Mit Kindern philosophierenEi oder Henne – das ist hier die Frage

Auch unsere Kinder hinterfragen vieles kritisch und tiefsinnig. Darum ist es durchaus interessant, mit Kindern zu philosophieren. Kindgerechte philosophische Fragen bringen auch uns dazu, Dinge neu zu überdenken. So können auch die Eltern bei solchen Gesprächen noch viel lernen.

Mit Kindern philosophieren: Ei oder Henne – das ist hier die Frage
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"Erkundigt sich Marie freundlich, "die Oma stammt doch von den Affen ab, ne?" Vor Schreck fällt mir die Kaffeetasse aus der Hand. "Sag mal spinnst Du?", rutscht es mir einfach so raus. Kein Zweifel, es gibt bessere Zeiten als morgens um sieben, in denen man offen, zugewandt und liebevoll mit kleinen Kindern sprechen kann. Doch Maries rundes Gesichtchen ist rein und blank und ohne Arg. Warum auch sollte sie ihre geliebte Oma beleidigen wollen?

Ich entschuldige mich also für meinen Ausrutscher, wische die Kaffeepfütze auf und forsche in ihren Augen. "Wie meinst'n du das?" Darauf scheint sie nur gewartet zu haben. "Also, das ist doch so. Jeder Mensch hat eine Oma und die hat wieder eine Oma und bis in die Steinzeit und dann kommen auch schon die Affen, und so geht es immer weiter", erklärt sie eifrig und trumpft am Ende auf: "Also stammt die Oma von den Affen ab!"

Dann runzelt sie die Stirn. "Und, Mama, von wem stammen eigentlich die Affen ab?" Doch bevor ich eine kindgerechte Kurzfassung von der Entstehung des Lebens auf unserem Planeten zusammengestoppelt kriege, stürmt Marie schon weiter. "Wo is'n eigentlich der Anfang?", fragt sie und versucht gleich darauf selbst eine Antwort zu finden. "Ist das wie Unendlichkeit, eine Unanfanglichkeit?" Oh je, das hatten wir gestern. "Was ist denn die Unendlichkeit?" fragte sie, als wir vorm Schlafengehen den Sternenhimmel betrachteten und sie wissen wollte, wie es da oben weitergeht, hinter den Sternen.

Kinder staunen und wollen ergründen

Die Fragewut von Vorschulkindern ist legendär: Warum regnet es? Waren die großen Berge früher auch mal klein? Weinen die Hühner, wenn man ihnen die Eier wegnimmt? Was ist eigentlich ein Stern? Sie fragen ohne Rücksicht, sie staunen über alles mögliche, sie wollen wissen - die Nachbarschaft von Kinderdenken und Philosophie muss nicht erst künstlich hergestellt werden, denn sie ist von Anfang an da: Beide erfragen die Welt.

"Das Philosophieren beginnt mit dem Staunen", sagt Aristoteles vor fast zweieinhalbtausend Jahren. Um den vierten Geburtstag herum geht's los: das Denken löst sich vom konkret Beobachtbaren und nicht allein der Augenschein, sondern der gedankliche Nachvollzug des Gesehenen und Geschehenen markiert einen entscheidenden Entwicklungsschritt. Wenn Kinder sprechen, schreiben sie den Dingen Eigenschaften zu, sie bilden Ober- und Unterbegriffe, bauen Wenn-Dann-Beziehungen, stellen Behauptungen auf, widerlegen sie und ziehen Schlüsse - streng logisch im Dreierschritt von erster Prämisse, zweiter Prämisse und Conclusio, genau wie ihn Aristoteles in seinen Syllogismen entwickelt hat: Alle Menschen stammen von den Affen ab. Oma ist ein Mensch. Also: Oma stammt von den Affen ab.

Fragen statt Antworten

Und was ist jetzt eigentlich ein Stern? Halt, - nicht gleich antworten. Warum will das Kind das wissen? Braucht es jetzt eine genaue Auskunft über Himmelskörper? Soll man ihm den Unterschied zwischen Sternen und Planeten erklären? Vielleicht war im Radio oder Fernsehen davon die Rede? Oder will es einfach nur, dass Mama oder Papa noch eine Weile am Bett sitzen bleiben?

