Sprechen lernenVom Ein-Wort-Satz zum Sprachgenie

So unterschiedlich unsere Kinder sind, so verschieden kann auch ihre Entwicklung ablaufen. Dies zeigt sich speziell beim Umgang mit unserer Sprache. Zwei gleichaltrige Kinder können hier durchaus auf einem sehr unterschiedlichen Stand sein.

Sprechen lernen: Vom Ein-Wort-Satz zum Sprachgenie
© Kevin van Emmerik - Pixelio

Der dreijährige Luis freut sich: Sein gleichaltriger Kindergartenfreund Micha kommt ihn zum ersten Mal mit seiner Mama besuchen. Zur Begrüßung schleppt Luis gleich eine Spielzeugkiste an und lädt Micha ein, mit ihm seine Holzeisenbahn aufzubauen. "Da!", sagt Micha und deutet auf ein Bauteil. "Das ist eine Schranke", erklärt Luis stolz. "Die kann man auf- und zumachen. Willst du's probieren?" - "Mhm", macht Micha und klappt die Schranke hoch. Dann entdeckt er ein anderes interessantes Objekt. "Auto!", ruft er und zieht eine Lok aus der Kiste. "Das ist eine Lokomotive", berichtigt Luis. Die hat mir Oma geschenkt. Und ganz viele Waggons dazu. Die kannst du hier an die Lokomotive hängen." - "Lomotive", wiederholt Micha zaghaft ...

Luis' Mutter, die dieser Unterhaltung eine Weile zuhört, legt nachdenklich die Stirn in Falten. Michas Mutter bemerkt das und beeilt sich zu erklären: "Micha ist ein wenig sprechfaul, aber er versteht alles. Bei der U7 letztes Jahr hat der Kinderarzt jedenfalls gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen."

Abwarten oder handeln?

"Man muss dem Kind nur Zeit lassen, dann entwickelt sich die Sprache von allein!" Solche Kommentare bekommen Eltern oft zu hören, wenn sie sich Gedanken um die Sprachentwicklung ihres Kindes machen. Tatsächlich bestätigt sich die Voraussage in den allermeisten Fällen: Selbst bei weniger sprechfreudigen Kindern macht es eines Tages plötzlich "klick" und eine wahre Wortschatzexplosion setzt ein. Das Kind holt dann seinen sprachlichen Rückstand gegenüber gleichaltrigen Kindern meist sehr schnell auf. Oft tritt dieses Ereignis kurz nach dem zweiten Geburtstag ein. Es ist also völlig in Ordnung, wenn Eltern die Sprachentwicklung ihres Kindes erst einmal gelassen abwarten, wie es häufig auch der Kinderarzt rät.

Doch bei manchen Kindern macht das Sprechenlernen auch später keine Fortschritte. Wenn das Kind mit zweieinhalb bis drei Jahren noch immer Ein-Wort-Sätze gebraucht und seinen aktiven Wortschatz nicht nennenswert erweitert hat, beginnt die Situation allmählich ernst zu werden. Dann wird es Zeit für eine genauere ärztliche Abklärung - die in unserem Beispiel auch Michas Mutter in Anspruch nehmen sollte.

Stufen der Sprachentwicklung

Natürlich muss sich die Sprache nicht bei allen Kindern so zügig entwickeln wie bei Luis, der in dieser Hinsicht offenbar sehr fit ist. Unterschiede in der Sprachentwicklung sind vielmehr völlig normal, solange sie über ein bestimmtes Maß nicht hinausgehen. Hier zur groben Orientierung ein paar Beispiele, welche sprachlichen Fähigkeiten ein Kind in welchem Alter besitzen sollte. Es handelt sich hierbei um Durchschnittswerte:

  • Im Alter von etwa sieben Monaten beginnt das Kind zu lallen, wobei es die Silben verdoppelt (mama, dada).
  • Mit einem Jahr versteht es etwa 70 Begriffe und lernt, erste verständliche Wörter zu bilden (wauwau = Hund).
  • Mit 18 Monaten beherrscht das Kind aktiv etwa 20 Wörter.
  • Mit zwei Jahren beträgt sein aktiver Wortschatz etwa 50 Wörter. Es beginnt, sich in Zwei-Wort-Sätzen auszudrücken.
  • Mit zweieinhalb Jahren fängt das Kind an, die Ich-Form zu gebrauchen. Sein aktiver Wortschatz umfasst bereits mehr als 300 Wörter.
  • Im Alter von drei Jahren kann das Kind einfache, grammatikalisch richtige Aussagesätze formulieren. Es beherrscht inzwischen rund 1000 Wörter.
  • Mit vier Jahren kann es grammatikalisch korrekte Sätze aus etwa sechs Wörtern bilden.

