Das Zeitgefühl junger KinderIm Hier und Jetzt

Düfte, Geräusche und die damit verbundenen Rituale: Kinder unter drei messen die Zeit auf eigene Weise. So unterstützen Sie die Mädchen und Jungen dabei, sich auch ohne Uhr zeitlich zu orientieren.

Im Hier und Jetzt
© Harald Neumann, Freiburg

Verfügen Kleinkinder überhaupt schon über ein Gefühl für Zeit? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie wir Zeit definieren bzw. ob wir akzeptieren, dass es verschiedene Arten der Zeitempfindung geben kann. Die meisten Erwachsenen setzen Zeit mit dem messbaren Ablauf von Sekunden, Stunden oder Tagen gleich. Pädagogische Fachkräfte wissen, dass Kinder unter drei Jahren mit solch einem Zeitbegriff, der Wochen in Tage und Stunden in Minuten einteilt, noch nichts anfangen können. Nicht einmal die Verabschiedung „Bis morgen!“ wird von allen Mädchen und Jungen dieses Alters verstanden. Kein Wunder, haben sie doch weder eine Vorstellung davon, wie lang sich eine Sekunde, eine Stunde oder ein Tag anfühlen, noch das entsprechende Zahlenverständnis – hierauf müssen sie in der Regel fast bis zu Beginn ihrer Schulzeit warten.

Zeitmessung mit allen Sinnen

Doch wenn sich das kindliche Zeitgefühl nicht auf Uhrzeiten und andere objektive Zeitmessungen stützt, worauf dann? Wiederkehrende Abläufe sind die innere Uhr des Kleinkindes. Morgenkreis, Frühstückspause oder Mittagschlaf: Diese, sich täglich wiederholenden Rituale lesen die Kinder mit all ihren Sinnen, um sich in Zeit und Raum zu verorten. Der anrollende Geschirrwagen kündigt als erstes an, dass es bald Zeit fürs Mittagessen ist, der Speisenduft zeugt etwas später noch deutlicher von der nahenden Mahlzeit. Das Wickeln nach dem Mittagschlaf, der anschließende Snack und die häufig klappernde Kita-Tür sind wiederum sichere Anzeichen dafür, dass die Kinder bald von ihren Eltern abgeholt werden. Charakteristisch für die Jüngsten ist dabei, dass sie diese Anzeichen manchmal nicht wahrnehmen. Ins Spiel vertieft, reagieren sie dann völlig überrascht, wenn ihre Eltern plötzlich neben ihnen stehen – obwohl sie kurz davor deren Ankunft noch sehnlichst erwartet hatten. Dieses Phänomen ist auch uns Erwachsenen nicht fremd: Sind wir mit angenehmen Dingen beschäftigt, vergessen wir die Zeit, während sie z. B. in langweiligen Situationen des Wartens wie eine Schnecke zu kriechen scheint.

Wie lang ist eine Sekunde?

Das objektiv messbare, „erwachsene“ Zeitgefühl entwickelt sich mittels unzähliger Erfahrungen der Kinder ganz von selbst, dieser Prozess lässt sich nicht beschleunigen. Trotzdem können Fachkräfte mit den Kindern immer mal wieder Zeitliches thematisieren – also das, was vorhin oder gestern war und das, was ganz schnell ging oder eher lange dauerte. Besonders wichtig ist es aber, ihr altersgerechtes Zeitgefühl zu unterstützen. Das geschieht etwa, indem sich im Krippenalltag kleine Wiedererkennungsmomente in Form vertrauter Handlungsabläufe, Gesten oder Sätze etablieren, welche die „großen“, wiederkehrenden Abläufe wie Mahlzeiten oder Ruhephasen vorbereiten. Diese kleinen Übergänge tragen dazu bei, den Alltag vorhersehbar zu gestalten (s. „Brücken bauen“ Ausgabe 1/2015, S. 18). Dazu gehört auch, Kindern Wartemomente zu verkürzen, indem wir sie an unserem Tun aktiv beteiligen, etwa am Tischdecken oder Wickeln. Auch durch Spiele, Lieder und unsere zugewandte Ansprache können sich Wartezeiten zu wertvollen Momenten für Kinder wandeln, in denen die Zeit plötzlich zu verfliegen scheint.  

Kleinstkinder-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Kleinstkinder-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.