Interview mit der Illustratorin Alexandra JungeBesonders gefallen mir skurrile Viecher

Kinderbücher gibt es wie Sand am Meer. Aber nicht jedes Buch ist auch pädagogisch wertvoll oder mit ansprechenden Bilder versehen. Natürlich müssen Kinderbuchillustratoren gewisse Vorgaben erfüllen. Aber wie müssen Bilder aussehen, die auch die kindliche Phantasie anregen?

Nicht nur Kunstpädagogen wissen: Gute Bilderbücher fördern die Kreativität, bieten bildermächtige Imaginationsräume und damit Stoff für Phantasie und ästhetische Erziehung. Hier werden erste sinnliche Erfahrungen in punkto Farb- und Bildaufbau gemacht, hier können Giraffen fliegen und Ängste nehmen Gestalt an. Das beste aber ist: Gute Bilderbücher sind Verführer zum Selbermachen und der Griff zum eigenen Stift ist nicht mehr weit. Umso erfreulicher, wie lebendig sich der Bilderbuchmarkt seit einiger Zeit entwickelt. Fernab von süßlichen Klischees und kommerzieller Breitband-Ästhetik blüht und gedeiht das künstlerische Bilderbuch. Eine ihrer aktuellen Vertreterinnen ist die 1976 bei Münster geborene Illustratorin Alexandra Junge. Marion Klötzer hat sie in ihrem Freiburger Atelier besucht.

Frau Junge, was macht für Sie ein gutes Bilderbuch aus?
Erstens sollten die Bilder technisch überzeugen. Aber Geschichte und Bilder sollten auch so miteinander verknüpft sein, dass sie sich ideal ergänzen. Das bedeutet, dass die Illustrationen nicht einfach den Text nacherzählen, sondern ihn noch um eine Ebene erweitern. Wenn dabei Erwachsene und Kinder gleichermaßen auf ihre Kosten kommen, ist es umso besser. Genau das liebe ich auch am künstlerischen Bilderbuch: Hier geht es oft überraschend und experimentell zu.

Der Weg ist steinig, die Konkurrenz groß, die Bezahlung bescheiden. Ist Illustratorin Ihr Traumberuf?
Ja, unbedingt. Ich habe schon als Kind sehr viel gezeichnet, hatte immer viel Spaß am Gestalten und Kreativsein. Und ich liebe es, schöne Bücher zu machen. Man kann in diesem Beruf unheimlich viel Eigenes einbringen und seine Fantasie ausleben. Aber er ist auch einsam: Stundenlang sitze ich am Schreibtisch, skizziere und verwerfe wieder, selten kann ich mich mit Kollegen austauschen. Manchmal würde ich gerne noch freier und künstlerischer arbeiten, eigentlich bin ich aber doch froh über den Text als Rahmen und Inspirationsquelle.

Wie wichtig ist Ihnen ein eigener Stil und wie hat er sich entwickelt?
Der eigene Stil, die unverwechselbare Handschrift sind für einen Illustrator das Allerwichtigste. Natürlich ist es fürs Überleben wichtig, mehrere Techniken zu beherrschen, um auch Aufträge annehmen zu können, bei denen der eigene Stil erst mal in den Hintergrund tritt. Aber nur, wenn meine Sachen einen eindeutigen Wiedererkennungseffekt haben, kann ich sie angemessen verkaufen. In den letzten Jahren habe ich mich bemüht, meinen Stil kontinuierlich weiter zu entwickeln. Am liebsten arbeite ich mit Acrylfarben und Kontrasten: Große, ungenaue Flächen stehen kleinen, ausgearbeiteten Details gegenüber. Grobes trifft auf Feines, Überdimensioniertes auf Winziges. Darin liegen für mich Reiz und Komik.

In Ihren Büchern gibt es viele skurrile Tiere? Wie kommt es dazu?
Erstens bin ich ein absoluter Tierfan. Zweitens bieten Tiere im Bilderbuch wunderbare Möglichkeiten der Überzeichnung: Sie sind so unterschiedlich, dass man ihnen Eigenschaften und Marotten quasi ins Gesicht zeichnen kann. Besonders gefallen mir skurrile Viecher wie Möpse oder Kobold-Makis. Das braucht natürlich Recherche: Mein dickes Tierlexikon steht immer bereit, für das Erdmännchenbuch bin ich auch schon mal in den Tierpark gegangen.

Woher kommt Ihre Inspiration?
Mir fällt eigentlich immer was ein. Je offener der vorgegebene Text ist, je weniger genau er beschreibt, umso besser für meine Fantasie. Dabei versuche ich aber, nicht die erstbeste Idee zu nehmen, sondern noch mal ganz bewusst um die Ecke zu denken. Ich bemühe mich um Überraschungsmomente und teste dann auch an anderen, ob diese auch funktionieren und verstanden werden.

Wie schätzen Sie den aktuellen Bilderbuchmarkt ein?
Die deutsche Bilderbuchlandschaft war ja lange durch klassische Themen und konservative Illustration geprägt. Aber es tut sich einiges: Mehr Mut, mehr Experimente, mehr künstlerisches Bilderbuch. Was in Frankreich schon länger kultiviert wird, kommt hoffentlich auch langsam in Deutschland an. Aber leider gibt es immer noch unendlich viele Bilderbücher mit schlechten Geschichten...

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin soviel Spaß und gute Ideen!

kizz Buchtipps

Bilderbücher von Alexandra Junge:

James Krüss, Wenn die Möpse Schnäpse trinken. Ab 3 Jahren. Aufbau Verlag 2007
Robert Gernhardt, Familie Erdmännchen. Ab 3 Jahren. Aufbau Verlag 2009
Andrej Usatschow, Geschichte ohne Ende und Anfang. Ab 5 Jahren. NordSüd 2008
Andrej Usatschow, Der karierte Tiger. Ab 5 Jahren. NordSüd2007

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