Die Größe des aktiven und des passiven Wortschatzes sind zwei wichtige Merkmale der Sprachentwicklung. Wenn ein Kind deutlich weniger Wörter aktiv beherrscht als ein anderes im gleichen Alter, so spricht man von einem eingeschränkten Wortschatz. Kann es gesprochene Sätze nicht oder nur teilweise verstehen, obwohl sein Gehör in Ordnung ist, handelt es sich um ein eingeschränktes Sprachverständnis.

Sprachprobleme können sich noch auf andere Weise bemerkbar machen, etwa durch eine fehlerhafte Aussprache: In diesem Fall kann das Kind bestimmte Laute nicht richtig bilden und ersetzt sie deshalb durch andere oder lässt sie ganz aus. Statt "Lokomotive" sagt es dann zum Beispiel "Lotomotive" oder, wie Micha, "Lomotive". Bei einer fehlerhaften Grammatik bildet das Kind unvollständige Sätze ("Papa Arbeit"), baut Sätze falsch auf ("Mama Essen macht") oder hat Schwierigkeiten mit grammatikalischen Formen ("Da ist der Puppe!").

Mehr als fünf Prozent aller Kinder haben eine Sprachentwicklungsstörung, die sich durch einzelne oder sogar alle vier der beschriebenen Merkmale äußert. Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Kind betroffen ist, sollten Sie das ärztlich abklären lassen und, wenn nötig, eine logopädische Therapie in Anspruch nehmen. Das Kindergartenalter ist die ideale Zeit dafür. So hat Ihr Kind gute Voraussetzungen, seinen sprachlichen Rückstand mithilfe der Therapie bis zum Schulalter aufzuholen.

Auch Sie selbst können etwas tun

Hat der Arzt bei Ihrem Kind eine Sprachentwicklungsstörung festgestellt, sollten Sie die Förderung Ihres Kindes auf keinen Fall alleine in die Hand nehmen. Gezielte Sprachförderung gehört in professionelle Hände. Sie können jedoch begleitend zur Therapie - und in Abstimmung mit der Logopädin oder dem Logopäden - auch einiges für die Sprachentwicklung Ihres Kindes tun. Beherzigen Sie vor allem diese Anregungen:

Sprechen Sie Ihr Kind langsam und deutlich an. Verwenden Sie kurze Sätze und wiederholen Sie öfter, was Sie gesagt haben. So kann Ihnen Ihr Kind leichter folgen.

Erläutern Sie alltägliche Handgriffe in kurzen, einfachen Sätzen: "Ich schneide den Apfel auf." - "Ich ziehe meine Schuhe aus."

Wenn sich Ihr Kind fehlerhaft ausdrückt, weisen Sie es nicht auf den Fehler hin, sondern wiederholen Sie seinen Satz in der richtigen Form: "Ball weglollt." - "Ja, der Ball ist weggerollt."

Hören Sie Ihrem Kind immer gut zu und lassen Sie es ausreden, auch wenn es langsam und umständlich spricht. So gewinnt es Selbstvertrauen und entwickelt Freude am Sprechen.

Auch in folgenden Situationen des Alltags können Sie einiges für den Spracherwerb Ihres Kindes tun: Achten Sie darauf, dass Sie Ihr Kind keiner akustischen Dauerberieselung aussetzen. Lassen Sie zu Hause nicht ständig den Fernseher oder das Radio laufen. Das nimmt Ihrem Kind die Fähigkeit, sich auf ein bestimmtes akustisches Ereignis zu konzentrieren. Sorgfältig ausgewählte, altersgemäße DVDs, Hörspiel-CDs und natürlich Kinderbücher sind dagegen gut zur Sprachförderung geeignet. Je öfter sich Ihr Kind eine Geschichte ansehen oder anhören kann, desto besser ist es in der Lage, der Handlung zu folgen und seinen Wortschatz zu erweitern.

Auch Rollenspiele können das Sprechen lernen sehr effektiv unterstützen. Werden Sie zum Spielpartner und lassen Sie sich von Ihrem Kind mal ein Zauberstück vorführen oder die "Sonderangebote" in seinem Kaufladen zeigen. Im Rollenspiel lernt das Kind, seine Wünsche und Vorstellungen zu äußern. Es ahmt seine Rollenvorbilder in Worten und Tonfall nach und erweitert auf diese Weise spielerisch sein Sprachvermögen.

Tipp: Weich - schwer - süß

Wenn Ihr Kind die Dinge in seiner Umwelt mit seinen Sinnen erkundet, benennen Sie dazu deren Eigenschaften: "Fühl mal, wie weich das Kissen ist!" - "Der Koffer ist schwer! Hilfst du mir tragen?" - "Hmm, der Pudding schmeckt süß!" So erweitert das Kind mit jeder neuen Sinneserfahrung seinen Wortschatz.

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