Kirche des Wortes – Zuspruch, Anspruch und andere Zumutungen

Wohl selten geschieht es einem Pfarrer oder einer Pfarrerin, dass er/sie ein Buch seines/ihres Landesbischofs erhält, das er/sie für echt spannend hält.
So geschehen Anfang 2015 mit Jochen Cornelius-Bundschuh, Die Kirche des Wortes. Zum evangelischen Predigt- und Gemeindeverständnis, Göttingen 2001. Ich habe eine Menge gelernt. Anders ausgedrückt: Ich habe mir eine Menge sagen lassen. Und das war gut so.

Ich beginne mit meinem eigenen Einstieg.
Ich durfte in meiner ersten Gemeinde in der Mannheimer Friedenskirche am 22.2. (am Sonntag Invokavit) den Gottesdienst halten. Invokavit lässt uns protestantische Pfarrerinnen und Pfarrer aufhorchen. Etwa zwei Wochen vor dem Gottesdienst kam mir die Habilitationsschrift meines im Juni 2014 in seinen Dienst als Landesbischof in der unierten badischen Landeskirche eingeführten Autors in die Hand.
Ich blätterte und fand auch viele Seiten über Luthers Invokavit-Predigten in Wittenberg 1522 auf dem Höhepunkt eines Konflikts innerhalb der Protestanten. Ich habe mich (gerne) festgelesen.
Cornelius-Bundschuh unterliegt 2001 nicht einmal dem Verdacht, er habe - wie viele in diesen Tagen - im Blick auf 2017 geschrieben. Er schreibt als praktischer Theologe, die homiletische Geschichte im Blick, die heutige Predigt auf der Agenda.
„,Gott hat sich an das äußere Wort der Predigt gebunden. Wir sollen seine Gegenwart nirgendwo anders als dort erwarten, weil hier die Gewaltförmigkeit und Eigenmächtigkeit menschlichen Handelns auf ein Minimum reduziert ist und Raum wird für Gottes Handeln.’ Sehr schön wird dies an dem Bild aus ,De servo arbitrio’ deutlich, das die Mächtigkeit des Predigers zum Ausdruck bringt: ,Nichts ist also bei uns - wie der Wolf zu der Nachtigall sagt, die er verschlingt: Du bist eine Stimme, sonst nichts.’“ (S. 183)
„Luther sieht jedoch nicht nur die grandiose Wirkmacht des gepredigten Wortes, die darin gründet, dass sie Anteil hat an der Natur des göttlichen Wortes: ,natura enim verbi est audiri.’ Mit der häufig wiederholten Bestimmung ,sonst nichts’ stellt er auch eine spezifische Begrenztheit des Predigt-Geschehens heraus.“ (S. 181)

Vielleicht wiederhole ich mich in meinen homiletischen Fragen.
Lieber Landesbischof Cornelius-Bundschuh:
Gerne bin ich eine Stimme und nur eine Stimme. Aber - bin ich predigend - eine Stimme Gottes, gar - für die je versammelte Gemeinde - heute die Stimme Gottes?
Wer gibt mir die Vollmacht angesichts eigener Ohnmacht?
Ist es meine Ordination 1974 mit Handauflegung und biblischen Voten?
Die Ausbildung?
Der wissenschaftliche Diskurs?
Die Taufe 1948?
Ein Sendungswort?
Eine der Kirche zugesagte Verheißung?
Das Gebet der Schwestern und Brüder?
Die Fürbitten der Gemeinde?
Wer verwandelt heilend meine persönliche Klage oder mein persönliches Lob in ein göttliches Wort? (Eine andere Form der Transsubstation?)
Oder sollte ich in einer Art Fastenzeit auf eigene Predigtworte verzichten und „nur“ biblisches Wort lesen und vortragen? Wie entlastend! Wie erklärungsbedürftig!

