Liebe, eine starke Macht – Trauansprache

Ihr beide habt das Schönste gesagt, was man über den zarten, vorsichtigen Beginn einer Liebe sagen kann: Ihr wusstet nicht mehr, wer die Einladung auf den ersten gemeinsamen Kaffee ausgesprochen hat.
Köstlich ist es, wenn nicht mehr klar ist, wer den oder die andere gefragt hat: Nämlich so wird deutlich, dass euch diese kesse Frage beiden zuzutrauen ist, dass ihr euch gegenseitig dafür verantwortlich macht, den ersten wirklichen Schritt getan zu haben. Und so wird deutlich, dass es eigentlich auch nicht mehr wichtig ist. Liebe will keine Beweise, Liebe will nur sein, und wichtig bleibt, dass ihr gegenseitig dankbar bleibt für diesen zarten Anfang.
Das ist die Leichtigkeit, die Schwerelosigkeit der Liebe, die ihr kennt, aber sie ist nicht das Einzige.

Warum traue ich euch heute so gern? Weil ihr wirklich wisst, wovon ihr sprecht, wenn ihr eines der vermutlich am meisten missbrauchten Wörter in den Mund nehmt: Liebe.
Manchmal denke ich, wir müssten eine Zeit lang schweigen über dieses Wort, damit wir es reinigen von manchem, was sich wie bleischwere Patina auf den Klang dieses Wortes gelegt hat. Aber das geht wohl nicht. Schon gar nicht, wenn wir heute Hochzeit feiern.
Also müssen wir neu zu buchstabieren versuchen:

Liebe ist eine Macht. Kein laues Lüftchen, nicht nur die berühmt-besungenen Schmetterlinge im Bauch, nicht nur Wolke sieben. Liebe ist kraftvoll, eine schier unglaubliche Macht.
So sagt es euer Trauspruch aus dem Hohelied Salomos. Das ist ja insgesamt ein erstaunliches Buch. Voller Eros und in manchen Formulierungen sogar heute noch zum Erröten. Wie schön, dass das in unserem dicken alten Buch auch seinen Platz hat. Nichts von wegen Körperfeindlichkeit in der Bibel, nichts von scheuer Verklemmtheit, die man gemeinhin und gemeinerweise der biblischen Tradition andichten will.
Vor allem aber ist das ein Vers, der alles wie in einem Fokus zusammenfasst, was von der Liebe notwendig zu sagen wäre. Ein Vers, der uns erinnert an die Kraft und Stärke der Liebe, die so vieles auszuhalten vermag und von der wir voller Vertrauen behaupten, dass sie ihrem Wesen nach geradezu „unkaputtbar" ist:
Da heißt es: „Stark wie der Tod ist die Liebe. Mächtig wie die Gewalten der Tiefe ist ihr Eifern, Wasserfluten löschen sie nicht und Ströme ersticken sie nicht."
Was für ein herrliches Wort über die Liebe. Nichts Säuselndes, nichts Honigsüßes, nichts Kitschiges ist hier von der Liebe gesagt.
Stark wie der Tod ist die Liebe.

Der Liebe wird hier eine fast unglaubliche Macht zugesprochen, so stark wird sie geredet und behauptet wie jene Macht, der wir alle auch gegenüberstehen - der Macht des Dunkels und des Endes, dem Tod. Es ist die Stärke der Bibel, dass sie dem etwas entgegensetzt, dass sie glaubt gegen Zerstörung und Bedrohung, und es ist die Stärke eurer Liebe, dass wir die Kraft der Liebe nicht einfach nur behaupten heute (auch das wäre ja schon was!), sondern dass das in eurem gemeinsamen Leben genau so schon hat wahr werden dürfen. Wenn ihr von Liebe sprecht, die mindestens so stark ist wie ihre Gegenmacht, dann nehmt ihr den Mund nicht einfach voll, dann behauptet ihr nichts, was in der Realität keinen Anknüpfungspunkt hätte, wie es ja manchmal ist, wenn wir von Glaube, Hoffnung, Liebe sprechen. Sondern ihr sprecht von einer gemeinsam gemachten Erfahrung.

Liebe hat euch getragen bis heute, und sie wird euch noch zu ganz neuen Ufern tragen. Liebe lässt euch gemeinsam leben, singen, gibt euch die Kraft für Gottesdienst im Alltag, Liebe wird umgewechselt bei euch in die kleine Münze, die sich bewährt im Alltag mit seinen Schwierigkeiten.

Lieben heißt, nicht nur einander anschauen, sondern gemeinsam auf etwas Drittes hinsehen. (Antoine de Saint-Exupéry)
Liebe heißt, sich gemeinsam berühren zu lassen von dem, der den Tod überliebt hat.
Liebe heißt, auf Christus, den Auferstandenen, zu sehen und seinem Leben die Macht der Liebe abzuspüren.
Liebe heißt, sich selbst zu verlassen und sich einzulassen auf Gott und seine Nähe.

Einander ansehen ist diese absichtsvoll kontrollierende Suche nach Glück, aber die stärkere, liebevolle Gewissheit liegt darin, dass unsere Liebe nicht nur unsere Liebe ist. Sie ist ein Teil von Gottes Liebe. Ihr müsst einander nicht alles sein. Solche Ansprüche sind Gift für jede Partnerschaft.
Stünde die Liebe nur auf euren vier Augen, das wäre zu wenig. Gott aber hat sie schon im Auge, und so erhalte Gott in euch jeden Tag dieses Wissen: Stärker als der Tod ist die Liebe. Oder anders: Hinter uns der Tod, vor uns die Liebe.

Gebet der Erinnerung:
Liebes Brautpaar, bevor wir euch und eure Ehe unter Gottes besonderen Schutz stellen, halten wir inne. Schauen zurück: Was wollen wir Gott sagen? Mit ihm können wir reden, so beten wir:
Gott, lieber Vater im Himmel, wir danken dir für diese beiden besonderen Menschen, für … und …; danken, dass du sie ins Leben gerufen und begleitet hast bis hier her; danken für die Menschen, die ihnen wichtig waren und es sind; für alle, die ihnen halfen zu glauben, zu hoffen und vor allem: zu lieben. Danken, dass sie sich gefunden haben, ohne sich suchen zu müssen, danken für die Liebe, die stärker ist als alle anderen Kräfte, die sie und uns umgeben. So viel Grund gibt es zu danken, und an einem Tag wie diesem halten wir inne, staunen über das Wunder des Lebens und über das Wunder der Liebe, deren Quelle du selber bist. Glücklich, die von dieser deiner Liebe leben können, an die uns dieser Raum immer wieder neu erinnern will. Herr, wir haben lieb die Stätte deines Hauses und diesen Ort, da deine Ehre wohnt.

Liedvorschläge:

240 (Du hast uns, Herr, in dir verbunden)

401 (Liebe, die du mich zum Bilde)

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