Der Monatsspruch im Juni 2015

1. Mose 32,27; Pastor Dr. Christian Nottmeier

Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.
1. Mose 32,27 (E)

Jakob ist ein erfolgreicher Mann. Aber er trägt eine Vergangenheit mit sich herum, die nicht vergehen will. Die Sache mit dem erschwindelten Segen des Vaters Isaak war kein Ruhmesblatt, das steht fest. Aus der Heimat musste er fliehen. Aber doch lag ein Segen auf ihm. Er hat es geschafft, ist erfolgreich, hat Geld und eine glückliche Familie. Sein Gott geht mit ihm. Deshalb hat er sich auch geschworen, dass dieser Gott auf ewig sein Gott sein soll. Seit dem Traum mit der Himmelsleiter steht das für ihn fest. Aber trotzdem: Diese Geschichte mit Esau, Isaak und dem Segen - das will er bereinigen, denn das plagt ihn. Immer wieder hat er mit sich gerungen, jetzt will er endlich den ersten Schritt tun.
Jakob macht sich schließlich auf den Weg der Versöhnung. Alles, was er besitzt, nimmt er mit, um Esau entgegenzuziehen. Auch eine der beiden Frauen und die elf Söhne sind dabei. Für Jakob geht es ums Ganze. Versöhnung kennt keine halbe Sachen.
Doch auch die Angst ist mit auf dieser Reise ins Ungewisse. Wie wird das Zusammentreffen mit Esau sein? Eigentlich muss Jakob das Schlimmste fürchten. Hatte Esau ihm nicht mehrmals mit dem Tode gedroht? Ob der Zorn sich über die vielen Jahre wirklich gelegt hat? Jakob kann es nicht recht glauben, aber er muss diesen Weg jetzt auf sich nehmen.
Seine Familie führt Jakob über den Fluss Jabbok, dann bleibt er allein zurück. Er will jetzt wenigstens die Nacht für sich sein, mit seinen Gedanken, Vorahnungen und Unsicherheiten. Aber Jakob findet keine Ruhe. Es ist düstere Nacht. Alle Not und alle Gefahr stürmen auf sein Herz und seine Gedanken ein. Jakobs Seele muss ringen mit dem Dunklen, Verborgenen und Verdrängten. Ein fremder Mann kämpft da plötzlich mit ihm, die ganze Nacht hindurch. Jakob hat Mühe, ihm standzuhalten. Eigentlich wäre es einfacher, jetzt umzukehren. Vielleicht ist es gar nicht Gottes Wille, dass er hier auf diesem Weg ist.
Jakob fühlt Angst und den Schmerz, die der fremde Kämpfer ihm zufügt. Was gibt ihm den Mut, nicht aufzugeben? Vielleicht ist es eine ziemlich gewagte Antwort, aber Jakob denkt: „Auch das Dunkle, das Verborgene, das ich jetzt erlebe, kommt von Gott. Der gütige Gott, den ich so gut zu kennen meine, der kommt jetzt im Verborgenen und Ungewissen, das vor mir liegt, zu mir.“ Er hofft jedenfalls, auch in diesem Kampf irgendwo die gütige Seite Gottes erkennen zu können.
„Lass mich gehen“, ruft der Fremde ihm da beim Anbruch der Morgenröte entgegen. Aber Jakob ist stur: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“
Der Fremde gibt sich als Gott selbst zu erkennen. Und dann segnet er Jakob, dieses Mal ein verdienter, kein erschwindelter Segen. Eigentlich müsste, wer Gott von Angesicht sieht, doch sterben. Und so erkennt Jakob, dass ihm nicht nur der Segen, sondern ein neues Leben geschenkt wird. Allerdings, er trägt Wunden von diesem Kampf davon. Seine Hüfte ist beschädigt, er ist nun ein Hinkender. Doch er weiß jetzt: „Ich kann neu leben, aus Gottes Geist der Liebe und Versöhnung.“ Jakobs Ringen mit seinem Gott - es führt ihn nicht in den Tod, sondern in ein Leben aus Segen und Versöhnung.
Auch die Vergangenheit verliert ihre belastende Seite. Esau empfängt Jakob freundlich.
Die Brüder können sich wieder in die Augen sehen, der Zorn des Älteren ist verflogen. Sie können neu anfangen. Für Jakob ein Gottesgeschenk.
Jakob hat in dieser Nacht eine andere Seite Gottes kennen gelernt: dunkel und geheimnisvoll, kein Gott des Erfolges und der religiösen Behaglichkeit, sondern des Schmerzes und der Konfrontation auch mit den eigenen Schattenseiten. Um den Segen dieses Gottes geht es ihm. Er verwandelt Jakob. Er ist nicht mehr nur Kämpfer und Streiter, sondern Versöhnter. Einfach ist dieser Weg nicht, aber er führt in die Freiheit.
Desmond Tutu schreibt in seinem neuesten Buch: „Es ist klar, dass Vergebung und Versöhnung keine sentimentalen Dinge sind. Versöhnung ist nichts für Weichlinge. Das ist eine harte Sache. (…) Vergebung ist die Reise, die wir unternehmen, um das Gebrochene, das Wunde und Zerrissene zu heilen.“

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