Taufgottesdienste und Taufauftrag

Angeregt von einem Jubiläumsbuch einer niedersächsischen Dorf-Kirchengemeinde entstand ein Rückblick, in dem auch Erlebnisse zu Taufhandlungen aufgenommen wurden. Auf zwei Erlebnisse sei hier hingewiesen. Im Nachhinein verdeutlichen sie vieles, das wir für unseren Taufauftrag zu beachten haben.
Ich erinnere mich an ein Elterngespräch zur Vorbereitung einer Taufe, dies war um das Jahr 2000. Ich habe damals die Gemeindedateien gezielt für Einladungen zu Taufen genutzt.
Die Taufe ist mir unsere wichtigste Amtshandlung. Sie dient nicht dazu, Kirchenmitglieder zu werben, sondern hat für Eltern und Täufling eine seelsorgliche Dimension. Uns kann man vieles nehmen: Besitz, Heimat, Familie, Ansehen kann man uns nehmen, ja selbst unser Glaube kann brüchig werden und verloren gehen. Das Getauftsein und die Gewissheit, dass unser Gott uns nicht aus den Augen verliert, kann in solchen sich wandelnden Lebensphasen tragend werden: So gewiss das Wasser der Taufe deinen Kopf berührte und du mit dem Zeichen des Kreuzes gesegnet wurdest, so gewiss ist es, dass Gott mit dir geht (auch wenn du ihm den Rücken zudrehst). Vieles kann man uns wegnehmen, und wir können es zerstören – das Getauftsein aber nicht!

Als ich nach V. kam und ich einen ersten Eindruck von den vielen jungen Familien in der Gemeinde erhalten hatte, fiel mir auf, dass es viele ungetaufte Kleinkinder gab. Das erschien mir unverhältnismäßig, weil die Kirchengemeinde ihre volkskirchliche Prägung lebendig erhalten hatte. So habe ich nach und nach Kontakt zu den Familien/Eltern aufgenommen, und im gemeinsamen Gespräch haben wir das Thema „Taufe des Kindes“ erörtert.
Viele Eltern waren dankbar, dass ein Mitarbeiter der Kirchengemeinde die Gesprächseröffnung vornahm. Das machte dann das Ganze aus der Sicht der Eltern leichter. Für mich normal, heute vielleicht erstaunlich: Alle angesprochenen Eltern ließen ihre Kinder taufen. So hatte jenes Jahr statistisch die meisten Taufen in der Geschichte der Kirchengemeinde. Zweimal hatten wir die Taufen auf einen Samstag gelegt, weil es für den Sonntagsgottesdienst zu viele waren. Diese Tauffeiern wurden als „Familiengottesdienste“ ausgestaltet.
So erinnere ich mich an ein Abendgespräch: Wie vereinbart kam ich zur Familie. Der Vater öffnete die Tür, die Mutter habe noch mit den Kindern zu tun. Er eröffnete das Gespräch und begrüßte es sehr, dass wir (= die Kirchengemeinde) einige Überlegungen der Familie anregten und zugleich Hilfestellungen für die Tauffeier konkret angeboten hatten. Ich war etwas überrascht. Im Vorfeld mussten die Eltern eindeutig die Taufhandlung besprochen und bejaht haben, denn der Vater wollte gleich Tag und Uhrzeit festlegen. Das taten wir dann auch, und ich begann nun, das Wichtigste schriftlich festzuhalten: Name des Kindes, Paten, ... Als ich meinte, fertig zu sein, und das Gespräch abschließen wollte, kam für mich die Überraschung:

Er: Nein, nein! Wir sind noch nicht fertig. Die anderen müssen Sie auch noch aufschreiben!
Ich: Die anderen?
Er: Ja natürlich, es sollen alle getauft werden!
Ich: Aber Sie und Ihre Frau sind doch getauft! (Das hatte ich zuvor im Pfarrbüro nachgesehen.)
Er: Die anderen Kinder meine ich doch!
Ich: (verlegen) ... die anderen Kinder?
Er: Ja, wir haben drei, die sind alle noch nicht getauft.

