Die Motorik von KleinkindernImmer in Bewegung bleiben

Die motorische Entwicklung von Kindern ist enorm wichtig. Viel Bewegung und Eltern, die mit gutem Beispiel vorangehen, sind dabei unabdingbar. Wie können Eltern bei ihren Kindern die motorische Entwicklung fördern?

Die Motorik von Kleinkindern: Immer in Bewegung bleiben
© Lupo - Pixelio

"Das wächst sich aus", oder "das kommt noch" sind Bemerkungen, die immer wieder gemacht werden, wenn es in Gesprächen um die Entwicklung von Kindern geht. Beides dürfte falsch sein. Denn Entwicklung läuft nicht automatisch ab. Zwar sind durch genetische Anlagen Grenzen gesetzt, diese können jedoch nur durch eine entsprechende Förderung erreicht werden. Dies gilt natürlich für alle Bereiche menschlicher Entwicklung: für Sprache, Intelligenz, Sozialverhalten, psychische und emotionale Entwicklung. Dies gilt in der frühen Kindheit aber insbesondere für die motorische Entwicklung. Sie ist ein Gradmesser für die neurologische Entwicklung eines Kindes und hat damit auch einen hohen Voraussagewert für die Zukunft.

Jean Piaget, der bedeutendste Entwicklungspsychologe des 20. Jahrhunderts, verdeutlicht dies: Er bezeichnet die ersten beiden Jahre der kognitiven Entwicklung als sensomotorische Phase und weist damit darauf hin, dass die intellektuelle Entwicklung auf einer guten Entwicklung der Wahrnehmung (senso) und der Bewegung (motorik) basiert. Nur wenn das Kleinkind lernt, über seine Sinne die Umwelt adäquat wahrzunehmen, wird es diese später auch verstehen können. Und nur dann, wenn es lernt, sich über seinen Körper auszudrücken, wird es später in der Lage sein, sich auch verbal anderen Menschen mitzuteilen. Körper und Bewegung sind also auch Basis für die sprachliche Entwicklung.

Fördern und wachsen lassen

Kinder verfügen im ersten Lebensjahr noch nicht über die Möglichkeit, sich sprachlich auszudrücken. Sie "sprechen" mit ihrem Körper. Kinder nutzen ihren Körper aber auch, um ihre Umwelt zu erobern, der sie mit großer Neugierde begegnen. Hier müssen die engsten Bezugspersonen Verantwortung übernehmen: sie müssen zulassen, dass sich der natürliche Forscherdrang des Kindes entfalten kann. Dem Kind immer alles aus dem Weg zu räumen, seine Bewegungen zu unterdrücken, wäre falsch, würde es doch Entwicklungen abschneiden und verhindern. Entwicklung muss also ermöglicht, darf jedoch nicht erzwungen werden. Zum Beispiel können Kinder mit zehn Monaten noch nicht frei stehen, da der Muskelapparat, die Bänder und Sehnen noch nicht genügend ausgebildet sind. "Lasst mir Zeit", schreibt deshalb Emmi Pikler, eine Kinderärztin, in ihrem gleichnamigen Buch und plädiert dafür, den Kindern mehr Zeit für ihre Entwicklung zu lassen und sie nicht so rigide an den bekannten Entwicklungsskalen zu messen.

Motorische Entwicklung des Kleinkindes

Dennoch ist es wichtig, sich den typischen Verlauf der motorischen Entwicklung immer wieder vor Augen zu halten, um die Entwicklung des eigenen Kindes einschätzen zu können. Dabei sollten Eltern sich jedoch von der Vorstellung verabschieden, dass Kinder jede motorische Fertigkeit genau zu einem festgelegten Zeitpunkt beherrschen müssen. Nach heutiger Erkenntnis sind vielmehr Spannbreiten möglich, die sich über Monate erstrecken können, ohne dass ein Kind gleich als "entwicklungsgestört" eingestuft werden kann. Es wird deshalb nur noch von einem "typischen Beginn" eines Entwicklungsschritts gesprochen und von einem weiten Spielraum nach oben und unten ausgegangen.

Generell lässt sich beobachten, dass die Motorik von Kleinkindern durch ein geringes Steuerungsvermögen und durch sehr ausladende Bewegungen gekennzeichnet ist. Bei diesen "überflüssigen" Mitbewegungen ist immer der ganze Körper beteiligt, weshalb die Bewegungen des Kleinkindes oft ungelenk erscheinen. Kleinkinder haben eine geringe Bewegungsdynamik, ihr Bewegungstempo ist langsam und hat nur einen sehr kleinen räumlichen Umfang. Auch der Bewegungsrhythmus ist gering und nur sehr schwach ausgeprägt - all dies in Abhängigkeit von der Entwicklung des Bewegungsapparates und des Zentralnervensystems, natürlich aber auch abhängig vom Interesse und von der Motivation, die das Kind bei seiner Umwelteroberung entwickeln kann und darf.

