Der lange Atem

Schlicht, aber „schnappatmungsintensiv“ (Hamburger Abendblatt) rauschte Helene Fischer ab November 2013 „Atemlos“ durch die Charts und die Nacht.
Ein Mensch atmet täglich etwa 20.000-mal und bewegt dabei rund zwölf Kubikmeter Luft.
Der Buddha lehrte seinen Mönchen die Methode „Anapanasati“, die Achtsamkeit auf den Atem, ein 16-Stufen-Weg, der Meditierende bis zur Erleuchtung führen kann.
Der Musiker Erich Wilk (1915–2000), geht von der kosmischen Beobachtung aus, dass es zwei Atem- bzw. Konstitutionstypen gibt: „Lunarer“ Atemtyp (= Einatem-betonter Typ) und „Solarer“ Atemtyp (= Ausatem-betonter Typ).
Achtsamkeitsseminare lehren, sich in Stresssituationen mit dem Atem anzufreunden.
„Gebet, Atem des neuen Lebens“ lautet der Titel eines neuen Buches von Papst Franziskus, das im Oktober 2019 in Italien und Frankreich erschien.
Die Broschüre „Atem holen“ wird von der Deutschen Ordensobernkonferenz herausgegeben und erschien zuletzt im Frühjahr 2019 in der 7. Auflage neu.
Während ich dieses Editorial schreibe, hält das Sturmtief Sabine Feuerwehr, Bahn, Flugverkehr und Polizei, die nachfolgende Sturmflut den Norden unseres Landes in Atem.
„Der lange Atem“ heißt der Journalistenpreis, den der DJV Berlin-JVBB seit 2007 jährlich an Journalistinnen und Journalisten vergibt.
2018 veröffentlichte Karl Kardinal Lehmann Gedanken über seine Wege, Erfahrungen, Einsichten unter dem Titel „Mit langem Atem“.
Benediktiner-Abt Jeremias Schröder fordert die Politiker in Deutschland auf, „etwas mehr Geduld aufzubringen“. Mit Blick auf Kramp-Karrenbauer und Nahles schreibt er im Februar: „In wenigen Monaten sind jetzt zwei recht fähige Parteivorsitzende verloren gegangen, weil in den Parteien der lange Atem zu fehlen scheint, mit dem man auch einmal eine Eintrübung überstehen kann. Das wirkt etwas fiebrig.“
Jürgen Klinsmann gibt den Trainerposten in Berlin nach 76 Tagen auf.
Der Verzicht von Kardinal Marx auf eine Wiederwahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz am gleichen Tag „ist ein Erdbeben für die Kirche in Deutschland. Seine Entscheidung lässt viele Fragen offen und irritiert nicht weniger“, kommentiert Roland Müller in „katholisch.de“.

Geht uns die Luft aus? Leiden wir kollektiv an Kurzatmigkeit?

Unter dem Titel „Atemraum“ schreibt Peter Goes in seinem kleinen Gedichtband „Die Kraft der leisen Töne“ (Berlin 1994, S. 22) u. a. folgende Zeilen:
„Wenn du mit einem langen
verständnisvollen Blick
mir in die Augen siehst
und so die wunde Seele
in die Wärme deiner
stummen Nähe ziehst,
dann öffnet sich in mir
die Stimmung für den Traum
für Poesie, und sieh!
Auch du gewinnst
den Atemraum,
wo du verstanden wirst
und sein kannst
wie du bist,
nur du“

Einer des anderen „Atemraum“, eine der anderen Luftpolster. Ein wichtiger Gedanke.
Gehetzte Menschen atmen kurz. Gelingt es uns, die Menschen in einen „Atemraum“ einzuladen, in dem ein „Langer Atem“ spürbar ist? Wohl nur dann, wenn wir selbst nicht unter „Kurzatmigkeit“ leiden.

Ich habe drei Redaktionsbeiratsmitglieder gebeten, in diesem Themenheft sich sehr persönlich der Frage zu stellen: „Geht der Kirche die Luft aus?“
Ebenso finden Sie einen thematischen Beitrag in der Rubrik „Seelsorge im Gespräch“: „Den letzten Atemzug gibt es nicht mehr …“ und zwei Alternativpredigten über wesentliche biblische „Atem-Texte“.
Den Leserinnen und Lesern wünsche ich, dass sie im jeweiligen Urlaub einen weiten Atemraum finden.

Gerhard Engelsberger

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