Das glückliche Wort

Lange habe ich Theologie so betrieben, dass ich in den einzelnen Sätzen und Gedanken den Sinn und die Orientierung, das Verständnis für Gottes Wirken und die Antwort auf die Fragen meines Lebens und der Welt um mich suchte.
Ich habe wie Hunderttausende anderer seit der Aufklärung die Bibel so behandelt, wie ein Pathologe einen toten Körper behandelt, wohl in Ehrfurcht, aber auf der Suche nach dem Detail, nach dem einen Nerv. So wie der Biologe im Elektronenmikroskop auch nicht mehr die ganze Blüte sieht, geschweige denn die Pflanze, sondern das eine Detail des Fruchtknotens, die eine Faser, die Wasser trägt Tag für Tag von der Wurzel in die Blüte.
So habe ich einzelne Stellen der Bibel danach befragt, habe den Nerv gesucht, habe verglichen und nach der Zeit gefragt, in der ein Text entstanden ist. Habe auf diese Weise taugliche Predigten gehalten und dabei sicherlich auch viel Richtiges gesagt. Mehr und mehr lerne ich nun, übe ich nun, die Bibel als Ganzes zu sehen. Das andere weiß ich, aber es macht mich nicht satt, es stillt nicht meine Sehnsucht nach einer tragfähigen Lebens- und auch Sterbensgrundlage. Und je älter ich werde, umso mehr entgleitet mir auch all das, was man durch Wissen und durch eigenes Können, durch Klugheit oder durch Begabung „haben" kann. Mehr und mehr bin ich darauf angewiesen, dass man mir das „gute Wort" sagt.
Der zweite Mann der evangelischen Kirche in China - dort gibt es ja mehr evangelische Christen als in Deutschland -, Pfr. Yu Xinli, erzählte bei einer unserer zahlreichen Begegnungen in Peking von einem Bruder, der nachts nicht schlafen konnte, weil er es sich zur Aufgabe gemacht hatte, mindestens einem Menschen am Tag „das glückliche Wort" zu sagen. So jedenfalls übersetzte es unser Freund Yang.
Er stand noch einmal auf und ging auf die Straße. Aber da war niemand mehr. Er ging auf den Platz. Da war in der Dunkelheit auch niemand mehr. Schließlich setzte er sich auf die Toilette. Denn die Menschen in den Häusern hatten natürlich keine eigene Toilette. Und so musste mit Bestimmtheit in der Nacht ein Mensch vorbeikommen. Dem würde er das „glückliche Wort" dann sagen.
„Das glückliche Wort" - so hatte Yang übersetzt. Erst mit der Zeit kam mir, dass Pfarrer Yu in seiner Sprache „Evangelium" gesagt hatte. Eu-angellion, gute Nachricht. Aber ich fand Yangs Übersetzung sehr schön: das glückliche Wort.
Wie Sie bin ich mehr und mehr darauf angewiesen, dass mir das „glückliche Wort" gesagt wird, überzeugend, nah, ehrlich, glaubwürdig.
Das ist in der Tiefe das Geheimnis der Kirche. Deshalb ist Religion keine Privatsache. Ich kann mir „das glückliche Wort" nicht selbst sagen. Ich kann mir tausend Briefe schreiben - ich kenne meine Tricks. Ich kann mir tausendmal einreden: Da ist ein Gott, da ist ein Gott, da ist ein Gott. Ich kenne meine Zweifel. Ich kann mich selbst nicht taufen und segnen.
Das glückliche Wort, das biblische Wort, das befreiende Wort muss mir ein anderer sagen. Und alle die, die sich das glückliche Wort gegenseitig zumuten und schenken, die sind zusammen die Kirche.
Das glückliche Wort finde ich kaum, wenn ich die Bibel zerpflücke wie eine Blüte. Sie verliert ihr Leuchten.
Das glückliche Wort finde ich kaum, wenn ich die Bibel seziere, wie ich einen Körper öffne und Sehnen, Nerven, Muskel voneinander trenne. Er wird sich nicht mehr bewegen.
Das Faszinierende an der Bibel sind die großen Linien. Das Tragende und Ermutigende sind die Klammern, die Altes und Neues Testament verbinden, die Mose und Jesus, Jesaja und Paulus, Sara und Maria, Ruth und Maria Magdalena in einem sehen. Der große Gedanke, dass Versöhnung über die Trennung siegt, Leben über Tod, Zärtlichkeit über Gewalt. Die Ermutigung, die uns erreicht, wenn wir sehen, mit welcher Ehrlichkeit die Bibel über menschliche Schuld und Schwäche redet und dann immer wieder auf neue Weise erzählt, wie Gott dem Schuldigen und Schwachen nachgeht, ihn einholt und schließlich wie ein Hirte auf Händen trägt.
Es ist schön, dass uns das „glückliche Wort" immer wieder neu zu sagen aufgetragen ist, wohl in „Perikopen" - scheibchenweise - und doch getragen von der Erfahrung des Ganzen.

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