Anrufe

Anruf
„Guten Tag! Hier spricht Silke Waschmeier von Tun und Lassen. Ich habe eine Überraschung für Sie. Sie haben sage und schreibe einen A 4 gewon …“
„Herzlichen Glückwunsch! Die Märchenfee hat Ihre Nummer gezogen! Herr Engelsberger, ab sofort sind Sie im Besitz eines …“
„Spreche ich mit Herrn Engelsberger? Ja! Dann freut es mich ganz besonders, Ihnen sagen …“
„Herr Engelsberger, ist Ihre Frau da? Nein? Aber Sie freuen sich sicherlich mit ihr. Sie hat nämlich bei unserer Ziehung einen Neuwagen ge …“

Anruf - Warten
Im Warteraum leben unzählige Frauen. Trotz Kinderwunschzentrum und modernster Medizin. Zwei, drei, vier Versuche. Sie weint.
Sarah hat gelacht.
Rebekka hatte Schmerzen und musste sich sorgen.
Elisabeth hat sich versteckt.
Maria fragt kurz nach, dann sagt sie Ja.
In dieser Aufzählung scheint die Jüngste - sie wird damals vielleicht 14 Jahre alt gewesen sein - die Reifste zu sein. Vielleicht gelassen, vielleicht auch nur naiv. Es kam über sie überraschend, unerwartet.

Anruf - warten - auflegen
Sie versuchen es immer wieder. Die Reinlegemasche der Werbeindustrie. Ich lege - vielleicht ist das mein Fehler, müsste ich sie doch auf ihr Geschwätz festnageln und ihren Quatsch ad absurdum führen - den Hörer auf. Ich reagiere mit einem Sofort-auflegen-Reiz.

Online bleiben
Unser Herz ist unruhig, bis dass es Ruhe findet in dir, betet Augustinus.
Bei Marqués de Santillana lese ich: Ich wünsche, nichts zu wünschen, und begehre, nichts zu begehren.
Ingmar Bergman sagte in einem Filmporträt: „Es ist etwas ungeheuer Lustvolles, mit niemandem sprechen zu müssen. Stille ist etwas Großartiges.“
Und Martin Luther betet: Siehe, Herr, ich bin ein leeres Gefäß, das bedarf sehr, dass man es fülle.
Ich erlebe den Advent neu. Lerne die Sehnsucht von Anfang an.
Ohne die klaren Vorstellungen,
was werden soll und wie es werden soll.
Es muss Bereiche in meinem Leben geben,
die offen bleiben.
Es muss einen Raum in mir geben,
der noch nicht besetzt ist.
Dann kann die Liebe einziehen.
Dann kann Gott einziehen.
Dann kann Ruhe einziehen.
Dann wird es still.

Erinnern
Als Johannes noch ein klitzekleines Baby war, frisch geboren, da hat sich sein Vater sehr gefreut. Und er hat ein Lied gesungen. Normalerweise halten sich die Väter beim Sin­gen je etwas zurück und überlassen das den Müttern, aber hier war’s anders.
Es ist immer schön, wenn man sichtbare Erin­nerungen an die Vorfahren erhalten und aufbe­wahrt hat.
Von meinem Ur-Urgroßvater habe ich nur noch einen Auszug aus dem Taufbuch der Evangelischen Pfarrei Stein. Dort steht, dass er als Bürger und Weber in Stein gelebt hat.
Von meinem Urgroßvater habe ich noch die Traubibel. Von 1885. Er lebte als Arbeiter in Stein.
Von meinem Großvater habe ich noch einen Bierkrug. „Kanonier Lansche - Erinnerung an das Kaisermanöver 1909“. Wenn er nicht gerade ins Manöver zog oder gar in den Krieg, war auch er Arbeiter in Stein. Goldarbeiter.
Von meinem Vater habe ich mehr Er­innerungen. Unter dem Vielen, angefangen von seiner Nähmaschine - er war Schneidermeister - über Tee-Rezepte bis zu seiner Geige, unter dem Vielen sind eine Plakette aus Blech und zwei Schreiben.
Auf der Plakette steht: Kriegsmarine 6287/44 K. Zweimal steht das da. In der Mitte eine Kerbe. Zum Auseinanderbrechen. So einfach ist das.
Und die zwei Schreiben?
Das eine ist mit einem Fingerabdruck des rechten Daumens versehen. Darauf steht, dass er am 22. Juli 1945 aus amerikanischer Gefan­genschaft entlassen wurde.
Im zweiten Schreiben vom März 1946 steht: „Auf Befehl der Militär-Regierung wird Ihnen mitgeteilt, dass Sie nach Vornahme der poli­tischen Prüfung für einwandfrei erklärt wur­den.“

