Gottesdienst am 17. Mai 2007Ins Wasser fällt ein Stein

Christi Himmelfahrt, Johannes 17,20-26

Wann haben Sie zuletzt einen Kieselstein ins Wasser geworfen? Ich meine nicht die flachen Flitzer, die ein paar Mal über das Wasser springen, ehe sie eintauchen. Sondern diese ganz gewöhnlichen Steine, die einfach „plopp" machen, wenn sie im Wasser versinken.
Wenn das Wasser ruhig war, haben Sie vielleicht beobachtet, wie kleine Wellenkreise um den Punkt herum entstanden, an dem der Stein ins Wasser eingetaucht ist. Den ersten Kreis hat das Eintauchen des Steines verursacht. Doch dann bewirkt der erste Kreis den zweiten, der zweite den dritten und so fort.
Dieses Bild des Kieselsteins, dessen Eintauchen im Wasser Kreise verursacht, kann eine Hilfe sein, um Jesus besser zu verstehen. In unserem Predigttext sagt er zu Gott: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast." Wir können uns dieses „in dir - in mir - in uns sein" vorstellen wie das Bild der ineinander liegenden Wellenkreise auf der Wasseroberfläche: Gott ist in Jesus Christus. Das heißt, Gott wirkt in Jesus Christus. Jesus Christus wirkt in seinen Jüngerinnen und Jüngern. Und die Jüngerinnen und Jünger wirken durch ihr Vorbild, das uns durch das Neue Testament vermittelt wird, in uns. Schließlich wirken wir als Christinnen und Christen mit unserem Auftreten, mit unserer Art zu leben, in der Welt. Jeder Kreis verursacht den nächsten.

Jesu Herzensanliegen ist es, dass alle Welt Gottes Liebe spürt und erfährt. Dazu ist dieses komplizierte Gefüge, dieses „in dir - in mir - in uns", da. Denn wenn er diese Welt verlässt, muss es weitere Möglichkeit geben, durch die sich die Liebe Gottes wirksam ausbreiten kann. Sie soll Kreise ziehen. Die Kreise sind noch da, wenn der Stein bereits im Wasser verschwunden ist. Zu Jugendgruppenzeiten haben wir das oft gesungen:
„Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise. Und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.
Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort, in Tat und Wort, hinaus in unsre Welt."
In perfekter Harmonie bilden sich die Kreise um die Eintrittsstelle des Steines im Wasser - ein Bild natürlicher Vollkommenheit. Denn Jesus wünscht sich, dass alle eins sein mögen, in vollkommener Harmonie, getragen von Gottes Liebe. Sie ist Ursprung und Mittelpunkt zugleich. Diese Liebe soll Kreise ziehen bis an die Enden der Welt.

Doch die Geschichte des Christentums glich selten der ruhigen Oberfläche eines Sees bei Windstille. Vielmehr verstanden einige den Missionsbefehl falsch und verkehrten die gute Botschaft in ihr Gegenteil, indem sie sie mit Gewalt, Terror und Tod verbreiteten. Das Liebevolle und Heilsame, also der Ursprung der Botschaft Jesu, ging dabei beinahe verloren. Auch kann von Einheit innerhalb der Christenheit keine Rede sein. Im Gegenteil: Menschen haben sich ihres unterschiedlichen christlichen Bekenntnisses wegen Jahrhunderte lang die Köpfe eingeschlagen und Kriege geführt. In der großen Kirchenpolitik ist das Wort von geschwisterlicher Nächstenliebe manchmal noch heute eher eine höfliche Redewendung als ein erkennbarer Maßstab zum Handeln. Wenn wir uns unsere Glaubensgeschichte so anschauen, dann scheint es daher eher, als hätten wütende Kinder eine ganze Hand voll Kiesel ins Wasser geschleudert.
Auch im persönlichen Leben haben wahrscheinlich die meisten von uns die Erfahrung gemacht, dass das Bewusstsein für die Liebe Gottes oft hinter Alltagssorgen verloren geht. Im täglichen Umgang miteinander gibt es häufig genug eher Anlass zu Unstimmigkeit als zur Einheit. Da sind wir untereinander uneins, weil wir uns gerade geärgert haben. Wir sind verstimmt, weil andere uns verletzt haben. Wir fühlen uns zurückgesetzt, weil anderen die Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, die wir gern selbst beanspruchen würden.
Oder wir geraten bei uns selbst in Misskredit, weil wir mit uns hadern, wenn ein Vorhaben misslungen ist, wenn wir nicht geschafft haben, was wir uns für den Tag an Erledigungen vorgenommen haben, wenn wir uns einem anderen Menschen gegenüber ungeschickt verhalten, ihn vielleicht verletzt haben und uns das jetzt Leid tut. Allzu oft sind wir uns gram, weil wir überhöhte Ansprüche an uns selbst stellen, uns aber wundern, wenn wir sie nicht erfüllen können. So gesehen gleicht unser Leben doch eher einem Sturm im Wasserglas als einem Wellenring auf ruhiger Wasseroberfläche.