Viel zu schnell haben wir oft Antworten parat, weil wir meinen, dem Kind alles und jedes erklären zu müssen. Aber Antworten sind auch Denkstopper. Wir erfahren viel mehr von dem Kind, wenn wir offenen Ohres zurückfragen: "Was denkst du denn, was ein Stern ist?" Oder: "Warum fragst du?" Kindern fällt oft noch auf, was wir Erwachsene längst übersehen - Dinge, die sich scheinbar von selbst verstehen, aber gar nicht selbstverständlich sind.

Kinderfragen sind oft Sinnfragen. All dieses Wieso, Weshalb, Warum birgt ja auch die Ahnung, dass es zu jedem Warum ein Darum gibt, zu jedem Weshalb ein Deshalb gehören muss, eine Antwort, die den Sinn erhellt - und das muss sich doch herausfinden lassen. Langsam gehen dem kleinen Menschen, der viel metaphysischer denkt als ein Erwachsener ahnt, Dinge auf wie der Sterncharakter der Erde, dass es im Weltraum kein Oben und Unten gibt, das Geheimnis der Unendlichkeit, das Wunder des Lebens, die merkwürdige Tatsache des Gesetzes, die Macht der Zahl oder auch Fragen wie die moralische Frage der Lüge, die auch Vierjährige schon lange beschäftigen kann.

Gemeinsam Nachdenken

Wichtig ist, dass ein Kind durch seine eigene Erklärung einen Sinn in der Sache findet. Darin können wir sie bestärken und im Gespräch begleiten. Denn, mal ehrlich, brauchen wir das nicht alle immer wieder, um uns im Leben zurechtzufinden? Es geht nicht darum, Wissen zu erweitern im Sinne von Faktenlernen, sondern um das Bedenken des eigenen Denkens, um das Überdenken der Voraussetzung eigener Urteile, um die gedankliche Klärung und Selbstaufklärung. Kinder, die zu viele fremde Antworten geschluckt haben, trauen sich eigene nicht mehr zu. Selberdenken macht schlau! Das philosophische Gespräch bietet eine gute Gelegenheit, das unbefangene Fragen der Kinder zu bewahren, aber auch das der Erwachsenen zu wecken.

Philosophische Gespräche nehmen ihren Ausgang immer von konkreten Situationen und Erfahrungen. Sie ergeben sich, indem man an den Fragen der Kinder anknüpft, aber auch über Geschichten lassen sie sich in Gang setzen. Dabei müssen Kinder als gleichberechtigte Gesprächspartner anerkannt werden. Ihr Denken ist keineswegs eine Vorform des Erwachsenendenkens, sondern eigenständig und anders. Lassen wir unsere verfestigten Meinungen doch einmal in Frage stellen - von den Kindern!

  • Erzwingen Sie nichts - Kinder sind verschieden wie Erwachsene auch. Manche bringen philosophischen Fragestellungen ein sprunghaftes Interesse entgegen, andere legen eine beeindruckende Beharrlichkeit an den Tag. Es gibt kein Schema, das auf alle passt.
  • Beachten Sie die Situation, in der eine Frage auftaucht. Kinder bezwecken mit manchen Fragen, dass man bei ihnen bleibt, ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Das sind keine Momente für philosophische Gespräche. Darin geht es um das ernsthafte Bemühen, etwas zu verstehen und zu erkennen - von beiden Seiten. Speisen Sie Ihre Kinder nicht mit Standardantworten ab. Bei Fragen nach Gott, dem Tod, dem Glück, der Lüge und dem Leben erzählen Sie besser nichts, was Sie nicht selbst glauben. Warum sollten Sie Ihre eigene Unsicherheit nicht zugeben? Erst dann können Sie gemeinsam nachdenken!
  • Fragen sind dann wichtig, wenn sie sich stellen. Zu fragen bedeutet, sich dem Begegnenden zu öffnen und es verstehen zu wollen. Schenken Sie allen Fragen zunächst die gleiche Aufmerksamkeit, nicht nur wenn Schlüsselwörter wie "Tod" oder "Leben" darin vorkommen. Philosophieren mit Kindern bedeutet, Fragen aufzuwerten. Deuten Sie Fragen nicht als Nichtverstehen, sondern als Neugierde und Interesse. Dann werden Ihre Kinder Fragen als etwas Positives erleben, nicht als etwas was lästig fällt und stört. Schöner läßt sich Wertschätzung kaum ausdrücken.

kizz Buchtipp

Julia Knop, Die großen Fragen. Philosophie für Kinder. Verlag Herder. 192 Seiten. 14,99 €

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