Warum Waffen auch ins Spielzimmer dürfen"Peng, du bist tot!"

Viele Eltern verbieten ihren Kindern das Spielen mit Waffen. Dabei ist das spielen von Krieg und Kampf durchaus wichtig für die kindliche Entwicklung.

Warum Waffen auch ins Spielzimmer dürfen:
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Nicht nur zu Karneval stehen Pistolen, Säbel und Schwerter bei Kindern hoch im Kurs. Insbesondere für Jungen ist das Spiel mit Waffen das ganze Jahr über attraktiv. Plastikgewehre, Panzer oder eine Sammlung von bis an die Zähne bewaffneten Actionfiguren gehören in vielen Kinderzimmern heute zur Grundausstattung. Haben wir etwas falsch gemacht, fragen sich Eltern, wenn der Nachwuchs mit Lust und Freude durch die Gegend ballert? Ist es normal, dass unser Kind mit Waffen spielt? Müssen wir die Aufrüstung im Kinderzimmer verbieten?

Eine normale Phase

Dass Eltern verunsichert sind, wenn der Nachwuchs gerne und viel mit Waffen spielt, ist verständlich. Nicht erst seit der Tragödie von Erfurt fürchten sie, dass aus den bewaffneten Kindern von heute die gewalttätigen Jugendlichen von morgen werden. Macht Krieg spielen aggressiv? - mit dieser Frage haben sich zahlreiche wissenschaftliche Studien beschäftigt. Wie Günther Gugel, Geschäfts-führer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen, berichtet, lässt sich ein direkter Wirkungszusammenhang zwischen dem Spiel mit Spielzeugwaffen und gewaltorientierten Verhaltensmustern nicht nachweisen. Experten gehen davon aus, dass das Kriegsspiel ein Bestandteil innerhalb eines Ursachenbündels sein kann, das in bestimmten Lebenssituationen aggressives Verhalten und Gewalt möglicherweise hervorruft. In der Regel ist der Spaß am Rumballern und Totschießen jedoch ein normaler Schritt innerhalb der kindlichen Entwicklung.

Stark und unverwundbar sein

"Spielzeugwaffen faszinieren, weil sie in der Imagination die eigenen Fähigkeiten potenzieren", erklärt Günther Gugel. Gerade für Kinder, die sich oft ohnmächtig und den Erwachsenen unterlegen fühlen, ist das attraktiv. Jemanden im Spiel totzuschießen ermöglicht es, fiktiv Kontrolle auszuüben und sich die Welt gefügig zu machen. Anders als Eltern befürchten, können Kinder dabei sehr wohl zwischen Spiel und Realität unterscheiden. Bei ihren Schießerein geht es nicht darum, den Spielgefährten zu verletzen oder zu töten, sondern um das Erleben von Macht und Stärke. Das kann für Jungen von größerer Bedeutung sein als für Mädchen. Für sie geht es beim Spiel mit Flitzebogen und Pistole auch um die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidentität. Wenn sie als Cowboy den Colt ziehen und sich mutig und kämpferisch zeigen, probieren sie eine traditionelle männliche Rolle aus, die in unserer Gesellschaft durch Werbung und Fernsehen (immer noch) präsent ist.

Spannungen abbauen

Kinder setzen sich im Spiel mit ihrem Alltag auseinander. Wenn es dabei kriegerisch zugeht, haben sie die Möglichkeit, aggressive Gefühle zu bewältigen, so die heute verbreitete Expertenmeinung. "In vielen Familien ist ein großes Spannungspotential, das Kinder mitkriegen und das sie verarbeiten müssen", sagt Günther Gugel. Auch Christian Büttner, Diplompsychologe und Mitarbeiter der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, ist der Auffassung, dass das Spiel mit Waffen eine wichtige Funktion erfüllen kann: den "ungefähr-lichen" Umgang mit Aggressionen. Aus seiner Praxis berichtet er, dass Kinder, die von ihren Eltern streng pazifistisch erzogen wurden, besonders heftig Krieg spielten. "Diese Kinder durften keine Aggressionen haben", so Christian Büttner. Negative Gefühle bringen Kinder übrigens auch auf anderem Wege zum Ausdruck: es gibt "Kinderzeichnungen, die nur so vor Gewalt strotzen", berichtet Günther Gugel.

Die Monster besiegen

Ein Dauerrenner im Bereich Kinderspielzeug sind die bewaffneten Action-Figuren von "Masters of the Universe" bis "Pokemon" - brutale Kampfmaschinen, so das Urteil vieler Erwachsener, die ihrem Nachwuchs nur ungern die heiß begehrten Helden und ihre bösen Gegenspieler aus Plastik kaufen. "Kinder brauchen Monster" hat der bekannte Kinderpsychologe Bruno Bettelheim gesagt, und auch Christian Büttner ist der Meinung, dass das kindliche Spiel mit angstmachenden Figuren eine wichtige Funktion erfüllen kann: "Kinder verarbeiten das, was sie bedroht, in der Phantasie", erklärt der Psychologe. Wenn sie im freien Spiel, bei dem sie die Regeln selbst bestimmen können, den Kampf Gut gegen Böse inszenieren, setzen sie sich mit ihren Ängsten auseinander. "In dem Moment, wo die Kinder damit spielen, haben sie Gewalt über die bedrohenden Phantasien," so Christian Büttner.

Nicht verbieten, sondern im Gespräch bleiben

Kindern das Spiel mit Waffen zu verbieten, ist ein vergebliches Bemühen, denn um Krieg zu spielen, brauchen Kinder keine Plastikausrüstung. Die kindliche Phantasie kann aus jedem Stock ein Gewehr machen. Ein Verbot ist auch deshalb nicht sinnvoll, weil die Waffenfaszination eines Kindes möglicherweise dem Bedürfnis entspringt, schwierige Alltagserfahrungen zu verarbeiten. Dieses sollten Eltern nicht ignorieren. Günther Gugel rät deshalb, keine Verbotsatmosphäre zu erzeugen, sondern mit den Kindern im Gespräch zu bleiben und ihnen ein zuverlässiger Partner zu sein, gerade wenn es um verborgene Ängste und Spannungen gehe.

Auch Christian Büttner rät Eltern und ErzieherInnen von einem Spielzeug-waffenverbot ab. Bei der Frage, wie viel Gewalt die Gesellschaft toleriere, sei es jedoch wichtig, Zeichen zu setzen. Auch Günther Gugel mahnt, sich nicht nur für die Abrüstung im Kinderzimmer einzusetzen, sondern für die Gewalt sensibel zu werden, die den Alltag in unserer Gesellschaft durchsetzte und die Kinder täglich erführen. Das sei nicht zuletzt auch eine Sache der Glaubwürdigkeit.

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