Dass Gott in Jesus gegenwärtig ist, daran glauben wir. Das ist der Kern unserer Religion. Für die Menschen damals war das der Stein des Anstoßes, der später zum Eckstein geworden ist. Aber schon bei den Jüngerinnen und Jüngern war doch Schluss mit der liebevollen Harmonie! Judas verrät Jesus, Petrus verleugnet ihn, die Frauen ernten nur Unglauben, als sie den Brüdern erzählen, dass ihnen der Auferstandene begegnet sei. Später gibt es Streit um die richtige Lehre und Verbreitung des Christentums. Paulus und Petrus geraten sich heftig in die Wolle.
Einssein, Harmonie und Vollkommenheit passen da eher zu Träumen vom Paradies, von einer heilen Welt, vom Reich Gottes in einer fernen Zukunft.
Jesus hatte gut reden. Wenn er hier auf der Erde geblieben wäre, hätten wir es womöglich leichter gehabt. Wenn sein Vorbild für uns erlebbar wäre, wenn wir ihn um Rat fragen könnten, wenn er da wäre, um uns im richtigen Moment den nötigen Mut zuzusprechen, dann wäre das Einssein vielleicht etwas einfacher. Doch mit seiner Himmelfahrt war klar, dass der Auferstandene fortan nicht mehr auf der Erde erscheinen würde. Gott mutet uns zu, selbstständig zu leben und zu glauben.

Jesus ist gegangen. Andere Menschen, die Orientierung und Halt geben, gehen auch. Auf der Weltbühne der großen Politik stirbt ein Politiker, der einen Friedensprozess entscheidend vorangebracht hat. Im persönlichen Umfeld gehen Menschen, die uns lieb und teuer sind, aus diesem Leben - oft für unser Empfinden viel zu früh, oft ohne Vorbereitung, ohne die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Oft macht ihr Tod in unseren Augen keinen Sinn. Unser Leben wäre einfacher, wenn sie noch da wären. Wir könnten eins sein mit unseren Lieben. Dieses Einssein würde Kreise ziehen in unserem Leben - so wie der ins Wasser geworfene Stein. Doch stattdessen sind sie - so wie Jesus - im Himmel. Das klingt, als gäbe es einen Ort, zu dem uns Lebenden der Zugang verwehrt sei.
Wo ist der Himmel? Was für eine Frage?! - Die meisten Kinder würden jetzt antworten: Natürlich über uns, am liebsten blau und strahlend. Und ganz weit oben wohnen Gott und Jesus und natürlich die Toten. Der Himmel ist oben.

Zwei Mönchen hing der Himmel allerdings zu hoch. In einem alten Buch lasen sie von einem Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren. Sie beschlossen, diesen Ort zu suchen, und durchwanderten die Welt. Dabei bestanden sie unzählige Abenteuer, überwanden viele Gefahren, erlitten Entbehrungen und wurden Versuchungen aller Art ausgesetzt, die sie hätten von ihrem Ziel abbringen können. Doch sie blieben standhaft und suchten beharrlich weiter. Sie hatten gelesen, eine Tür sei dort, man brauche nur anzuklopfen und befände sich bei Gott und allen Lieben.
Schließlich fanden sie, was sie suchten. Sie klopften an die Tür. Bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete, und als sie eintraten, da standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle. Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, befindet sich auf dieser Erde, an der Stelle, die Gott ihnen zugewiesen hat.
Der Himmel ist also zugleich ganz nah. Der Himmel ist da, wo Gott uns hingestellt hat. Die Einteilung von oben und unten greift zu kurz. Vielleicht verbirgt sich in Jesu Wunsch, dass wir Christinnen und Christen eins seien und in der Gegenwart der Liebe Gottes lebten, der Auftrag, die Erde zu „himmeln". So gesehen ist der Himmel auch in uns. Denn Jesus sagt: „Ich habe den Menschen die Herrlichkeit gegeben, damit sie eins seien." Was ist die Herrlichkeit anderes als der Himmel in uns? Dieser Himmel in uns und der Himmel um uns sind eins. In ihm sind alle aufgehoben, die wir vermissen, lebendig und gegenwärtig, ewig unverlierbar.

