Heilsamer Widerspruch

Darf man das? Meine Frage ist keine moralische.
Meine Frage ist eine „theo-logische“, eine pastorale und eine existenzielle.
Darf ich das?
Darf ich über Schmerz und Leid so reden und schreiben, wie ich über Freude und Glück am anderen Tag rede und schreibe?
Darf ich über Gott so reden, wie ich über Menschen rede?

Ich lade ein zum Lesen der beeindruckenden Texte in den beigefügten „Bausteinen“. Wie kann man über den „Schmerz Gottes“ schreiben, wie es zum Beispiel 1972 Kazoh Kitamori getan hat?
Was erlaubt eine solche Sprache?
War es die Zeit (die entsetzlichen Bilder aus Vietnam, die Kontinente übergreifende Empathie mit Leidenden in Südamerika und Südafrika) oder war es ein neues „Begreifen“ von Gott?

Mir ist des Matthias Grünewald „Magdalenenklage“ nah. Sie zeigt den Gekreuzigten und die fühlbare Nähe derer, die ihn liebte. Doch der Schmerz des Gekreuzigten macht nur einen „religiösen“ Sinn, wenn der Schmerz des Gekreuzigten mein und dein Schmerz ist und umgekehrt; und wenn der Schmerz des „Schmerzensreichen“ eine echte anthropologische Aussage erlaubt; und wenn diese anthropologische Aussage - gegen alle Feuerbachsche Projektionstheorie - eine theologische ist.

Dabei haben Hunderttausende oder mehr das alles nach meinem Empfinden und Verstehen falsch verstanden: Sie schlugen sich selbst Wunden, quälten den eigenen (und nicht selten auch fremde) Körper.
Wer heute die Gräueltaten bestimmter Islamisten mit mir verabscheut, unterschlägt eine schmerzensreiche und leichensatte christliche Vergangenheit. Ich meine nicht die Kreuzzüge. Es beginnt früher. Und ich beharre nicht auf protestantischer Aufgeklärtheit. Es ging nach der Reformation weiter.
Ich lade Sie ein, das 2012 in 2. Aufl. erschienene Buch: „Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann, München 2012“, zu lesen. Einer meiner Buchhändler hat mich darauf hingewiesen. Und das war gut so. Ich lernte von Seite zu Seite hinzu.

Jetzt eben, als ich dies schreibe, läuten wunderschön die Glocken unserer katholischen Dorfkirche in Dielheim. Meist läuten die Glocken dann doch in Moll. Und wenn ich die Pilger-, Büßer- und Ketzerzüge bedenke, die unseren Weg (auch) gebahnt haben, dann nehme ich überlegene Wahrheitsansprüche zurück. Die wenigen, die sich jetzt einfinden zum Gebet, zur Messe ein paar hundert Meter weiter - sie kennen jedes Wort, jede Geste, den Klang in ihrer Kirche, die knarrende Kniebank, den Geruch des Weihrauchs. Dort sind sie in ihrer „zweiten Heimat“. Ich bin im Gebet mit ihnen.
Es „gibt nicht“ die Wahrheit.
Wahrheit ist immer eine Beziehungsgeschichte.
Wahrheit „währt“.
Und Wahrheit „geht“.
Wahrheit ist nie objektiv, nie vom Himmel gefallen, nie klar. Wahrheit ist immer „dein und mein“, immer widersprochen, immer widersprüchlich.

Bei einem Gottesdienst, den wir junge Schülerinnen und Schüler aus Baden Mitte der 1960er-Jahre auf Langeoog zu gestalten hatten, blieben die vorbereiteten Texte offensichtlich stumm. Denn einer aus den letzten Reihen, der sich später im Gespräch als Hans-Walter Wolf (Heidelberger Alttestamentler) entpuppte, monierte lautstark: „Bitte lauter! Wir verstehen nicht!“ Wie gut, dass es diesen kreativen Widerspruch gab. Hatten wir doch eben Wert gelegt auf unsere „Texte“.

Ich höre und spüre heute keinen Schrei.
Wie gelingt Dialektik bei Menschen, die den heilenden Schmerz des Widerspruchs nicht erfahren haben?
Was wird aus Gemeinden, deren Predigterlebnis immer gut ausgeht?
Wem schenken Menschen ihr Vertrauen, die nie gelernt haben, es zu hinterfragen?

„Kritischer müssen mir die Historisch-Kritischen sein!“, meinte Karl Barth 1922 in seiner zweiten Fassung des Römerbriefes. Der „Schmerz“ der historisch-kritischen Exegese war für die Kolleginnen und Kollegen vor „meiner Zeit“ heilsam. Wie dann die materialistische, die feministische usw. Exegese heilsam war.
Wir bewegen uns durch immer wieder neuen Schmerz, durch immer neue Widersprüche und Einsprüche auf die Wahrheit zu, der wir in diesem Leben nicht gewachsen sind.

Wie soll man dann die Passionsgeschichten der Evangelien verstehen? Ich meine, wir sollten sie verstehen als großartige, demütig gebeugte, einige Schritte zurücktretende Literatur. Vielleicht aus der hilflosen, widersprüchlich beteiligten, entsetzten und doch nur beobachtenden Position des Petrus, die Pier Paolo Pasolini in seinem alle seitherigen „Jesus-Filme“ weit überragenden Film „Das 1. Evangelium - Matthäus“ (Il Vangelo secondo Matteo) aus dem Jahr 1964 dargestellt hat.

Ich vermisse diese entsetzt-liebende, feurig-zurückhaltende und „echt“ auf Gnade angewiesene Predigt heute. Lieber „echt“ widersprüchlich als gelernt „richtig“. Unsere Lehrerinnen und Lehrer mögen sich alle bemüht haben. Auch sie verstanden Jesus, die Propheten, Apostel und Literaten der Bibel nur „gebrochen“. Wir haben heute nicht dem „heilsamen Schmerz“ zu widersprechen. Eher dem „Geschwätz“ von der Kanzel. Eher der phrasenhaften, trivialen und damit belanglosen Rede vom Schmerz Gottes.

Die Beobachterinnen und Beobachter laufen davon, wie damals am Alexandertor oder auf der Schädelstätte in Jerusalem. Sie klicken von Passion gleich weiter auf Osterhase. Und von Osterhase gleich auf Muttertag, Urlaub und St. Martin. Unsere Erinnerungen sind kurzlebig geworden. Passion ist nicht mehr angesagt.
Vielleicht deshalb, weil wir Pfarrerinnen und Pfarrer dem Schmerz des Widerspruchs nicht gewachsen waren? Oder mit der Beobachtung aus Jesaja 53,6 gesagt: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.“

Wer will/vermag heute einen solchen widersprüchlichen Satz verstehen?
Und wer übersetzt?

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