Doch: Schon die Art und Weise, wie ich „vortrage“; in welchem Raum ich lese oder spreche; wer aus der Bibel liest; bin ich Frau oder bin ich Mann; wer beauftragt, zu lesen; bin ich gesund oder krank; bin ich fröhlich oder traurig; wer hört und in welcher Verfassung und Umgebung hört er oder sie; wer lädt ein; wie wird eingeladen; erscheint der Name der Predigerin oder des Predigers in der Presse oder wird der Name nicht genannt; warum nicht?

Wie ich es drehe oder wende: Hängt das Wort Gottes an der Predigt und hängt die Predigt an der Person des/der Predigenden, dann muss eben über die Person gesprochen werden (- und wird auch in der Gemeinde gesprochen; zur Genugtuung der einen, zum Verdruss des anderen Predigenden).

Nein, lieber Landesbischof, mir käme der Anspruch Luthers nicht in den Sinn.
Und doch ist mir diese Verheißung zugesprochen:
mir, dem Brüchigen, dem Schwachen, der Wortmächtigen und dem nach Worten Suchenden, dem Irrenden und Schuldigen, der Überarbeiteten wie der Promovierten, dem Belesenen und Vergesslichen, der Pfarrerin im Rundfunk oder im Fernsehen wie dem Pfarrer mit vier Predigtstellen auf dem Land; der Seelsorgerin auf der Krebsstation wie der jungen Pastorin, die am nahegelegenen Bach Kinder tauft; dem Jungen wie dem Alten. Ach!
(Ende meiner Fragen an den Autor.)

Ich kenne mich. Sie als Leserinnen und Leser kennen sich auch.
Sind Sie auf der Kanzel „Sprecherin oder Sprecher Gottes“?
„Luther beharrt auf der verständlichen, muttersprachlichen, aktuellen, mündlichen Auslegung und wendet sich gegen jede menschliche Verfügbarkeit des Wortes.“ (S. 188)

Wer sind wir?
Wer bin ich als sonntägliche und - bei Kasualien - mehrfach wöchentliche Predigerin?
Wer bin ich als Prädikantin?
Und wer bin ich „in Vertretung“?
Kann mich jemand in die Pflicht nehmen und sagen: Das war Gottes Wort?
Oder gar: Das war nicht Gottes Wort!
Bin ich Stimme - oder habe ich (nur) eine Stimme?

Immer wieder betont Luther: „Halte dich an die Predigt!“ (S. 205)
Doch: Hält sich die Gemeinde dann nicht an mich?
Und wer bin ich?

Ich spüre dem Buch meines Landesbischofs dankbar die Leidenschaft für das „Wort“ und die Predigt ab. Aus dem Anspruch, „Kirche des Wortes“ zu sein, taucht eben kurz vor dem Reformationsjubiläum für mich ein reformatorischer Anspruch auf, der uns einladend unterscheidet von den katholischen und orthodoxen Geschwistern.
Dieser Anspruch stellt uns allerdings gleichzeitig infrage als Frauen und Männer auf der Kanzel. Sind wir - ist überhaupt ein Mensch - dem reformatorischen Anspruch gewachsen?

Cornelius-Bundschuh stellt in seinem Buch unterschiedliche homiletische Konzeptionen vor (Lange, Bohren, Daiber, Engemann). Keine dieser Konzeptionen überzeugte mich bisher bei meiner jahrzehntealten, sehr persönlichen Frage:
„Wer bin ich eigentlich, wenn ich predige?“
„Gibt es Grenzen - biografisch, politisch, theologisch?“
„sunt certi denique fines“ - schmal oder breit, links oder rechts, „fundamentalistisch“ oder „befreit“?
Gar: „Was und wie und wem predige ich, wenn ich eine Stimme Gottes sein möchte?“
Erst recht: „Ist die Ordination das Billett in einen hehren Club?“
Ist Sprachlosigkeit nicht ein existenziell theologisches, sind sprudelnde Worte nicht ein mediales Phänomen?
Sind wir ernsthaft eine „Kirche des Wortes“, oder nur eine beredte „Kirche der Wörter“?
Und wie unterscheidet man das eine vom anderen?

