Sprechen lernen, Sprachen lernenWenn Kinder zweisprachig aufwachsen

Wenn Kinder zweisprachig aufwachsen, dann hat das Vor- und Nachteile. Eltern, die ihre Kinder zweisprachig aufwachsen lassen, sollten gewisse Regeln einhalten, damit es dem Kinder leichter fällt. Woran sollten sich denn Eltern halten, die ihr Kind zweisprachig erziehen?

Sprechen lernen, Sprachen lernen: Wenn Kinder zweisprachig aufwachsen
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Sprache ist ein Code, der uns hilft, Dinge eindeutig zu benennen. Wenn mein dreijähriger Sohn Maxime weiß, was ich unter Spielkiste verstehe, sucht er seine Plastikbauarbeiter nicht vergebens im Schuhschrank. Eine herrliche Erfindung. Gerade bei Maxime jedoch ist die Sache mit dem Code etwas verzwickter, denn er wächst zweisprachig auf. Wir leben in der kanadischen Provinz Québec, und außer mir sprechen alle, einschließlich Papa, Französisch (Deutsch als Maximes Muttersprache zu bezeichnen ist deshalb gleichzeitig richtig und falsch...). So muss Maxime doppelt so viele Wörter lernen wie ein einsprachiges Kind und vor allem wissen, bei welchem Gesprächspartner er welchen Satz Vokabeln anwendet, um sich verständlich zu machen. Der Mechanismus, nach dem er die beiden Sprachen auseinander hält, bleibt für uns mysteriös, funktioniert jedoch erstaunlicherweise reibungslos. Maxime kommt morgens in unser Zimmer getappst, reibt sich die Augen, sagt "Mama, mach Platz", bevor er zu mir unter die Decke kriecht, und "Chatouille-moi pas, Papa", wenn ihm nicht nach Kitzeln zumute ist. Er ist vielleicht nicht gerade blendend aufgelegt morgens, aber zweisprachig ist er deshalb trotzdem, sobald er die Augen aufschlägt...

Problem oder Chance

Vor Maxime's Geburt hatten wir uns nicht nur über unsere "Strategie" Gedanken gemacht, sondern zuallererst darüber, ob man ein Kleinkind überhaupt mit zwei Sprachen konfrontieren kann, ohne es völlig zu verkorksen. Wir haben uns dann daran gewagt unter der Voraussetzung, beim kleinsten Anzeichen einer Über-forderung, Identitätskrise, Sprachverweigerung oder Mischmasch-Phantasie-sprache sofort wieder damit aufzuhören.

Tipps für die zweisprachige Erziehung

Zu empfehlen ist dabei, eine Sprach-aufteilung einzuhalten, die es dem Kind erleichtert, beide Sprachen auseinander zu halten. Beliebt sind folgende zwei Prinzipien:

  • Eine Person, eine Sprache - Mama spricht die eine Sprache (oder das Au pair-Mädchen, oder ein Student, der stundenweise kommt usw.), Papa die andere, und zwar immer und unabhängig davon, wo oder mit wem sonst man sich befindet;
  • Familiensprache, Umfeldsprache - Mama, Papa und alle Geschwister sprechen miteinander die eine Sprache, das Umfeld eine andere Sprache.
  • Unabhängig von der Situation, in der sich die Familie befindet, wird fast immer eine Sprache stärkeren Einfluss auf das Kind haben als die andere. Eltern sollten deshalb als normal akzeptieren, dass eine Sprache besser beherrscht (ge-sprochen, gelesen, geschrieben) wird als die andere. Werden übersteigerte Ansprüche gestellt, kann allzu großer Leistungsdruck leicht in Ablehnung einer Sprache umschlagen. Viele Eltern ver-schieben z.B. das Lesen- und Schreibenlernen der schwächeren Sprache auf später, um dem Schulunterricht in der stärkeren Sprache nicht in die Quere zu kommen.
  • Eltern können sich auch ent-schließen, von einem Prinzip auf das andere umzusteigen. Das Prinzip "eine Person, eine Sprache" funktioniert meist sehr gut, wenn der Elternteil, der die schwächere Sprache spricht, relativ viel Zeit mit dem Kind verbringt. Wird dieses Gleichgewicht gestört, z.B. weil das Kind in die Schule kommt, kann es angebracht sein, dass auch der andere Elternteil zur schwächeren Sprache wechselt und diese dadurch zur Familiensprache wird.
  • Auch andere Aufteilungen sind denkbar, z.B. eine Sprache wird immer im Urlaub gesprochen, oder immer am Wochenende, oder immer im Auto usw. Das Wichtigste dabei scheint zu sein, ein Prinzip auszuwählen, mit dem sich die Eltern wohlfühlen und das ihnen natürlich erscheint. Auch werden die Eltern bald erkennen, was funktioniert und was nicht, und die Sprachaufteilung auf ihre ganz persönliche Situation abstimmen. Nicht zu vermeidende Abwei-chungen (beim Arzt oder mit Lehrern, wenn einsprachige Spielkameraden zu Besuch kommen oder wenn über ein Gespräch, das in der anderen Sprache stattgefunden hat, diskutiert wird) gibt es natürlich immer und sollten mit Flexibilität gehandhabt werden.

Keiner möchte schließlich, dass sein Kind schon auf dem Spielplatz als Außenseiter abgestempelt und an keine Rutsche rangelassen wird, weil es "komisch" spricht. Andererseits: Maxime hat nun mal eine deutsche Mama, die ihm nicht nur die deutsche Staatsangehörigkeit und ebensolche Haarfarbe vermacht hat, sondern auch den Kontakt zu einem guten Dutzend Familienmitgliedern sowie zu den Gebrüdern Grimm und dem Räuber Hotzenplotz nicht vorent-halten wollte. Zwar wohnt besagte Familie allesamt "ganz ganz weit weg", tritt aber regelmäßig per Telefon und sporadisch sogar leiblich in Erscheinung. Sich mit Oma und Opa in Deutschland unterhalten zu können, fand ich wichtig genug, um das Abenteuer zu wagen.

