Wenn Eltern psychisch krank werdenMama hört Stimmen im Kopf

Wenn Eltern psychisch krank werden, ist das für die Kinder nicht zu verstehen. Die Kinder dürfen nicht die leidtragenden werden. Wo und wie Sie Hilfe finden, lesen Sie hier.

"Ich habe kein Bett mehr. Mama hat nach dem Urlaub zu viel Energie und hat es abgebaut. Außerdem ist ständig der Strom abgestellt." Was Nicole Müller (Name geändert) als junges Mädchen erlebt hat, konnte sie jahrelang nur ihrem Tagebuch anvertrauen. Zu verrückt schien es, um es anderen zu erklären. Zu verrückt auch, um es wirklich selbst ganz zu verstehen.

"Ich habe erst mit 22 Jahren erkannt, dass meine Mutter psychisch krank ist", sagt Nicole Müller. Doch an den Tag, an dem ihr zum ersten Mal auffiel, dass etwas nicht stimmt, erinnert sie sich noch ganz genau. Gründonnerstag, in der Wohnung laufen zwei Radios gleichzeitig, derselbe Sender, doch die Mutter hört zwei Lieder. "Hörst du das?" Nicole weiß nicht, was die Mutter meint. "Die spielen verschiedene Lieder." Ihre Mutter ist überzeugt, dass sie jemand damit ärgern will.

Emotional und gesundheitlich gefährdet: Kinder psychisch kranker Eltern

Schätzungsweise eine halbe Million Kinder in Deutschland hat eine Mutter oder einen Vater mit schweren psychischen Problemen. Jedes 30. Kind ist betroffen, - rein rechnerisch eines pro Schulklasse. Für Experten haben diese Kinder ein hohes Risiko, selbst psychisch zu erkranken. Vor allem, weil die Lebensbedingungen der Kinder so hart und die Kinder wiederum psychisch so belastet sind, dass dies bei ihnen zu einer Erkrankung führen könnte. Mindestens jeder vierte junge Mensch, der wegen seelischer Probleme in der Klinik ist, hat einen psychisch kranken Elternteil.

Für die Kinder steht viel auf dem Spiel, besonders, wenn der kranke Elternteil alleinerziehend ist. "Neben fehlender Zuwendung, ist auch die körperliche Versorgung bedroht", sagt Sabine Wagenblass vom Institut für soziale Arbeit in Münster. Essen, Trinken, ausreichend Schlaf - dafür hat ein psychisch Kranker in akuten Schüben keinen Kopf.

Ein paar Monate nach der Sache mit dem Radio wirft Nicoles Mutter ihren Mann aus der Wohnung. Sie beklebt die Fenster mit Folie, stellt den Strom ab und montiert die Heizkörper ab. "Ich durfte nicht mehr lüften, nicht mehr telefonieren und nicht zu Freunden", erinnert sich die junge Studentin. Mitten in der Nacht platzt die Mutter ins Zimmer ihrer Tochter, tränenüberströmt. "Du darfst mich nicht alleine lassen." Eigentlich sind Ferien, Nicole wollte Freunde besuchen.

Durch die Wahnvorstellungen ihrer Mutter steht plötzlich alles Kopf: Das Kind muss stark sein, die Erwachsene ist schwach. Wie ein Rettungsanker soll das Mädchen seiner Mutter helfen. "Mama möchte, dass ich mehr zu Hause bin", notiert das Kind in sein Tagebuch.

Dringend notwendig: Hilfsangebote speziell für die Kinder

Was eigentlich los ist, darüber redet niemand mit Nicole. "Nicht außerhalb und nicht innerhalb der Familie", erinnert sie sich. Die Nachbarn machen Andeutungen. Auch als die Mutter zur Kur verschwindet, spricht keiner mit ihr. "Niemand aus der Klinik schien sich dafür verantwortlich zu fühlen, was mit mir als Tochter in dieser Zeit geschehen würde", sagt die junge Frau. Stattdessen rief ihre Mutter an: "Sie haben mich da behalten, schau, wo du etwas zu essen bekommst." Nicole organisiert sich eine Ersatzfamilie bei einem Klassenkameraden.

"In der Erwachsenenpsychiatrie wird zu wenig nach den Kindern gefragt", bestätigt Christian Fleischhaker, Kinder- und Jugendpsychotherapeut am Uniklinikum in Freiburg. Erst 1995 entstand das erste Hilfsprojekt für Kinder psychisch Kranker, die Gruppe "Auryn" in Freiburg - inzwischen aus Geldmangel wieder eingestellt. Konzept und Name wurden aber deutschlandweit von einigen anderen Städten aufgegriffen, von denen aus auch aktuell Auryn-Gruppen wertvolle Arbeit leisten. Das Projekt KIPKEL und der Verein PFIFF sind weitere Beispiele für die leider immer noch rar gesäten Hilfsangebote für die Nöte von Kindern psychisch kranker Eltern.

Tabuisierung der Krankheit führt zur Isolation der Kinder

"Ein großes Problem ist die Tabuisierung psychischer Krankheit", sagt Sabine Wagenblass. Aus falsch verstandener Rücksichtnahme werde versucht, die Erkrankung zu verschweigen, um das Kind nicht zu belasten. Doch dadurch wird alles nur noch schlimmer. "Kinder und Jugendliche merken, dass im Verhalten der Mutter oder des Vaters etwas nicht stimmt, bekommen aber keine Erklärung."

So könnten sie die Verhaltensweisen der Eltern weder verstehen noch einordnen. "Sie glauben dann häufig, dass sie an den psychischen Problemen ihrer Eltern schuld sind", erklärt Wagenblass. Schlimm sei es auch, wenn Kinder zum Schweigen über die Krankheit verdammt werden, um die Familie nicht zu "blamieren". "Die Kinder wissen nicht, an wen sie sich mit ihren Problemen im Zusammenhang mit der Krankheit der Eltern wenden können."

Je kleiner die Familie desto stärker die Belastung

"Ein Kind bekommt heute besonders viel ab, weil die Familien kleiner werden", sagt Katja Beeck, Gründerin der Initiative "Netz und Boden". Wenn ein gesunder Elternteil fehlt, wenn keine Tanten und Onkel, Omas und Opas da sind, dann werde die Situation für das betroffene Kind geradezu bodenlos. "Welcher psychologisch ausgebildete Fachmensch hält es drei Monate am Stück mit einem Kranken ohne Unterstützung aus?", fragt Katja Beeck. Viele Belastungen, viele seelische Folgen fürs Kind ließen sich vermeiden, wenn es mehr Unterstützung erfahren würde. Erst allmählich werde in Kliniken auch nach den Kindern gefragt, etwa in "Angehörigensprechstunden".

Die Erfahrungen mit ihrer Mutter haben sich tief in Nicole eingegraben. "Viel zu oft habe ich erfahren, dass nie abzusehen war, was als Nächstes passiert", sagt die Studentin. Wenn sie sich etwas wünschen könnte, dann dies: Dass in der Psychiatrie nach den Kindern der Patienten gefragt wird. Dass psychische Erkrankung aus der Tabuzone geholt wird und Lehrer darüber informiert werden. Dass jüngere Kinder Paten bekommen, und damit ein Stück Normalität, ein Stück Kindheit. "Ich bin viel zu schnell erwachsen geworden", so das traurige Fazit von Nicole Müller.

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Infos im Internet: www.netz-und-boden.de

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