Loslassen oder aufgeben?

Anthony de Mello schreibt über die vier Stufen des Gebets:
„Ich spreche, du hörst zu.
Du sprichst, ich höre zu.
Keiner spricht, beide hören zu.
Keiner spricht, keiner hört: Schweigen.“
(Der Dieb im Wahrheitsladen, Herder Freiburg 1997, S. 334)
Ja, es ist seltsam mit dem Beten. Manchmal bin sprachlos, meist bleibe ich ohne Antwort, oft gehen die Gedanken eigene Wege, manchmal wiederhole ich mich, setze neu an, selbst beim Vater Unser. Schweigen gelingt selten so, dass auch die Gedanken schweigen. Dass ich sozusagen ungewollt vergesse zu denken. (Übrigens eine wohl äußerst seltene, aber großartige Erfahrung. Ich vermute, ich bin bei dem Geschriebenen nicht allein.)
Es ist noch nicht lange her, da hörte ich beim Meditieren oder Beten unerwartet und unerbeten eine Antwort, eine Stimme. Ich nenne den Sprechenden einmal einfach Gott; ich hörte ihn sagen: „Loslassen heißt nicht, dich aufzugeben.“
Überrascht dachte ich selbst den Satz weiter: „Loslassen heißt sich neuen Dingen zuwenden.“
Zweifellos waren beide – das zugesprochene Wort und der ihm folgende Gedanke – schon im weitesten Sinn situationsbedingt entstanden. Der Ge-danke ans „Loslassen“ begleitet einen 73-Jährigen, der ich nun mal bin, täglich; manchmal schmerzhaft: ich muss; manchmal erleichtert: ich darf; gelegentlich leicht stolz: ich kann. Mit den Jahren habe ich Loslassen geübt – vor 43 Jahren bei einer Scheidung, beim Sterben beider Eltern und zahlreicher Freundinnen und Freunde, bei Stellenwechseln und dem damit fast zwangsläufig verbundenen Verlust eines Freundeskreises; ja, beim Loslassen aller vier Kinder. Mit jedem übte ich, alleine Fahrrad zu fahren, lief lange die Schulter des Kindes haltend nebenher, ließ dann los – und siehe, sie fuhren allein. Sie gingen alleine in die Schulen, machten ihre guten und schlechten Lie-beserfahrungen. Heute freue ich mich an sechs gesunden Enkeln.
Ich konnte in der Seelsorge mit Trauernden nie den Satz verstehen oder gar sprechen: „Sie müssen loslassen.“ (Manche besonders überzeugungswilligen Mitmenschen sagen gar: „Du musst einfach loslassen lernen.“)
Wer loslassen muss, fällt. Wer aufgibt, verliert den Halt.
Nein, auch wenn ich durch den Tod eines lieben Menschen loslassen muss, ich gebe die Geliebte/den Geliebten nicht auf. Sie oder er bleiben – als Teil meiner Geschichte, meiner „Erzählung“, meiner Gedanken und Gebete, meiner Prägungen wie meiner Oberflächlichkeiten. Und auch ich bleibe Teil ihrer oder seiner Geschichte, auch wenn nur als Randnotiz. Wir lassen uns nicht los.
Und: Wir geben uns nicht auf.
Wende ich mich neuen Aufgaben (ein spannend vielbedeutendes Wort: „Auf-Gabe“, „aufgeben“) oder Menschen zu, nehme ich die mit dem Loslas-sen und dem/der Losgelassenen gemachten Erfahrungen mit. So entsteht von Kleinstkind an ein eigentlich „irres“ Netzwerk.

Ich weiß, der Gedanke ist von Martin Luther. Aber wie und wo auch im-mer ich in meinem Rechner, in meinen vielen Lutherbänden suche, ich finde das zugrunde liegende Luthersche Zitat, den gedanklichen Ausgangspunkt meiner folgenden Geschichte – (G. E., Es ist schön, dass es mich gibt. Zur Konfirmation, Stuttgart 1997, S. 54) – nicht mehr. (Diese vergebliche Suche passt typisch zu den vorherigen Gedanken vom Loslassen …)

Der Weise fragt: „Weißt du, wie Gott dein Leben sieht?“
Ich antworte: „Ich weiß nicht, wie Gott mein Leben sieht. Vielleicht wie ein Buch, in dem alles geschrieben steht.“
Er sagt: „Gott sieht mehr, als du in ein Buch schreiben kannst.“
Ich meine: „Dann vielleicht wie ein Weidengeflecht.“
Er antwortet: „Gott sieht mehr, als du in ein Weidengeflecht flechten kannst.“
Ich machte einen letzten Versuch: „Vielleicht sieht Gott mein Leben wie einen langen Weg.“
„Du bist nahe an der Wahrheit“, sagt der Weise. „Aber Gott sieht weiter, als du je gehen könntest.“
„Dann lass du mich wissen, wie Gott mein Leben sieht.“
Er: „Gott sieht dein Leben wie ein Wollknäuel (bei Luther „knewel“). Es wiegt, wenn du es in der Hand hältst, vielleicht fünfzig Gramm und misst vielleicht zehn Zentimeter im Durchmesser. Legst du den Faden aber aus, so misst er zweihundertfünfzig Meter oder mehr. Wickelst du den Faden zu einem Knäuel, dann siehst du bald den Anfang nicht mehr. Immer mehr ist verborgen: Einzelne Strecken, kurze Abschnitte, Erlebtes, Träume, Gespräche, Briefe, Erlebnisse, Gedanken, Freud und Leid, Glück und Schlimmes – alles ist verborgen unter den obersten Fadenwindungen. Wenn du dein Leben betrachten wolltest, du müsstest das Wollknäuel auflösen, den Faden in die Länge legen und bis zu seinem Anfang zurückgehen. Du müsstest jede Stelle des Fadens einzeln betrachten, um dies oder jenes aus deinem Leben zu erfahren. Gott sieht anders. Gott sieht dein Leben wie ein ganzes Wollknäuel, alles in einem und auf einmal. Gott sieht dich ganz. Für ihn gibt es nicht Vergangenheit und Zukunft. Für ihn gibt es nur dich auf einen Blick. Und das Schöne ist: Er hält das Wollknäuel in seiner Hand. Er wird den Faden dei-nes Lebens nicht verlieren. Und wenn dich die Kraft verlässt, dann webt er weiter.“

Summa: Ich kann loslassen. Gott gibt mich nicht auf.

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