ÜberbehütungDie Ängste haben zugenommen

Kinder werden heute mehr denn je umsorgt und von allen Gefahren abgeschirmt. kizz sprach mit dem Kindheitsforscher Prof. Peter Höfflin über Ursachen und Risiken dieser Entwicklung.

Überbehütung von Kindern: Die Ängste haben zugenommen
© Michael Horn – Pixelio.de

Herr Höfflin, haben Eltern heute zu viel Angst um ihre Kinder?
Vorneweg würde ich gerne zwischen Gefahr und Risiko unterscheiden. Natürlich dürfen Kinder keinen Gefahren ausgesetzt werden, bei denen sie ernsthaft Schaden nehmen können. Kinder brauchen aber bestimmte Risiken. Und da lässt sich feststellen, dass die Ängste der Eltern und auch der Pädagogen zugenommen haben. Wir sind heute weniger bereit, Risiken einzugehen, das ist eine generelle gesellschaftliche Entwicklung. Und bei dem Versuch, mehr Sicherheit zu schaffen, bewirken wir zum Teil genau das Gegenteil.

Was sind mögliche Ursachen dieser Entwicklung?
Es ist schwierig, das auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen. Wir beobachten dieselbe Tendenz in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Das Recht spielt eine große Rolle, Haftungsansprüche nehmen zu, es gibt die Angst vor Schadenersatzansprüchen. Es ist auch nicht nur ein Problem der Eltern. Ich glaube, dass Kinder heute in Kindertagesstätten noch behüteter sind und noch weniger die Gelegenheit bekommen, frei zu spielen und Risiken einzugehen. Und umgekehrt können Kinder keine Entwicklungsschäden einklagen, wenn es ihnen aus Sicherheitsgründen verboten wurde zu toben. Dabei haben Kinder ja auch Rechte. Bei Risikofragen geht es immer darum, eine Balance zu finden. Wer Kinder in Watte packt, ist zwar auf der sicheren Seite, nimmt dafür aber andere Schäden in Kauf.

Wann hat das angefangen, dass wir in unserer Gesellschaft immer mehr auf Sicherheit schauen?
Wir beobachten das schon länger. Wir haben mithilfe von Interviews verglichen, wie Kinder früher aufgewachsen sind und wie sie das heute tun. Die Großelterngeneration hat damals die Kinder einfach zum Spielen rausgeschickt. Man hat sich eher Sorgen gemacht, dass die Kinder etwas anstellen, als dass sie selber Schaden nehmen. Das hat sich diametral geändert.

Hatten Eltern früher einfach weniger Zeit, sich um die Kinder zu kümmern?
Das kommt sicher dazu, die Kinderzahl war größer und die wirtschaftlichen Voraussetzungen waren andere. Es hat aber auch einen Wandel in der Einstellung zu Kindern gegeben. Heute wird die Entscheidung für ein Kind ganz bewusst getroffen. Eltern sind mit vielfältigen Erwartungen konfrontiert, sie stehen unter Druck und fragen sich, ob sie alles richtig machen. Mehr über Kindererziehung nachzudenken ist natürlich positiv, aber das kann auch in die falsche Richtung ausschlagen. Es gibt Mobilitätsstudien, die zeigen ganz deutlich, dass sich Kinder heute viel weniger frei bewegen dürfen als frühere Generationen.

Lassen sich bei den Kindern bereits Folgen dieser Entwicklung beobachten?
Das ist auf jeden Fall massiv, da gibt es eine ganze Fülle von Studien. Die Möglichkeit sich zu bewegen ist einerseits für die körperliche Entwicklung ganz zentral, andererseits aber auch für die psychische Entwicklung. Im aktuellen Stuttgarter Kindergesundheitsbericht zum Beispiel steht, dass ein Kind bei der Einschulung viermal ohne absetzen auf einem Bein hüpfen kann, wenn es sich altersgemäß entwickelt hat. Das können aber nur 70 Prozent, 30 Prozent haben hier Einschränkungen. Was in Stuttgart besonders auffällig ist: Es gibt Stadtteile, da können das weniger als 50 Prozent der Kinder. Das sind Wohngebiete mit starker Verdichtung und sehr wenigen Spielmöglichkeiten, hier gibt es also eine soziale Benachteiligung durch räumliche Ungleichheit.

Gibt es bereits ein Bewusstsein dafür, dass da etwas falsch läuft?
Mein Eindruck ist, dass sich das aktuell ganz stark entwickelt, sowohl in den Medien als auch in der Fachdiskussion. In den letzten Jahren gab es zwei große Debatten, über Kindheit und Bildung und über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dabei ist das Thema Kinderrechte etwas unter die Räder geraten, also die Frage, was brauchen Kinder eigentlich, auch aus ihrer Perspektive betrachtet. Und das kommt jetzt stärker.

Können Sie einmal skizzieren, wie ideale Spielorte für Kinder aussehen müssten?
Wir gehen davon aus, dass Kinder in ihrem Wohnumfeld Spielräume brauchen, die vier Kriterien erfüllen: Erstens die Gefahrlosigkeit, das bedeutet, es dürfen an der Spielstätte nur Gefahren bestehen, die Kinder erkennen und mit denen sie umgehen können. Zweitens die Zugänglichkeit, das heißt der Ort muss für Kinder problemlos erreichbar sein. Drittens sollte der Spielplatz Kindern Interaktionschancen bieten, also die Möglichkeit, Gleichaltrige zu treffen und mit ihnen etwas zu unternehmen. Viertens sollte die Spielstätte gestaltbar sein, also den Kindern vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten bieten, das ist bei naturnahen Spielplätzen etwa besonders gegeben.

Kommen wir noch mal auf die Eltern und ihre Ängste zurück. Was kann man ihnen raten?
Spontan aus dem Bauch würde ich sagen, man kann Eltern nur dazu ermuntern, ihr Kind genau zu beobachten und abzuwägen. Natürlich muss man es vor nicht kalkulierbaren Gefahren bewahren, aber üblicherweise überfordern sich Kinder im Spiel nicht und sind kompetent im Umgang mit Risiken. Zum Beispiel beim Klettern: Da probieren sie sich aus, gehen an ihre Grenze, erweitern sie Stück für Stück, aber gehen eigentlich nicht über sie hinaus. Diese Gelegenheit sollten Kinder bekommen, denn dadurch werden sie sicherer.

Prof. Peter Höfflin, Kindheitsforscher an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.

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