Zwangsstörungen bei KindernWie eine spezielle Verhaltenstherapie hilft

Manchmal entwickeln schon Vorschulkinder quälende zwanghafte Verhaltensweisen. Sie kontrollieren zum Beispiel ständig, ob die Türen geschlossen sind, oder waschen sich immer wieder die Hände. Solche Zwänge können das ganze Familienleben bestimmen. Wie eine Verhaltenstherapie hilft.

Zwangsstörungen bei Kindern: Wie eine spezielle Verhaltenstherapie hilft
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Im Kindergartenalter wiederholen viele Kinder Spielabläufe eine Zeit lang auf die gleiche Weise oder sie stellen immer wieder dieselben Fragen. Solche Verhaltensweisen sind meist vorübergehend und helfen den Kindern, sich in einer neuen Lebensphase zurechtzufinden.

Manchmal entwickeln jedoch auch schon Vorschulkinder zeitraubende und quälende zwanghafte Verhaltensweisen. Sie kontrollieren etwa zigfach, ob Türen geschlossen oder Geräte ausgeschaltet sind, oder waschen sich immer und immer wieder die Hände. In solchen Fällen sollten Eltern sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Je eher ihr Kind eine Unterstützung erhält, desto besser kann verhindert werden, dass sich die Zwänge verstärken oder auf weitere Lebensbereiche ausdehnen.

Zwänge können das Familienleben beherrschen

Bei Kindern lassen sich Zwänge, wenn sie noch nicht zu lange bestehen, oft schon durch bestimmte Veränderungen in der Familie vermindern.

Denn stärker als bei Erwachsenen beeinflussen die Reaktionen der Familienmitglieder das kindliche Zwangsverhalten. Besonders wirksam ist eine Verhaltenstherapie, die die ganze Familie in die Behandlung mit einschließt. So war es auch bei Miriam P.* (6), die bereits einige Monate unter einem Waschzwang litt, als sie mit ihren Eltern einen Therapeuten aufsuchte. Miriam hatte zunächst nur großen Wert darauf gelegt, sich vor und nach dem Toilettengang oder den Mahlzeiten und wenn sie ein Tier angefasst hatte gründlich die Hände zu waschen. Nach und nach verspürte sie die Angst vor Verunreinigung auch bei der Berührung vieler anderer Gegenstände. Selbst wenn sie einen Hund sah, musste sie sich die Hände waschen. Miriam wusch sich nicht nur ständig, sondern band auch ihre Eltern so oft wie möglich in die Waschrituale ein. Um das Kind zu beruhigen, gingen diese auch darauf ein. Schließlich beherrschte der Waschzwang das ganze Familienleben.

Den Hintergrund der Zwangshandlungen erforschen

Im ersten gemeinsamen Gespräch fragte der Therapeut die Eltern und Miriam, wie sich die Zwänge auswirken und was die Familie bisher versucht hat, um sie abzustellen. Darüber hinaus versuchte er herauszufinden, ob familiäre Probleme und Konflikte möglicherweise mit der Zwangsstörung in Verbindung standen.

Bei Miriam zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Partnerschaftsproblemen der Eltern und dem Beginn des Waschzwanges. Die Eltern hatten zwar versucht, die Ehekrise vor ihrer Tochter zu verbergen, aber Miriam spürte die Konflikte. Miriams Waschzwang ließ sich als Versuch deuten, ihre große Angst vor der Trennung der Eltern zu bewältigen.

Der Therapeut erarbeitete ein auf Miriam und ihre Eltern zugeschnittenes Verhaltenskonzept. So schlug er den Eltern vor, Miriam verstärkt in Gespräche einzubeziehen, sie ernst zu nehmen und ihr das Gefühl zu geben, jetzt und in Zukunft ganz wichtig für die Familie zu sein. Falls Miriam Ängste konkret äußerte, so die Vereinbarung, sollten die Eltern sofort und ausführlich darauf eingehen. Außerdem erklärte der Therapeut den Eltern, dass Zwänge keine Willenssache oder dumme Angewohnheit sind und sich nur sehr begrenzt kontrollieren lassen.

kizz Info

Die Schwerpunktambulanz für Kinder und Jugendliche mit Angst- und Zwangsstörungen an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Köln untersucht und behandelt seit einigen Jahren Kinder und Jugendliche mit Zwangsstörungen.
Ansprechpartnerin: Hildegard Goletz
Tel.: 0221/4787876
E-Mail: Hildegard.Goletz@uk-koeln.de
Im Internet finden Sie weitere Informationen unter: www.zwaenge.de

Feste Regeln für die Familie und ein individuelles Verhaltenstraining

In den folgenden Wochen verminderten die Eltern zunächst schrittweise, aber sehr bestimmt, ihre bisherige Unterstützung von Miriams Waschritualen. Stattdessen ermunterten sie ihre Tochter zu anderen Tätigkeiten. Überdies lobten und belohnten sie sie, wenn es ihr gelang, sich nicht die Hände zu waschen. Schon bald entspannte sich die Atmosphäre in der Familie erheblich.

Parallel zu den Veränderungen im Familienleben begann Miriam ein Verhaltenstraining. Unter Anleitung des Therapeuten berührte sie freiwillig zunächst "saubere" und für sie "weniger saubere" Gegenstände im Therapieraum, ohne sich anschließend die Hände zu waschen. Weil sie dabei wenig Angst zeigte, konnten sie sich bald den stark angstauslösenden Reizen zuwenden. Miriam sollte nun das Waschbecken, den Fußboden, ja sogar den Toilettendeckel und -sitz in der Praxis anzufassen, ohne sich danach zu waschen. Miriam schaffte es und erlebte: Ihre Befürchtungen traten nicht ein, sie fühlte sich danach nicht "unsauber".

Aufgrund der guten Zusammenarbeit mit den Eltern war die Behandlung so erfolgreich, dass Miriams Waschzwang ein halbes Jahr nach Beginn der Therapie nur noch selten auftrat.

*Name geändert

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Wenn Ihr Kind unter Zwangsstörungen leidet

  • Überprüfen Sie Ihr eigenes Verhalten auf Zwanghaftigkeit (unter Umständen selbst therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen).
  • Vermeiden Sie Appelle an die Willenskraft und Vernunft oder Diskussionen über den Sinn oder die Notwendigkeit der Zwangshandlungen. Sie schaden nur.
  • Unterstützen Sie Ihr Kind nicht bei der Abwicklung der Zwangshandlungen, zum Beispiel indem Sie bestimmte Kontrollen übernehmen. Bleiben Sie bei Ihrer Weigerung, auch wenn Ihr Kind die Hilfe wütend oder verzweifelt einfordert.
  • Lassen Sie das Familienleben nicht von den Zwängen Ihres Kindes bestimmen. Auch wenn das sehr schwer ist, reagieren Sie nicht aggressiv und passen Sie sich gleichzeitig nicht an das Zwangssystem an.
  • Konzentrieren Sie Ihre Zuwendung und Anerkennung auf die Fortschritte bei der Bewältigung der Zwänge, etwa wenn Ihr Kind beginnt, andere, sinnvolle Tätigkeiten zu entfalten.
  • Tadeln Sie nicht bei Rückfällen.
  • Das Verhaltenstraining (Konfrontation mit angstauslösenden Reizen unter Vermeidung des Zwangsrituals) dürfen nur erfahrene Therapeuten, auf keinen Fall die Eltern selbst, durchführen.

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