Acedia – Gleichgültigkeit

Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden bastle ich während der Vorbereitung des Mai-Heftes an dem „wolkigen" Thema „Werte". Bei der Vorbereitung suche ich nach der Gegenseite, nach den „Un-Werten", und lande rasch bei der Todsündenlehre der katholischen Kirche. Faszinierend. Das hat man einmal gelernt. Ich habe nie auf der Zunge zergehen lassen, welche Weisheit sich in der Sündenlehre verbirgt. Ich zähle die „Todsünden" mit der gängigen Übersetzung auf: Trägheit - Acedia, Geiz - Avaritia, Völlerei - Gula, Neid - Invidia, Zorn - Ira, Wollust - Luxuria, Hochmut - Superbia.
Schon bei der ersten Sünde bin ich hängen geblieben: Acedia - Trägheit. Zuerst leitete ich den lateinischen Begriff falsch ab: ab-cedere, dachte ich; so etwas wie „weggehen, sich davonschleichen". Doch abcedere gibt es nicht. Ich rief einen mir bekannten Latein- und Religionslehrer an. Acedia, meint er, sei kirchliches mittelalterliches Latein, käme aus dem Griechischen, hinge mit kädomai zusammen, mit kardia (Herz), bedeute wörtlich „Herzlosigkeit". Im wichtigsten griechischen Wörterbuch finde sich die Übersetzung „üble Laune, würsches Wesen".
Da hatte er mir - und uns - mit wenigen Worten auf die Sprünge geholfen: Die „Einstiegssünde" in menschliche Verweigerung gegenüber Gott und gegenüber dem Mitmenschen ist die acedia, die „Herzlosigkeit", oder übersetzen wir es moderner: die Gleichgültigkeit.
War auch die etymologische Herleitung falsch, so war ich doch auf der richtigen Spur: sich wegschleichen, sich aus dem Staub machen, sich nicht einmischen, sich heraushalten, nichts damit zu tun und seine Ruhe haben wollen.
Einer, der kein Herz hat für seine Mitmenschen und für Gott, das ist ein gleichgültiger Mensch. Damit sind wir bei der Grundkrankheit unserer Zeit.
Dagegen stehen die vier Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit.
Es geht nicht darum, sich für Günther Jauch zu präparieren. Es geht darum, Leben so zu gestalten, dass Leben weiter möglich ist.

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