"Geh aus, mein Herz, und suche Freud" (EG 503) – Versuche, mit einem Lied neu sehen zu lernen

Die besondere Predigt, Pastor Tobias Götting

„Geh aus, mein Herz“

Es ist schon wieder so ein mittelgrauer Morgen. Zumindest in der Wohnung von Frau Manke (Name geändert). Die gründlich wirksamen Rollos sind zugezogen, eine kahle Glühbirne macht ein fahles Licht. Sie öffnet vorsichtig die Tür, als ich zum wiederholten Male an diesem Morgen bei ihr klingele. Es ist, als habe sie Angst, es könnte eine frische Portion Leben zu ihr hineindringen, mit der sie nicht um­zugehen wüsste.

Es braucht Zeit, bis ich hineinkommen darf, und es dauert dann eine weitere Stunde, bis sie bereit ist, die Rollos ein Stück zu öffnen. Sonnenstrahlen fallen schnell ein in das Zimmer, als wollten sie die verpassten Gelegenheiten der letzten Tage und Wochen nachholen. Erreichen auch den letzten Winkel, in den sie sich zu verkrümeln suchte. Auf dem Tisch ein Stapel ungeöffneter Post. Rechnungen, von denen sie wohl gehofft hatte, sie würden sich durch konsequentes Nichtbeachten von selber erledigen. Aber vermutlich hat sie so weit gar nicht denken können. Die Sonnenstrahlen bringen auch etwas Wärme in die kleine Wohnung.
„Wie ist es jetzt, mit den geöffneten Rollos?“, frage ich. „Gut“, sagt sie, aber weder sie noch ich trauen dieser Antwort.
„Die anderen“, sagt sie nach einer Weile, „die reden immer schlecht über mich. Darum bleibe ich lieber gleich hier drinnen.“ - „Was sagen sie denn?“, frage ich vorsichtig nach. „Ach, so etwas, dass - dass sie mich nicht mögen oder so.“
Es braucht noch eine weitere, ganze Weile, bis auf einmal klar wird, dass niemand auch nur einen einzigen dieser Sätze jemals zu ihr gesagt hat. Es ist vielmehr die eigene Stimme der Entwertung. In einem langen Leben, in nun schon fast 70 Jahren eingeübt und in der Einsamkeit hartnäckig - und ja auch vertraut - geblieben.
Es sind die brutalen Sätze, die lauten: „Ich bin nichts wert. Ich bin nicht gebraucht. Ich bin zu nichts nütze.“
Ein weiter Weg ist es über einige Stunden an manchen mittelgrauen Morgen in ihrem halbverdunkelten Wohnzimmer, bis sie eine leise Ahnung davon hat: „Ich bin, so wie ich bin, in Ordnung.“

Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen. Manchmal braucht es eine andere Stimme, die dir sagt: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud.“ Wenn eine sich in ihrem Schneckenhaus eingerichtet hat, in sich selbst versteckt und verkrümmt, dann braucht es eine andere Seele, die sie anstupst und sagt: „Bleib nicht hocken in deinem Versteck, etwas Besseres als den Tod der Einsamkeit mitten im Leben magst du überall finden.“

Ein paar Wochen später, es ist Sommer geworden inzwischen, fährt sie eines Morgens auf dem Fahrrad an mir vorbei. „Und die Rollos?“, rufe ich ihr zu.
„Aufgezogen“, sagt sie und winkt und strahlt. Und radelt weiter.

„Ich selber kann und mag nicht ruh’n“

Oma Elfriede hatte eigentlich immer eine karierte Schürze aus frisch gestärktem Leinen um. Mit der stand sie den ganzen Vormittag in der Küche und zauberte für die wohl immer hungrige Großfamilie ein mehrgängiges Mittagsmenü auf dem kleinen Herd in der gefühlt noch kleineren Küche.

Und auch sonst: Diese kleine zarte Person war voller Energie und Tatendrang. Zäh und beharrlich. Entschlossen und - wo nötig behutsam - packte sie an.

Sie hat, wie so viele Frauen ihrer Generation, ein schier unvorstellbares Arbeitspensum absolviert. Ihre Kraft bekam sie aus dem unerschütterlichen Vertrauen darauf, dass der Herr des Himmels und der Erden sie begleitet, schützt und segnet. Von ihm wusste sie ihre Sinne und Hände geschenkt und erweckt und erhalten. Ihm wollte sie dienen und tat das in stetiger Zuwendung zu ihren Nächsten und auch zu nicht wenigen ganz am Rande.