Eine Person, eine Sprache

Kaum war Maxime geboren, sang und sprach ich also auf Deutsch mit ihm, während Papa und sein gesamt-es Umfeld auf Französisch auf ihn einredeten (nach dem Prinzip "eine Person, eine Sprache", und zwar so konsequent wie möglich, ohne Rücksichtnahme auf den Ort oder andere Anwesende). Mit meinem Mann spreche ich französisch, aber sobald ich mich direkt an Maxime wende, und sei's mitten in einer gemeinsamen Unterhaltung am Abendbrottisch, spreche ich deutsch. Was manchmal dazu führt, dass ich dann für Papa oder für andere Anwesende übersetzen muss, damit sich keiner ausgeschlossen fühlt.

Komischerweise war es mir am Anfang peinlich, mich in der Öffent-lichkeit zu "outen" und deutsch auf das Bündel einzureden, sei's auf der Bank, beim Arzt oder auf dem Spielplatz vor erstaunten Knirpsen. Ich tat es zwar konsequent, aber doch zuerst nur leise, um mich möglichst nicht rechtfertigen zu müssen (obwohl Kanada mit Englisch und Französisch zwei offizielle Landessprachen hat und das Phänomen Zweisprachigkeit zum Alltag gehört wie Erdnussbutter und French Toast. Und obwohl deutsch hier glücklicherweise mit hohem Sozialprestige ausgestattet ist und Fremde eher beeindruckt sind, dass ein Kind "so eine schwierige Sprache" so mühelos erlernt). Diese Angst vor Kritik hatte ich so lange, bis Maxime dann tatsächlich plötzlich auf Deutsch antwortete und Bedenken wegen Überforderung somit in den Wind schlug.

Die Belohnung

Aber anstrengend war diese erste Zeit ohne Antwort, die bei Maxime gute 1 1/2 Jahre dauerte: da ich die einzige deutsche Quelle war, hatte ich das Gefühl, ständig - also wirklich ständig - auf das Baby einreden zu müssen, um bei dem französischen Übergewicht überhaupt eine Chance zu haben. Fast zwanghaft war das schon, wie ich Maxime pausenlos beschrieb, was ich gerade machte oder sah, und sehr hätte ich mir in der Zeit sprachliche Verstärkung gewünscht, z.B. von anderen deutschsprachigen Eltern, mit denen ich eine Spielgruppe hätte gründen können. Aber, wie gesagt, nach 1 1/2 Jahren kam die Belohnung, die sich in Form eines deutlichen "Nein", dann "Tasse" und "papu" (kaputt) zu den paar französischen Brocken gesellte, die Maxime schon ein paar Monate lang geübt hatte. Seither entwickeln sich beide Sprachen parallel und relativ "unvermischt", als ob es das Selbstverständlichste der Welt sei, dass Mama "Tisch" und Papa "table" sagt und doch ein und derselbe Gegenstand gemeint ist.

Zwei Sprachen, eine Welt

Maxime's Wortschatz scheint sich in beiden Sprachen ungefähr gleich schnell zu entwickeln und - trotz weit verbreiteter Meinung - ohne nennenswerten Rückstand gegenüber seinen einsprachigen Altersgenossen. Nur bei personengebundenen Tätigkeiten wie Kuchenbacken (mit mir) oder Flugzeuge angucken (mit Papa) nimmt eine Sprache kurzzeitig überhand, bis er sich dann durch Nachfragen die fehlenden Vokabeln in der anderen Sprache aneignet. Anfangs gab es auch Ausnahmen, d.h. Wörter, die Maxime hartnäckig über längeren Zeitraum nur in einer Sprache konnte und original in die andere Sprache importierte. So hat er sich lange geweigert, "Mütze" zu sagen, und zog statt dessen seinen chapeau an ("Mama, mein chapeau kratzt ganz ganz"), und im Gegenzug dafür "drückte" er auch auf französische Knöpfe... Jetzt, mit fast dreieinhalb Jahren, werden diese Fehler immer seltener.

Um das Vermischen der beiden Sprachen so gering wie möglich zu halten, versuche ich auch, französische Lehnwörter, die längst ihren Platz in der deutschen Sprache gefunden haben, zu vermeiden: so nenne ich seine Cousins lieber "Vettern", und Sonntag morgens gehen wir nicht ins Restaurant, sondern ins "Lokal", um die heißgeliebten Pfannkuchen mit Ahornsirup zu essen. Bis vor kurzem dachte ich deshalb, eigentlich an alles gedacht zu haben. Das Wichtigste ist mir, dass Maxime eifrig und erfolgreich in beiden Sprachen kommuniziert und sich in seiner doppelten Welt wohl zu fühlen scheint.

Nur neulich war er sehr enttäuscht: Seit neuestem geht er nämlich in einen französischsprachigen Kindergarten, in dem die Erzieherinnen die unglückliche Angewohnheit haben, den Raum der Gruppe local zu nennen - gleiches Wort, völlig andere Bedeutung. Nach dem Spaziergang wurde seine Gruppe deshalb aufgefordert, ins local zu gehen - aber Pfannkuchen gab es dort keine! Obwohl Maxime wohl den ganzen Kindergarten danach abgesucht hat. Und nicht das kleinste Tröpfchen Ahornsirup, eine Schande, das.

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