die Beziehung abgebrochen, haben sich andere Freunde des Lebens gesucht. Und dann entdeckt, dass die Sehnsucht nach ihm und nach einem Leben mit ihm wieder wächst. Nein, da wird nichts nachgetragen, niemand abgewiesen. Wer kommt, wird mit offenen Armen empfangen, wie von dem Vater der zwei ungleichen Söhne. So ist Gott. So ist Jesus. So wächst die Chance für eine tiefere, reifere Beziehung, beglückend und herausfordernd, zärtlich und tröstend, auch korrigierend und erlösend.

Die letzte Erzählung des Johannesevangeliums illustriert dies auf ergreifende Weise. Sie korrespondiert mit der Geschichte, wie Petrus seine enge Freundschaft zu Jesus aus purer Angst verleugnet. Damit bricht die Beziehung ab. Das ist besonders tragisch, da Jesus anschließend stirbt. Es lässt sich nicht mehr gutmachen. Doch dann begegnet der Auferstandene dem Petrus mit seiner gestörten Beziehung zu ihm. Fast zärtlich und einfühlsam spricht Jesus den Tiefpunkt der Freundschaft gar nicht an. Vielmehr fragt er ihn nach seiner Sehnsucht und Liebe. Als das klar ist, vertraut ihm Jesus wieder, ohne Probezeit, ohne Bewährungsaufsicht. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“
Das Überraschende ist sogar: Wer verloren gegangen ist, wird gesucht. Wer sich verfehlt hat, wird wieder angenommen. Wer sich sehnt, wird zärtlich berührt.

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