Wortschöpfungen von KindernDie eigene Familiensprache

Unsere Kinder nutzen eine lebendige Sprache und erfinden auch immerzu neue Worte. Diese Wortschöpfungen sind für die Sprachentwicklung von Kindern sehr wichtig. Manche Familien entwickeln fast schon eigene Sprachen, die nur Familienmitglieder verstehen.

Wortschöpfungen von Kindern: Die eigene Familiensprache

Wenn bei uns zu Hause lauthals nach dem "Guggeli" gebrüllt wird, pflegen Gäste ratlose Blick zu tauschen. Aber wer zur Familie gehört, beteiligt sich umgehend an der Suche nach dem guten Stück, ohne dessen Hilfe man den verstopften Abfluss nicht frei bekommt. Und wenn es zum Frühstück Brötchen gibt, gehört der Zank ums "Muffelchen" dazu. "Krieg ich deins?" bettelt der Kleinste in meine Richtung und seine Geschwister keifen: "Du hattest letztes Mal schon! Das ist gemein!" Anklagend halten sie ihr eigenes bereits gründlich ausgeweidetes Brötchen hoch. Warum auch immer, der Innenteil gilt als der Schrippe bestes Stück - und das schon in der zweiten Generation. War es meine jüngere Schwester, die vor Jahren das Innere vom Brötchen "Muffelchen" getauft hat? Oder mein Bruder? Egal, damals fanden alle das Wort ziemlich lustig und so blieb' s dabei. Inzwischen zanken die neun Kinder von uns drei ehemaligen Kindern beim Sonntagsfrühstück in drei verschiedenen Städten Deutschlands wie eh und je ums Muffelchen.

Hemmungslose Schöpfungen aus vorhandenem Material

Zwischen drei und fünf Jahren erfreuen Kinder ihre Umgebung mit seltsamen Wortbildungen, die gar nicht so selten den Grundstein einer Familiensprache legen. Das beobachteten die Sprachforscher Clara und Wilhelm Stern, die vor rund achtzig Jahren als erste Sprachwissenschaftler das Phänomen der Familiensprache zum Gegenstand ihrer Forschung machten. Was Ihre Kinder Hilde, Günther und Eva von sich gaben, zeichneten die Eltern gewissenhaft auf. "Die wahre Spontaneität der kindlichen Wortbildung äußert sich nicht im Schaffen aus dem Nichts", erkannten die beiden Linguisten, "sondern im freien Schalten und Walten mit dem gegebenen Material".

Kinder machen sich einen eigenen Reim auf die Welt. Ihre große Vorliebe für Lautwörter gründet darin, dass ihnen die Dinge und die Worte, die sie bezeichnen, anfangs noch als ein und dasselbe erscheinen. "Wauwaus" und "Miezekatzen" tragen ihren Namen selbstverständlich, "weil sie so machen". Nur scheinbar dunkel ist auch die Herkunft des "Guggeli". Man muss nur ganz genau hinhören, wie es klingt, wenn man mit einer Saugglocke aus Gummi den Abfluss des Waschbeckens frei pumpt, irgendwie "gurgelig", "guggelig" eben. Mit vier Jahren taufte Philipp dieses Haushaltsutensil, von dem bei uns heute keiner mehr weiß, wie es in Wirklichkeit heißt, und dabei ist es geblieben.

Bei den kindlichen Sprachschöpfungen kann ein Wort kann auch für eine ganz bestimmte Situation stehen. Der amerikanische Linguist David Crystal zitiert einen kleinen Jungen, der immer wieder "Herrgottnochmal" sagte. Als man ihn fragte, was das bedeutet, antwortete er: "Es heißt, dass kein Parkplatz frei ist." Wo Kindern schlicht die Worte für eine neue Vorstellung fehlen, knüpfen sie unverdrossen an Bekanntem an. So wird aus dem Reparateur der Haustürklingel der "Klingler" und das, was man auf dem Klavier tut, heißt "klavieren". Unbekanntes wird im Rückgriff auf Bekanntes erklärt und dabei sehr wörtlich genommen: "Wachsbohnen heißen so, weil sie wachsen und "In Zehlendorf zählt man immer." - so einige Fundstücke der Sternschen Sammlung.

