Loslassen lernenDie Abnabelung von Mutter und Tochter

Kinder müssen in den ersten Jahren unglaublich viel lernen und meistern. Damit dies nicht in Stress ausartet, sollte ihnen vieles ganz nebenbei im Alltag spielerisch beigebracht werden.

Loslassen lernen: Die Abnabelung von Mutter und Tochter
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Mit einem Stoßseufzer auf den Lippen reagieren viele Mädchen, wenn sich die eigene Mutter mal wieder ins Leben einmischt. "Ich bin doch kein Baby mehr, das kann ich allein!", erklärt die fünfjährige Maria, als ihre Mutter ihr den Reißverschluss zumachen will. Die siebenjährige Nora findet es „voll peinlich", dass ihre Mutter sie jeden Morgen vor dem Schultor in den Arm nimmt und ihr einen dicken Kuss auf die Wange drückt. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von der Mutter sind angesagt, und das nicht erst in den Pubertät. Denn der Prozess der Abnabelung und Distanzierung beginnt schon viel früher. Kaum hat ein Kind laufen gelernt, macht es sich selbstständig und bewegt sich dorthin, wo sein eigener Wille es hinträgt. Trennung und Lösung von der Mutter erlebt das Kind vom Tag seiner Geburt an, und macht beständig Schritte in die eigene Unabhängigkeit.

Distanz zum Lebensmodell der Mutter

Ablösung ist natürlich nicht allein eine Aufgabe von Töchtern, sondern eine Aufgabe aller Menschen. Auch Söhne nabeln sich von ihren Müttern ab, sie tun es in der Regel bloß weniger heftig als Töchter. Deshalb kann ein Sohn durchaus bis in seine Studienzeit hinein im Haus der Eltern leben. Er fühlt sich meist unabhängig von der Mutter, weil er schon von Geburt an „anders", das heißt gegengeschlechtlich ist. Auch er braucht eine vertrauensvolle und liebevolle Beziehung zu seiner Mutter, wird sich aber nicht mit ihr identifizieren.

Mädchen dagegen orientieren sich von Anfang an an der Mutter. Sie ist ihr erstes Rollenvorbild. Wenn ein Mädchen erwachsen wird, muss es sich deshalb viel deutlicher abgrenzen, um sich und anderen zu zeigen, dass es ein eigenes Leben führt. Die Mutter stellt als gleichgeschlechtliche Erwachsene für das Mädchen ein Modell dar. Sie wirkt also nicht allein durch ihr erzieherisches Verhalten, sondern vor allem auch durch ihren Lebensentwurf und ihr Selbstwertgefühl. Ist die Mutter in der Lage, ihr Leben ausgefüllt zu gestalten, und ist sie flexibel genug, ihre Lebensform als eine Möglichkeit neben anderen zu begreifen, fällt es der Tochter leichter, ihren Weg zu finden. Sie braucht dann in ihrem Leben nicht Erwartungen der Mutter wie „Mach es genau so wie ich" oder "Mach auf keinen Fall die gleichen Fehler wie ich" erfüllen (oder gerade nicht erfüllen), sondern hat die Freiheit herauszufinden, wie sie ihr Leben gestalten möchte.

Die Selbstständigkeit der Tochter unterstützen

Auch wenn es für Sie manchmal schmerzhaft ist: Unterstützen Sie die Schritte Ihrer Tochter in die Selbständigkeit. Wenn Ihr kleines Mädchen sich ohne Zögern zu einer Übernachtung bei der Oma oder der Freundin verabschiedet, wenn Ihr Grundschulkind auf jeden Fall ohne Mama zur Schule gehen will, ruft das zunächst gemischte Gefühle hervor. Lassen Sie sich jedoch auf den Balanceakt ein zwischen der Angst ob und dem Vertrauen dass es ihre Tochter gut machen wird. Ihr Kind braucht diese Freiheit, um sich entwickeln zu können.

Wenn Ihre Tochter älter wird, kann sich Ablösung und Ich-Werdung sehr heftig vollziehen. Verlieren Sie dann manchmal vielleicht die Nerven, aber nicht den Verstand! Versuchen Sie die alltäglichen Auseinandersetzungen mit Ihrer Tochter aus der Distanz zu betrachten und machen Sie sich klar, dass Abgrenzung von Seiten der Tochter und Loslassen von Seiten der Mutter zwingend notwendig sind. Nur so kann Ihr Kind zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit heranwachsen. Außerdem besteht eine gute Chance, dass sich Mutter und Tochter nach abgrenzenden Kämpfen wieder in einer vertrauensvollen Weise annähern. Das kleine Mädchen, das Ihre Tochter war oder ist, lässt sich nicht festhalten. Wenn Sie ihm die Freiheit geben, sich zu entwickeln und eigene Erfahrungen zu machen, kann es ohne Wut zu Ihnen zurückkehren.

Nutzen Sie den Ablösungsprozess Ihrer Tochter auch für sich selbst, um innezuhalten und über Ihr eigenes Lebenskonzept nachzudenken. Wie zufrieden bin ich mit meinem Leben? Was bedeutet Loslassen für mich? Aus welchem Grund ist es für mich schwierig? Welche neuen Chancen eröffnen sich vielleicht für mich? Das Ausbalancieren von Nähe und Distanz bleibt in allen menschlichen Beziehungen eine Lebensaufgabe. Wenn Sie den Prozess des Lösens und Loslassens bewusst erleben und gestalten, können Sie davon profitieren.

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