Vermessung von KindernKinder unter Beobachtung

Die permanente Vermessung von Kindern erzeugt Stress bei den Eltern – und schadet vielleicht mehr, als sie hilft. Ein Gespräch mit Helga Kelle, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld.

Vermessung von Kindern: Kinder unter Beobachtung
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Seit wann wird die Entwicklung der Kinder vermessen und statistisch erfasst?  Seit Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die humanwissenschaftlichen Disziplinen ausdifferenzierten, werden Kinder im großen Stil vermessen. In dieser Zeit entwickelten sich auch die Kindermedizin und die Entwicklungspsychologie. Man wollte mehr über die gesamte Bevölkerung wissen und hat begonnen, Reihenuntersuchungen durchzuführen.

Vielen Eltern begegnet die Vermessung zum ersten Mal in den Vorsorgeheften der Kinderärzte. Da werden Kreuzchen in Kurven eingetragen. Die Kurven stellen eine grafische Repräsentation von Durchschnittswerten und Schwellennormen dar, an denen man zum Beispiel sieht, ob ein Kind eindeutig zu schwer oder zu leicht ist im Verhältnis zu den Altersgleichen. Wir konnten in unseren Beobachtungen feststellen, dass es den Eltern meist wichtig ist, dass die Werte ihrer Kinder möglichst nah an der Mittellinie liegen. Der sogenannte Korridor der Normalität umfasst aber rund 95 Prozent der Kinder. Der Mittelwert stellt keine Ideallinie dar, das ist schon das erste große Missverständnis.

Nicht nur bei kinderärztlichen Untersuchungen werden kleine Kinder heute unter die Lupe genommen, auch sonst wird dauernd getestet und dokumentiert. Die präventiven entwicklungsdiagnostischen Untersuchungen haben deutlich zugenommen. Das hat zum einen mit neuen Kinderschutzgesetzen zu tun. In der ganz frühen Kindheit gucken nun nicht nur die Kinderärzte auf die Kinder, sondern auch Fachkräfte für Kinderschutz. Zum anderen erleben wir eine zeitliche Entgrenzung der Einschulungsphase. Früher wurden Kinder kurz vor Schulbeginn vom Schularzt untersucht. Heute fangen in einigen Bundesländern, unter anderem in Hessen und Baden-Württemberg, die Einschulungsverfahren in den Grundschulen im Alter von gut vier Jahren an. Es ist also zu einer deutlichen Vorverlagerung gekommen.

Woran liegt das? Nach dem PISA-Schock, bei dem deutsche Schüler im Jahr 2000 ziemlich schlecht abschnitten, hat man beschlossen, verstärkt in die frühe Kindheit zu investieren. Deshalb werden Kinder schon in der Kita auf Kompetenzen hin beobachtet – nach dem Motto: Was können die schon alles? Das politische Argument lautet: Wenn die Kinder in die Schule kommen, ist es für Förderung schon wieder zu spät. Deshalb wird jetzt auch der Kindergarten als Bildungseinrichtung verstanden.

Durch die enge Taktung der Überprüfungen werden Eltern permanent mit den Unzulänglichkeiten ihrer Kinder konfrontiert. Steigt damit die Verunsicherung? Eltern sind heute ständig mit solchen Aussagen konfrontiert. Und in den Ergebnissen der Experten stecken immer Handlungsaufforderungen. In der Wissenschaft nennen wir das „Responsibilisierung der Eltern“. Gemeint ist, dass die Eltern fortlaufend verantwortlich gemacht werden für die Förderung ihrer Kinder. Der starke Ausbau der Diagnostik und der Beobachtungsverfahren führt nicht unbedingt dazu, dass es entsprechende staatliche Förderangebote gibt. Stattdessen spielt man den Ball häufig zurück an die Eltern.

Und die wissen nicht, was zu tun ist? Es gibt in der Forschung Hinweise, dass durch diese Verfahren eher die bildungsorientierten Eltern profitieren. Die werden dadurch angestachelt, die Entwicklung ihrer Kinder weiter zu optimieren. Eltern, die ohnehin soziale Nachteile haben, versuchen sich eher gegen Expertenempfehlungen zu immunisieren. Weil sie der Meinung sind, dass sie es sowieso nicht schaffen, ihre Kinder nach diesen hohen Maßstäben zu fördern. Die Schere geht also weiter auseinander. Und die ungleichen Startchancen verschwinden nicht – obwohl es politisch nach PISA genau darum gehen sollte.

Wenn Eltern übers Optimieren nachdenken, ist dann der neoliberale Leistungsdruck endgültig in die Kindheit eingesickert? 95 Prozent der Kinder liegen in vielen Entwicklungsbereichen im Korridor der Normalität. Trotzdem hat die ganze Vermessung auf alle Kinder und Eltern Auswirkungen, denn irgendetwas zu verbessern gibt es immer. Das ist die Dynamik, die die präventiven Entwicklungsbeobachtungen entwickeln. Da bekommen die Eltern dann zu hören, dass eigentlich alles normal sei, aber man die Feinmotorik noch ein bisschen fördern könnte.

Wie könnte man den Druck herausnehmen? Wir sollten Eltern und alle professionellen Beobachter von Kindern sensibilisieren, damit sie reflektierter mit dem Thema umgehen können und den Optimierungsdruck nicht noch selbst verstärken. Natürlich machen Vorsorgeuntersuchungen Sinn, und es ist keine Alternative, sie abzuschaffen. Aber Eltern sollten sich gegen die normalisierenden und disziplinierenden Effekte wappnen und entspannter mit leichten Abweichungen umgehen.

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