Zum Geburtstag ein Fahrrad mit "Klangschaltung"

Manche Produkte aus der Wortwerkstatt halten sich lange im familiären Sprachgebrauch, "und zwar vor allem dann, wenn es um Essbares geht, das eine große Rolle in Bewusstseinsleben von Kindern spielt". Zu den Schöpfungen der Sternschen Kinder gehört die "Güterei", mit der Hilde eine Konditorei bezeichnet, "weil da so feine Sachen herkommen". Das Linguisten-Paar würdigt ausdrücklich "den positiven Einfluss des Kindes auf die Sprache seiner Umgebung". Er funktioniert, weil die Kinder "schon bei der Übernahme von Worten Verstümmelungen des Lautbestandes vornehmen und nun hieran festhalten und ihrer Umgebung den entsprechenden Gebrauch suggerieren". So entstehen dann Wortgebilde wie "gelehn-da" für Geländer.

Auch Hörverstehensfehler führen zu interessanten Varianten: Mit "Bruderzucker" bestäubt Lilith den Marmorkuchen, energisch verlangt sie ein Fahrrad mit "Klangschaltung" und liebt es, vor geneigtem Publikum "Grundstücke" vorzuführen. Ganz unangestrengt gelingt schon Vierjährigen manch beeindruckendes Beispiele sprachlicher Präzision: "Zitroneneis", sagt Marie mit ernstem Nachdruck, "schmeckt mir am lecksten". Und die dreijährige Charlotte stellt nach dem allerersten Zahnarztbesuch ihres Lebens befriedigt fest: "Jetzt bin ich auch gearztet."

Mit der Familiensprache zur verschworenen Gemeinschaft

Kaum eine Geheimsprache treibt so üppige Blüten wie die Familiensprache. Sie stiftet Gemeinsamkeit, bringt uns zum Lachen und trägt so dazu bei, sich als verschworene Gemeinschaft zu fühlen nach dem Motto "Da wo man mich versteht, ist mein Zuhause". Allerdings tut es den Augenblicksschöpfungen nur selten gut, die heimischen vier Wände zu verlassen. Wenn eine Sekretärin am Telefon flötet, der Chef könne jetzt nicht an den Apparat kommen, denn er sei gerade mal "für kleine Prinzen", hört der Spaß auf. Genauso hinterlassen erwachsene Menschen, die nach dem Örtchen fragen, weil sie mal ein "Bächlein" oder gar ein "Häufchen" machen müssen, wenig mehr als einen zweifelhaften Eindruck.

Den wahren Charme der kindlichen Wortkreationen und seiner beträchtlichen Ansteckungskraft in der Umgebung konnten die Sterns gar nicht genug loben: "Das Kind zeigt uns gleichsam durch ein Vergrößerungsglas jene Stellen, an denen der Sprachquell auch in unserer Gegenwart noch immer lebendig sprudelt." Lebendige Familiensprachen bringen Wörter hervor, die unverwechselbar für alle Beteiligten eine bestimmte Situation, einen Gegenstand oder ein Erlebnis bezeichnen, an das man sich - gern oder ungern - aber jedenfalls gemeinsam erinnert. Was diesen Zweck der Verständigung nicht erfüllt, versinkt im Nebel des Vergessens. Erst die Wiederholung der verschiedenen Wörter von verschiedenen Menschen lässt die Kinderwörter zum festen Bestandteil einer Familiensprache werden, und manchmal gehen sie um die ganze Welt: Sowohl "Mama" als auch "Papa" sind schließlich Weiterbildungen ursprünglicher Lallformen, die heute so oder so ähnlich klingend fast überall verstanden werden.

Glossar:

babern: ausruhen
Balankel: Bademantel
blönd: blind und blöd
Bötchen, Ränftchen: Kanten, Anschnitt vom Brot
Brennlicht: Stern
Burti: Bauch
Flitzi: Schluckauf
Haschmigendi: Spaghetti mit Tomatensoße
Hefti: Pflaster
heiern: schlafen
Hoppelgarten: Berliner Trabrennbahn Hoppegarten
Hunde-A-A: Tannenzapfen aus Bast
kaffrig: mit Kaffee befleckt
Kreiselbeere: Preiselbeere
Lichterde: der von der Sonne beschienene Fußboden
Liestisch: ein Tisch an dem man liest
Lollo: Schnuller
Muffa, Sie-siechen, Hem-hem: Scheide
Puppeln gehen: Spielen gehen
Quatsch: Himbeersaft mit Wasser
Rasettenkurorda: Kassettenrekorder
Sampfdampfer: Furz
Schiestole: Pistole
Schlümpfe: Strümpfe, Socken
Seilbahnbonbons: Salbeibonbons
übergestern: übermorgen und vorgestern, gebraucht im Sinne von vorgestern
zugehärtet: zugefroren

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