Meines - die Leserinnen und Leser mögen mir verzeihen, aber mich hoffentlich verstehen - „meines“ Landesbischofs Buch ist eine wichtige, vorläufig klärende Hilfe. Ich hoffe für die PASTORALBLÄTTER auf eine im begrenzten zeitlichen Maß begleitende und nachhaltige Unterstützung seinerseits.
Er hat zugesagt, 2016 einen homiletischen Beitrag für die PASTORALBLÄTTER zu schreiben. Ich werde ihn bitten, dabei meine Fragen aufzugreifen. Und schon jetzt zähle ich die Fragezeichen meines Editorials zusammen: Gefühlt sind es gut zwei Dutzend, auch wenn sie mit Semikolon daherkommen.
Ich freue mich auf seine Gedanken, denke erschrocken an die vorgegebene Zeichenzahl und an das menschliche Ermessen. Und gebe ihm gerne das Wort. Er ist mein Bischof.

Bis dahin:
Ja, ich bin eine Stimme.
Ich habe gut überlegt, was ich sage.
Ich habe so etwa vor Augen, wem ich das sage.
Ich habe den einen oder anderen Zweifel.
Das geht denen „unter der Kanzel“ nicht anders.
Ich weiß vielleicht mehr als sie.
Damit häufen sich bei mir eher die Zweifel, nicht die Antworten.
Am Ende grabe ich tief in meinem Glauben.
Erzähle, was mich hält.
Bekenne, was mich trägt.
Spanne ein biblisches Netz unter meinen schwachen Glauben.
Und bitte Gott, er möge halten, was ich zugesprochen habe.
Mehr geht nicht.

Ansonsten - Sie finden in diesem Hefte eine Fülle von Predigtgedanken zu den aktuellen Perikopentexten wie zu alternativen Anlässen (vom 175. Jahrestag der „Kindergärten“ über eine Otto-Dix-Bildpredigt, eine Predigt zum Kirchentagsthema, zum Johannistag oder zu Peter und Paul, bis zu einem Gottesdienst anlässlich des Beginns des Ramadan der muslimischen Gemeinden).
Die Juni-Ausgabe der PASTORALBLÄTTER ist reich an guten Predigten. Noch reichhaltiger als in sonstigen Monaten. Ermutigt durch die Anfragen der Leserinnen und Leser. Ermöglicht durch eine erstaunliche Weite und Breite an Autorinnen und Autoren. Und durch einen kreativen Redaktionsbeirat.

Vielleicht ist das doch ein protestantischer Reichtum, Kirche des gepredigten Wortes zu sein? Und dann selbst - in dieser Kirche - predigen zu dürfen.

Ein kurzer Hinweis schon auf die Sommernummer 7/8-2015:

  • Neun Gottesdienste vom 5.-13. Sonntag nach Trinitatis
  • Neuerscheinungen/Buchhinweise/Urlaubsliteratur
  • Erprobungspredigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis
  • Bildpredigt: Die Erfindung der Kindheit. Die Hülsenbeckschen Kinder von Philipp Otto Runge
  • Zwei Gottesdienste zum Ende des Ramadan (18.7.) und zu Christi Verklärung (19.8.)
  • Drei Vorschläge für Gottesdienste an Hochzeitsjubiläen und einiges mehr.

Ihnen allen einen gesegneten Kirchentagsmonat!
Und - wo möglich - eine ganzheitlich heilende Erholung.
Im Übrigen bin ich von Herzen dankbar für ein so reichhaltiges, spannendes und lebendiges Heft im Juni 2015. Manche werden es auch noch schätzen, wenn der Herbst die ersten Falten auf Erde und Seelen legt.

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