Als sie sehr alt wurde, musste sie die Schürze ein für alle Mal ablegen. Die Hände, die ein Leben lang so vieles geschafft hatten, waren mehr und mehr zur Tatenlosigkeit verdammt. Es war ein schwerer und bitterer Abschied für sie, als die gewohnten Verrichtungen ihr nicht mehr gelingen wollten.

Vielleicht war das am Ende die schwerste Lektion, die ihr das Leben abverlangte: objektiv nicht mehr gebraucht zu werden und doch ganz persönlich tief drinnen nicht das Gefühl die Oberhand gewinnen zu lassen, zu nichts mehr nütze zu sein. Lange hat sie die Hände noch zum Gebet für andere gefaltet. Und ich hatte lange Zeit Angst davor, was geschehen würde, wenn sie nicht mehr für uns alle bei ihrem lieben Gott vorstellig werden könnte.

„Ich singe mit, wenn alles singt ...“

Wilfried sah mich aus seinen dunklen Augen lange an. „Bei meiner Beerdigung, da wird gesungen! Bloß nicht so viele Worte machen. Singen sollt ihr!“
Wie hätte ich ihm, dem Schwerkranken, diesen Wunsch abschlagen können. Und es machte ja auch Sinn. Er war ein sehr erfolgreicher Anwalt gewesen, hatte beruflich und auch sonst viel erreicht, war ein angesehener Ehrenamtlicher in seiner Kirchengemeinde, jahrzehntelang. Aber in sein Herz konnte man nur dann wirklich schauen, wenn er sang.
Er hat die Gottesdienste besucht und im Kirchenchor gesungen. Er hat zu Hause am Klavier gesessen und sich selbst begleitet. Er hat Schallplatten aufgelegt und seine Stimme dazugefügt. „Ich will singen dem Herrn mein Leben lang und meinen Gott loben, so lange ich bin“ - dieses Psalmwort aus dem 104. Psalm war sein Motto, ebenso wie jener Vers aus Paul Gerhardts großem Sommerhymnus, wo es heißt: „Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen“. Aus seinem Herzen rann Dankbarkeit, Glück und strahlende Schönheit, wenn er sang.

In jüdischen Schriften kann man etwas davon lesen, dass der ganze Körper zu Gesang werden soll: „Singt Gott mit allen Gliedern“ - 248 haben sie gezählt. Wer seine Stimme schön macht, wer wie Wilfried mit allen Gliedern zu singen vermag, der ist Teil des großen Chores, der Gott lobt in der wunderbaren Vielstimmigkeit seiner ganzen Schöpfung. Wer seinen Lebenston zu treffen vermag, der mag sich eins fühlen mit dem Klang der Welt, und dann singt „es“ in ihm oder ihr. Dann ... „schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen“ (Joseph von Eichendorff).

Wilfried hat in den letzten Jahren kaum mehr singen können. Die bittere Krankheit hat die Stimme immer brüchiger werden lassen. Aber auch das verletzte Leben war noch voller Gesang. Auf seiner Beerdigung haben wir gesungen. „Ich singe dir mit Herz und Mund“, „Du, meine Seele, singe, wohlauf und singe schön“ und natürlich „In dir ist Freude in allem Leide“.

„Was wird dann wohl nach dieser Welt, dort in dem hohen Himmelszelt und güld’nen Schlosse werden?“

Die Frage kommt vom Grund der Seele, und sie kommt sehr plötzlich: „Herr Pastor, Sie müssen es doch wissen, wie ist es denn nun eigentlich im Himmel?“
Die, die mich so fragt, ist eine echte Dame, weit über 90 Jahre alt. Sie hört den Meister Tod manchmal leise anklopfen, gelegentlich auch schon sehr deutlich. Auch darum ihre Frage. Kein verspieltes Nachdenken am grünen Tisch aus Lust am Philosophieren ist das, sondern ein ­Aufs-Ganze-Gehen: „Sie müssen es doch wissen.“

„Nein“, sage ich vorsichtig, „wissen kann ich es nicht.“ Glauben ist doch nie Wissen, ist eher ein Vertrauen, manchmal nur eine Ahnung, eine Hoffnung, ein positiv eingefärbter Verdacht ... Ein: „Könnte doch sein, dass ...“

Selbst unsere Bibel, und das liebe ich sehr an ihr, ist ja fast zurückhaltend im Beschreiben der anderen Seite der Lebens-Medaille. Es ist eher ein Benennen all dessen, was nicht mehr sein soll. Leid, Schrei, Schmerz und Geschrei - alles das soll vorbei sein. Anderes soll dann Raum gewinnen: Licht und Liebe, Frieden und ein unverlierbares, unzerstörbares Wesen, das viel mit Gott zu tun haben wird.