Das hatte ich nicht im Blick! Freudig war ich überrascht und verstand nun, weshalb die Mutter guten Grund hatte, so lange Zeit fernzubleiben. Er hatte bei der Begrüßung im Plural von „den Kindern“ gesprochen, ich hatte dem aber keine hinreichende Aufmerksamkeit geschenkt.
Die drei Kinder wurden dann gemeinsam mit weiteren Kindern getauft. Die Gesamtfamilie muss aus dieser Tauffeier viel Segen, Zusicherung, Freude und Geborgenheit gezogen haben, denn sie haben von diesem Fest weitererzählt. Das war für mich dann eine weitere Überraschung: Einige Tage später rief nämlich eine Mutter an und nahm Bezug auf diese Taufe. „Sie taufen doch mehrere Kinder auf einmal.“ So begann sie ihre Anfrage. Diese Mutter wollte, dass ihr Kind unbedingt mit dem Kinde ihrer Schwester getauft werde. Auch das kam so.

Heute sind wir viele Jahre weiter. Aus den Gemeindebriefen konnte ich entnehmen, dass jene Kinder mittlerweile auch konfirmiert wurden. Die Gewissheit der Nähe unseres Gottes möge jenen weiterhin Kraftquelle sein.

In den letzten Jahren wurde die Taufpraxis in unseren Kirchen fachkundig analysiert. Auch der Taufaufschub wurde darin beschrieben. Heute (= 2014, so eine Studie von C. Schulz in: EvTh 74/2014) gilt: Mit weitem Abstand nennen die Eltern, weshalb sie ihr Kind haben noch nicht taufen lassen: „Es war noch keine Zeit/Gelegenheit, die Taufe zu planen.“ So war es auch schon vor nun über 20 Jahren in V. Nicht die Infragestellung der Kindertaufe oder eine Disharmonie zur Kirchengemeinde waren hierfür der Ausgangspunkt. Taufaufschub – weil andere Aufgaben den Gedanken für die Taufe des eignen Kindes nicht zulassen, das darf sein! Freilich als Kirchengemeinde mögen wir dies sehen und zum rechten Zeitpunkt jene Familien zur Taufhandlung einladen. Es ist unsere (= Kirchengemeinde) Aufgabe, den Taufaufschub nicht aus den Augen zu verlieren und das Gespräch mit den Eltern zu initiieren. Wir wissen vom Wert der Taufe, darum sind auch wir in der Bringschuld.
Weil sich Eltern auch fremd und unsicher während der Tauffeier fühlen, ist es helfend, wenn Kinder aus mehreren Familien gemeinsam getauft werden.
Deren Entfremdung oder Unsicherheit müssen wir beachten und können dies auch nicht schnell wegreden, also muss ein Gerüst da sein, das jenen Schutz gibt. Solche Tauffeiern wurden dann wiederholt angeboten.

Heute lebe ich in einem ganz anderen Kontext. In der Lausitz sind Taufen selten geworden: Hier ist mittlerweile in vielen Familien die dritte Generation nicht getauft. Eltern wissen nicht mehr, dass die Taufe auch eine ihnen helfende und entlastende Handlung ist. Weniger als 100 Taufen finden jährlich in unserm Alt-Kirchenkreis statt. Namensfeiern- und Jugendweihen haben die Menschen sinnleer erlebt, das übertragen sie nun auf den Taufritus.

Jugendarbeit und Religionsunterricht können da neue Einsichten eröffnen. So lassen sich jedes Jahr einige unserer Schüler taufen. Sie wollen ganz bewusst dieses „Zeichen der Zugehörigkeit“. In der Lausitz haben wir genauso viele Kindertaufen wie Erwachsenentaufen. Weil Kinder aber nicht erst nach und nach von Gott angenommen werden, sondern zu jeder Zeit ganz und gar von Gott bejaht sind, möge die Kindertaufe die bevorzugte Taufhandlung in unseren Kirchengemeinden bleiben. Kinder, die sich in der Schulzeit für die Taufe entscheiden, treten bei der Taufe freudig und selbstsicher auf. Ganz anders aber die Eltern: Auch hier überwiegt die Entfremdung, sie können mit den Symbolen nichts verbinden, es ist ihnen eher ein Theaterstück, in dem sie eine Nebenrolle spielen. Auch hier muss mit dieser Scheu und Entfremdung sorgsam umgegangen werden, niemand möge „entlarvt“ werden. Weil die Taufe eben kein privates Familienfest oder eine Namensgebungsfeier ist, mögen die Kirchengemeinden die Einladenden bleiben. Wenn die Familien sich anschließend noch in den Räumen des Gemeindehauses aufhalten können und auch dort die Kirchengemeinde als Partner und Einladender entdeckt wird, entsteht ein ganz neues Vertrauensfeld für die ganzen Familien.

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