Essstörungen"Ich will nichts essen"

Essstörungen im Kindesalter sind eine sehr gefährliche Angelegenheit. Anorexie bei Kindern sollte möglichst früh von Eltern bemerkt und ernst genommen werden. Es gibt bestimmte Symptome, an denen Eltern eine Essstörung bei ihren Kindern bemerken können.

Essstörungen:
© Ellen_Parik - iStock

Essstörungen bei Kleinkindern nehmen zu. Doch während vor allem von Moppel-Kindern die Rede ist, geraten Probleme mit leichtgewichtigen Kindern gerne in Vergessenheit. Und doch ist gerade die Essensverweigerung für die Psyche vieler Eltern viel belastender als ein paar Pfunde zuviel - schließlich fürchten sie, dass ihr Kind verhungert. Michael Schieche, Diplompsychologe am Münchner Kinderzentrum für Ess-, Schlaf und Schreistörungen bei Kleinkindern, erklärt wie man der täglichen Dramatik im Esszimmer entgeht und was in einer Kinderambulanz geschieht.

Kinder mögen einfach manchmal nicht essen weil es ihnen nicht schmeckt, sie keinen Hunger haben oder in der Trotzphase sind. Das kennen wahrscheinlich alle Eltern. Ab wann ist Sorge angebracht?
Wenn sich Teufelskreise einspielen, das heißt, wenn die Kinder immer mehr verweigern und die Eltern immer mehr Druck machen müssen oder immer neue Ablenkungsmanöver ausprobieren. Eine Gedeihstörung liegt aber erst vor, wenn auch das Kind Symptome zeigt, also innerhalb von drei Monaten nicht zunimmt oder gar kontinuierlich an Gewicht verliert. 

Bei welchen Symptomen ist eine stationäre Therapie angesagt?
Wenn man etwas an der bestehenden Situation ändern will, dann führt das unter anderem über eine Veränderung der gesamten Füttersituation und möglicherweise zu anders verteilten Mahlzeiten. Dabei ist der Hunger des Kindes das Ausschlag gebende Kriterium. Das kann zuerst zu einer Gewichtsabnahme führen. Wenn der Ernährungs- oder Flüssigkeitsstatus aber sowieso schon kritisch ist, wird eine stationäre Therapie empfohlen, um das zu überwachen. Die Ärzte übernehmen dann die Verantwortung, dass die Gesundheit des Kindes nicht gefährdet wird. 

Was wird in diesem Fall in der Klinik/im Kinderzentrum geleistet?
Wir machen eine ausführliche Entwicklungs- und Ernährungsberatung. Geben etwa bestimmte Essensregeln vor. Die wichtigste ist: "Eltern bestimmen was und wann es zu essen gibt, das Kind bestimmt wie viel". Das ist leicht gesagt und schwer umgesetzt. Das wichtigste dabei ist die Videoarbeit. Die Eltern bekommen ja ständig Ratschläge von allen Seiten, aber keiner sieht sich einmal die fest gefahrene Esssituation genau an. Die Eltern müssen daher schon beim Ersttermin etwas zum Füttern hierher mitbringen und werden dann gefilmt. Danach besprechen wir anhand der Aufzeichnung mögliche Veränderungen. Dabei versuchen wir etwa zu klären, ob das Kind im Moment überhaupt Appetit hat oder wann es günstig ist aufzuhören. 

Was sind mögliche Gründe für anhaltende Nahrungsverweigerung?
Zuerst muss man organische Faktoren ausschließen. Etwa eine Kuheiweißunverträglichkeit. Meistens beginnt das Problem aber bei einem nichtigen Anlass. Typischerweise kommt es zu kleinen Verweigerungen bei Nahrungsumstellungen etwa vom Stillen auf Flaschen- oder auf feste Nahrung. In diesen Zeiten essen die Kinder ein bisschen weniger und das bereitet den Eltern Sorgen. Normalerweise bestimmt das Kind wie viel und was es isst, doch plötzlich gerät dieses Gleichgewicht aus den Fugen. Verschlimmernd kommt oft hinzu, dass die Umgebung, also Freunde, Großeltern oder der Kinderarzt sich irgendwann auf die Essensmenge fixieren und den Eltern vorrechnen: "So und soviel muss ein Kind in diesem Alter aber mindestens essen."

Warum nimmt das Phänomen "Essstörungen bei Kleinkindern" zu oder täuscht das und man ist heute einfach sensibler für solche Themen als früher? 
Gesicherte Zahlen gibt es wenige. Ein Faktor ist aber: die Verunsicherung generell im Erziehungsverhalten ist sehr groß. Heute bekommt man unzählige Ratschläge, die sich widersprechen. Früher waren Regeln klarer.

Gibt es seitens der Klinik Ratschläge für betroffene Familien? 
Wichtig ist den Eltern klar zu machen, dass immer wieder Fütterstörungen auftreten können und dass das normal ist im Laufe der Entwicklung. Damit warnen wir die Eltern vor und sagen ihnen, dass dies eine bewältigbare Krise ist. Und dass sie sich auf Hunger und Appetit des Kindes verlassen können. Das Kind holt sich, was es braucht.

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