Der Himmel ist also weniger ein Ort als ein Zustand, eine Form des Bewusstseins, dass Gottes Liebe durch all unser unzulängliches Menschsein hindurch aus uns strahlen und etwas verändern kann. Der Himmel in uns ist ein Gespür dafür, dass wir unsichtbar alle miteinander verbunden sind und deshalb füreinander Verantwortung tragen, aber auch in der Liebe Gottes miteinander vereint sind. Aus diesem Himmel kommt unsere Kraft, aus der Tiefe zu leben. Dieser Himmel in uns und um uns macht uns zu Geschwistern. Er gibt uns Mut zu neuen Anfängen, wo Einssein misslang. Der Himmel in uns und um uns schenkt uns Trost, wenn wir Verluste verschmerzen müssen. Er birgt alle Erinnerungen und Erlebnisse, die unser Leben reich machen. Er ist der Kieselstein, der in der Seele Kreise schlägt. Denn so wie sich der Himmel auf der Oberfläche eines stillen Sees spiegelt, so spiegelt sich Gottes Gegenwart in unserer Seele und verursacht dort ihre Kreise. Deshalb ruft uns der Theologe Friedrich Schleiermacher zu: „Sorge nicht um das, was kommen wird. Weine nicht um das, was vergeht. Aber sorge, dich selbst zu verlieren, und weine, wenn du dahintreibst im Strom der Zeit, ohne den Himmel in dir zu tragen."

Der Feiertag der Himmelfahrt Christi ist deshalb auch eine Art Gedenktag. Er kann uns daran erinnern, dass Gott in uns Kreise ziehen will, die über uns selbst hinauswirken. Zugleich ist er eine Ermunterung zum Stillwerden und In-uns-hinein-Spüren. Denn wenn wir all die Dinge, die in unserem Leben Wellen schlagen, einmal außer Acht lassen und uns Zeit nehmen, um uns an das Ufer unserer Seele zu setzen, wird es ruhig in uns werden. Dort können wir beobachten, wie Gottes liebevolle Gegenwart in unserem Leben Kreise schlägt. Mit dem Himmel im Herzen können wir dann zu uns zurückkehren.

Tagesgebet:
Jesus Christus, du bist dorthin zurückgekehrt,
von wo du einst zu uns kamst.
Du weißt um unseren Alltag. Das beruhigt uns.
Du hast uns beschenkt mit deiner Gegenwart.
Zugleich hinterlässt du eine Leere.
Wir können dich nur ahnen in unserem Leben.
Du bist weg und gleichzeitig da.
Du bist fern und doch nah.
Deshalb lehre uns zu glauben, was wir nicht sehen,
deinen Worten zu vertrauen, die wir lesen,
und auf deine Wunder zu hoffen, die du unsichtbar wirkst.

Fürbitte:
Du Gott, Quelle des Lebens,
lass uns sein wie ein ruhiger See,
in dem deine Liebe ihre Kreise ziehen kann.
Hilf uns, uns für die Zeichen des Himmels
in uns und um uns zu öffnen,
damit wir uns verbinden mit allem, was lebt,
und so an der Verwirklichung
deines Wunsches nach Einheit mitwirken.
Schenke uns Kraft und Sanftmut,
um andere behutsam einzuladen, ihr Leben zu „himmeln".

Psalmvorschlag: Psalm 47
Lesung: Apostelgeschichte 1,3-11
Liedvorschläge: 302,1-3 (Du meine Seele, singe)
504,1.3.5-6 (Himmel, Erde, Luft und Meer)
121,1-2.4 (Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du
gen Himmel g'fahren ...)
Ins Wasser fällt ein Stein (in den Regionalteilen fast aller Landeskirchen)
394,1-2.4 (Nun aufwärts froh den Blick gewandt)

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