DoktorspieleWenn die Kleinen rumdoktern

Mit Doktorspielen verbinden viele Eltern etwas Unanständiges und Sexuelles. Jedoch sind diese Spiele für unsere Kinder sehr wichtig, denn sie helfen dabei den eigenen Körper zu erkunden und die Unterschiede zum anderen Geschlecht näher kennenzulernen. Wie wichtig Doktorspiele sind und wann man diese beenden sollte, haben wir im Gespräch mit dem Sexualpädagogen Michael Gnielka erfahren.

Doktorspiele: Wenn die Kleinen rumdoktorn
© fotolia

Was versteht man unter Doktorspielen?
Für Kinder bedeutet "Doktor spielen" meist lediglich, einen Verletzten zu verarzten. Aber natürlich ist Doktorspiel oft verbunden mit sich ausziehen, sich nackt untersuchen und auch den Genitalbereich anzuschauen.

Ist es in Ordnung, wenn die Kinder sich ausziehen?
Ja, das ist völlig in Ordnung. Kinder gehen mit Nacktheit ja noch viel unbefangener um und diese Unbefangenheit sollte man ihnen zugestehen. Im sommerlichen Planschbecken haben die meisten Kinder große Lust, nackt zu sein. Für Erwachsene wäre es dagegen ein Verstoß gegen die Konventionen, wenn man plötzlich gänzlich unbekleidet ins Schwimmbecken springt. Ab dem dritten Lebensjahr beginnen auch Kinder erste Schamgefühle zu entwickeln. Das Doktorspiel gibt in diesem Sinne die Erlaubnis, sich auszuziehen und zu untersuchen, weil das ja beim Doktor so üblich ist.

Schauen sich die Kinder beim Doktorspielen wirklich die Geschlechtsteile des anderen an?
Das steht sicher nicht immer im Mittelpunkt, kommt aber vor. Die meisten Kinder spielen Doktor so, wie sie es beim Kinderarzt schon mal gesehen oder erlebt haben: Mit den Doktor-Spielgeräten werden Spritzen gegeben sowie Arm oder Bein verbunden. Man schaut dem Patienten in den Mund oder ins Ohr. Es werden Verbände angelegt und Cremes aufgetragen. Manchmal finden gegenseitige Untersuchungen aber auch ganz ohne die Überschrift Doktorspiel statt.

Welche Kinder machen Doktorspiele?
Meist sind es Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. In dieser Entwicklungsstufe beginnen Kinder bewusst ihren Körper kennenzulernen, und sie wollen wissen, wie es bei anderen aussieht. Aber auch Grundschulkinder oder gar ältere Schüler lieben noch Doktorspiele. Zahlen darüber, wie viele Kinder Doktorspiele durchführen, gibt es übrigens nicht. Es ist aber zu vermuten, dass fast alle Kinder irgendwann einmal Doktor oder Patient spielen oder andere Formen der Körpererkundung für sich finden.

Sind Doktorspiele sinnvoll für Kinder?
Ja. Es ist eine wichtige Erfahrung, sich selbst und andere in einem geschützten Rahmen zu erkunden. Schließlich ist es auch etwas ganz Natürliches, seinen Körper genau zu entdecken. Ebenfalls ist es wichtig zu spüren, wie schön es sein kann, sich gegenseitig anzufassen, zu streicheln oder zum Beispiel beim Eincremen zu umsorgen. Auch derjenige, der den Arzt-Part übernimmt, lernt etwas: Der Doktor übernimmt Verantwortung und muss besonders behutsam mit seinem Patienten umgehen.

Wie sollten Eltern reagieren, wenn sie ihre Kinder "erwischen"?
Möglichst ruhig und gelassen - auch wenn die Eltern im ersten Moment erschrocken sind, die Kinder vielleicht nackend auf dem Boden sitzen zu sehen. Grundsätzlich ist es ja zu respektieren, wenn Kinder für sich alleine spielen und unbeobachtet sein möchten. Manche Kinder spielen auch Sex nach - so wie sie es vielleicht durch Zufall bei ihren Eltern im Schlafzimmer oder im Fernsehen gesehen haben. Viele Kinder sagen dazu "sexen spielen". Das erschreckt Eltern oft ganz besonders. Natürlich kommt es dabei nicht wirklich zum Geschlechtsverkehr, sondern die Kinder liegen aufeinander und stöhnen vielleicht. So verarbeiten sie etwas spielerisch, was sie aus Kindersicht mitbekommen haben.

Wann sollte man beim Doktorspiel einschreiten?
Beim Doktorspielen sollte kein Zwang ausgeübt werden und allen Beteiligten sollten sich wohl dabei fühlen. Gerade bei einem großen Altersgefälle ist es gut, als Eltern aufmerksam zu sein. Darüber hinaus ist eine einfache aber wichtige Regel, dass die Kinder sich keine Gegenstände in Körperöffnungen wie den Po oder die Scheide stecken. Gewinnt man den Eindruck, dass es einem Kind beim Doktorspielen nicht gut geht, sollten die Eltern behutsam eingreifen und mit einer Erklärung das Spielen beenden. Wenn man sich nicht sicher ist, kann man die Kinder erst einmal fragen, wie es ihnen geht und ob alles in Ordnung ist.

kizz Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen kizz Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.