Beobachten wir einen Säugling genauer, so sehen wir, dass er mit ein bis zwei Monaten den Kopf aufrecht und stabil halten kann. Mit etwa drei Monaten kann er angelehnt sitzen und sich vom Bauch auf den Rücken drehen. Schwieriger ist die umgekehrte Richtung; erst mit sechs Monaten dreht er sich vom Rücken auf den Bauch. Jetzt geht es allmählich in die Senkrechte: mit sieben Monaten sitzt ein Kind frei und fängt an, sich zum Stehen hoch zu ziehen. Jetzt kann es auch schon bald krabbeln und an der Hand geführt die ersten tapsigen Schritte machen und mit zwölf Monaten frei stehen und anfangen zu laufen. Ein großer Moment für ein Kleinkind, das jetzt ganz anders auf die Welt zugehen und sie erobern kann (manchmal zum Leidwesen der Eltern), und jetzt außerdem die Hand frei hat, um die Umwelt auch greifend zu entdecken.

Eltern können die motorische Entwicklung ihres Kindes in dieser Lebensphase fördern, indem sie seine "basalen" Sinne anregen. Diese werden aktiviert, wenn der Säugling intensive Körperberührungen erlebt (Eincremen, Streicheln, Abreiben usw.) und viel getragen, geschaukelt und gewiegt wird. Förderlich ist es auch, die Geruchsempfindung des Säuglings zu stärken und den Sehsinn, der ab dem 6. Monat an Bedeutung gewinnt, z.B. durch Mobiles herauszufordern. Durch akustische Reize können Eltern außerdem den Hörsinn des Kindes, der die Grundlage für die sprachliche Entwicklung bildet, schulen.

Motorische Entwicklung im Vorschulalter

Fast zäh erscheint uns die erste Phase der kindlichen Entwicklung. Dann jedoch geht es rapide voran: die Bewegungsabläufe gewinnen deutlich an Sicherheit, die Bewegungsvielfalt nimmt zu und kann in unterschiedlichen Situationen eingesetzt werden. Vor allem in der Grobkoordination zeigt sich eine zunehmende Steuerungsfähigkeit. Die Mitbewegungen werden abgebaut, die Bewegungselastizität nimmt zu und die Bewegungen werden ab dem fünften bis sechsten Lebensjahr auch kraftvoller, schneller und großräumiger.

Das Kind kann jetzt nicht nur laufen, es beginnt zu rennen - mit vier bis fünf Jahren schon recht gut koordiniert. Die zunehmende Beinmuskulatur ermöglicht jetzt auch schon richtige Sprünge. Hüpfen (Landen auf dem Sprungbein) ist meist erst ab vier Jahren zu beobachten, da hier höhere Anforderungen an Kraft und Gleichgewicht gestellt werden (Mädchen sind hier besser!). Vorstufe für das Klettern ist das Treppensteigen. Erst mit drei Jahren werden die Stufen im Wechselschritt genommen - leichter nach oben als nach unten.

Das zunehmend besser werdende Gleichgewicht ermöglicht es Kindern ab drei Jahren, drei bis vier Sekunden auf einem Bein zu stehen oder über einen genügend breiten Balken zu balancieren. Auch hier sind die Mädchen wieder früher dran. Nicht jedoch beim Werfen. Hier entwickeln die Jungen mit sechs bis sieben Jahren die "Erwachsenenform", d.h. sie holen eindeutig nach hinten aus, unterstützen die Armbewegung durch den Oberkörper und verlagern dabei das Gewicht auf den Fuß der Gegenseite. Ebenso lang dauert es etwa auch, bis Kinder einen in Brusthöhe zugeworfenen Ball mit beiden Händen sicher fangen können.

Bewegte Kindheit - bewegende Eltern

Ein weiter Weg also, den Kinder gehen müssen, um ihren Alltag motorisch bewältigen zu können. Sie müssen ihre Möglichkeiten selbst entdecken und sich selbst entwickeln, brauchen dazu aber Begleiter, Unterstützer und Vorbilder. Eltern sollten sich dabei jedoch nicht viele Gedanken oder Sorgen machen. Es reicht oft, wenn sie den Kindern Freiräume geben, die diese mit ihrer Neugierde und ihrem Bewegungsdrang ausfüllen können. Es motiviert Kinder aber besonders, wenn sie von Erwachsenen angeregt werden - durch gute Vorschläge, vor allem aber durch Mitspielen. Im Vorschulalter besteht bei Kindern ein starker Drang, sich auszutoben. Fang- und Versteckspiele sind daher sehr beliebt. Hoch im Kurs stehen auch Spiele mit Körperkontakt. Sich am Erwachsenen zu reiben und mit ihm zu toben, stärkt nicht nur die Kräfte und die Ausdauer der Kinder, es schafft auch eine besonders intensive Beziehung zum Erwachsenen. Balancieren über Mäuerchen, Baumstämme oder Ähnliches sollte in diesem Alter nicht - aus Angst - verboten, sondern gefördert werden. Es stärkt die Sinne und hilft, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Dies gilt auch für das Radfahren, das den Kindern die Möglichkeiten eröffnet, neue Welten zu entdecken.

Wie bewegungshungrig Kinder sind, zeigt eine Befragung zum Weltkindertag 2000, bei der 86% der befragten Kinder angaben, gerne Sport zu treiben, aber nur 39% ihrer Eltern dies tun . 78% der Kinder wünschten, mehr Sport mit der Familie zu machen. Es liegt an den Eltern, dieses Verlangen zu fördern, auszubauen und zu pflegen.

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