Und auch Paul Gerhardt beginnt seine Bilderreise in seinem Sommerhymnus zunächst sehr seelsorglich mit einer Frage: „Was wird doch wohl in jener Welt und in dem hohen Himmelszelt und güld’nen Schlosse werden?“ Auch er hat ja keine Fotografien, er nähert sich an mit bewegenden Höhenflügen seiner Hoffnung: „Welch hohe Lust, welch heller Schein wird dort in Christi Garten sein“.

So ganz zufrieden ist sie nicht, die alte Dame in unserer Runde im Altenheim. Das war vor sechs Wochen. Jetzt weiß sie es, denn sie ist wenige Tage nach unserem Gespräch gestorben. Gott wird ihr jetzt schon Antworten gegeben haben, die wir hier noch nicht alle kennen.

„Mach’ in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd’ ein guter Baum“

Ich muss nicht Gottes Gartens schönste Blume sein - es reicht, ein „guter Baum“ zu werden. Fest gegründet und verwurzelt auf dem Boden des tatsächlichen Lebens. Und doch himmelsnah mit meinen Ästen hoch oben in den Wipfeln meiner Sehnsucht.
Der Förster Peter Wohlleben hat ein faszinierendes Buch über die Bäume geschrieben. Im Wald geschehen die staunenswertesten Dinge. Bäume kommunizieren mit­einander. Sie umsorgen nicht nur liebevoll ihren Nachwuchs, sondern sie pflegen und hegen auch alte und kranke Nachbarn. Bäume haben Empfindungen, etwas wie ­Gefühle, ein Gedächtnis. Unglaublich dies alles, aber wahr für den, der richtig zu lesen weiß. (Peter Wohlleben: „Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt“, München 2015)

Und die Bäume lehren mich noch ein Letztes, für das ich ihnen dankbar sei will. Der Dichter Günter Eich hat es in seinem Gedicht „Ende eines Sommers“ so berührend beschrieben:
„Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume? Wie gut, dass sie am Sterben teilhaben.“
Oder mit Konstantin Wecker: „Das mag ich so an den Bäumen / ihr Wissen um Sterben und Sucht / was sie sich im Frühjahr erträumen / verschenken sie später als Frucht.“ (Konstantin Wecker: „Vom Weinstock und den Reben“)

Tagesgebet:
Gott, Du lockst uns aus mancher Enge und Angst in die Weite Deiner wunderbaren Schöpfung. Lehre uns staunen, danken und loben. Lass uns den Ort finden, an dem das Leben schon auf uns wartet.

Bausteine für ein Fürbittengebet:
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ -
so singen wir gerne.
Hilf, Gott, dass wir nicht hocken bleiben
in der vertrauten, aber kargen Enge.
Hilf, dass wir dieses schöne, schwere Leben wagen.

„Ich selber kann und mag nicht ruh’n“ -
so singen wir gerne.
Hilf, Gott, dass wir vor unseren Aufgaben nicht weglaufen.
Hilf, dass wir uns und andere vor Überforderung bewahren, lass Zeit für Ruhe und Freiräume von allem Zwang.

„Ich singe mit, wenn alles singt“ -
so singen wir gerne.
Hilf, Gott, dass wir Dich loben mit unseren Lieder und unserem Leben.
Hilf, dass wir jede und jeder den Ton unseres Lebens treffen.

„Mach in mir Deinem Geiste Raum“ -
so singen wir gerne.
Hilf, Gott, dass Dein Geist der Liebe und des Verstehens auch in mir Raum findet. Hilf, dass wir einschreiten, wo der Ungeist von Hass und Vergeltung um sich greift.

„Erwähle mich zum Paradeis“ -
so singen wir gerne.
Hilf, dass ich das Ziel meines Lebens nicht aus dem Auge verliere. Hilf, dass ich meine Verstorbenen geborgen weiß in Deinem Anderland, wo Licht und Liebe ist und Frieden.

Psalmvorschlag: Psalm 104
Lesung: 1. Mose 12,1-9
Liedvorschläge: 503 (Geh aus, mein Herz)
504 (Himmel, Erde, Luft und Meer)
324 (Ich singe dir mit Herz und Mund)

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