Was sind das für Geschichten! Ein Eintrag ins Taufbuch, eine Bibel, ein Bierkrug vom Kaisermanöver, die Erkennungsmarke eines Sol­daten, der Entlassungsschein aus der Gefan­genschaft und die Bescheinigung „politisch einwandfrei“.

Mein Vater ging mit mir und meiner Mutter in die Kirche.
Er sang im Kirchenchor an Weihnachten das „Gloria in Excelsis Deo“. Er spielte im evangelischen Kindergarten den Nikolaus. Er hat mir die Sternbilder beigebracht. Was habe ich ihn geliebt. Er ist früh gestorben.

Es kommt ein Kind
Gott scheint alles durchprobiert zu haben, als ob er sich selbst nicht sicher sei.
Adam, Eva, ein Volk, viele Völker, Propheten, Könige, Männer, Frauen, Einsiedler, Priester, Helden, Heerführer, Mütter … jetzt ein Kind.
Das Kind kommt uns entgegen, ein Licht, damit wir den Weg zu Gott finden.

In einem meiner letzten Bücher habe ich die Einsicht festgehalten:
„als ich klein war
dachte ich
die Eltern machen es schon
als ich jung war
dachte ich
das schaffe ich selbst
als ich zwanzig war
dachte ich
mir kann keiner
als ich älter wurde
dachte ich
das wird schon
als ich vierzig wurde
dachte ich
noch viele Möglichkeiten
als ich pensioniert wurde
dachte ich
es geht nicht ohne mich
als ich pensioniert war
dachte ich
habe ich nicht recht gehabt
und heute
denke ich
meine Enkel machen das schon“

(Gerhard Engelsberger, Wunderwege. Sinngeschichten und Impulstexte, Gütersloh 2015, S. 44)

Vielleicht, dass dann doch (s)ein Kind befreit?

Jörg Zink, mein langjähriger Lehrer und danach ebenso langjähriger lieber Freund, ist am 9. September gestorben. Ich saß an der Endredaktion der Dezembernummer.
Sie kennen ihn alle, seine Bücher, seine Ausstrahlung, die Wucht seiner Gedanken und die Zärtlichkeit seiner Blicke und Gebete.

Er schrieb:
„Wenn ich einmal gestorben bin
- so denke ich mir -,
betrete ich einen Raum,
der mir bis dahin fremd war,
den ich aber glaube.
Er war ‚jenseitig’ und wird im Tod
und in der Auferstehung zu ‚meiner Welt’.
Im Tode geschieht nichts anderes
als hier schon bei jeder neuen Einsicht:
Meine Welt wird weiter.
Mein Diesseits wird größer.
Vieles wird mir auch dann noch verborgen sein.
Aber mein Blick wird tiefer dringen
in das Geheimnis Gottes,
tiefer in das Geheimnis seiner Welt
und auch in das Geheimnis,
das ich mir selbst bin.
J. Z.“
Ja, es tut weh.
Aber Jörg hat mit uns Loslassen geübt,
anders blieben wir am Diesseitigen haften
und wären nicht offen für das Geheimnis.
Ja, wir trauern mit Heidi und der ganzen Familie.
Aber Jörg hat Verbindungen geknüpft und Brücken gebaut,
die eine große Tragweite hatten.
Ja, es tut weh.
Nein, es tut nicht mehr weh.
Leb wohl, Jörg.

Seien Sie herzlich gegrüßt zum Weihnachtsfest. Danke für Ihre Treue. Dank allen Autorinnen und Autoren. Vor uns liegt ein wichtiges Jahr. Gebe Gott seinen Segen.

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