Wenn Alkohol Familien zerstörtEin ständiges Auf und Ab

In einer Familie mit einem oder vielleicht sogar zwei suchtmittelabhängigen Elternteilen aufzuwachsen, bedeutet für Kinder, oft von frühester Kindheit an eine Verantwortung zu übernehmen, die dem Alter nicht angemessen ist. Kinder dürfen hier oft nicht mehr Kinder sein. kizz sprach mit einer Mitarbeiterin des Freiburger Modellprojektes MAKS.

Wenn Alkohol Familien zerstört: Ein ständiges Auf und Ab
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Wie sieht das Familienleben mit suchtkranken Eltern aus?
Der Alltag ist überhaupt nicht an den Bedürfnissen der Kinder orientiert. Die Kinder haben keine Möglichkeit, in einer kindgerechten Welt aufzuwachsen. Da bleibt ein Achtjähriger abends wach und spricht mit der Mutter, damit sie nicht mit brennender Kerze einschläft. Ein Elfjähriger muss regelmäßig daran denken, sein Geschwisterkind aus dem Kindergarten abzuholen. Kinder von Alkoholkranken leben oft recht isoliert. Sie trauen sich nicht, andere zu sich einzuladen, fürchten eine Blamage. Und da sie niemanden einladen können, gehen sie auch nicht zu anderen Kindern nach Hause. Diese Kinder hören auch viele Versprechen, die nicht eingehalten werden - am häufigsten "Ich höre auf". Das bringt viel Angst mit sich. Neben dem emotionalen Missbrauch erleben die Kinder suchtkranker Eltern häufig auch Gewalt. Alkohol setzt schließlich die Hemmschwelle herunter.

Mal ist Mama gut drauf und will toben, dann plötzlich ist sie todunglücklich. Wie überlebt ein Kind solch ein Gefühlschaos?
Kinder von Alkoholkranken übernehmen unbewusst eine bestimmte Rolle, um die Familie zu entlasten. Die Erstgeborenen werden oft zum "Helden". Sie tun alles dafür, dass nicht noch mehr Probleme auftauchen. Sie räumen beispielsweise die Flaschen weg, leeren den Aschenbecher, lüften. Von diesen Kindern sagt man, dass sie sich später wieder suchtkranke Partner suchen. Dann gibt es die Rolle des "Sündenbocks". Vor allem, wenn die Rolle des "Helden" schon besetzt ist, bietet sich diese komplementäre Verhaltensweise an: auffallen, ärgern, aufregen. Diese Kinder lenken vom suchtkranken Elternteil ab. Sie sind gefährdet, später selbst suchtkrank zu werden. Dann gibt es die "verlorenen Kinder" oder "Träumer". Sie driften durchs Leben, werden gerne übersehen. Für die Eltern hat das den Vorteil, dass sie sich um solch ein Kind nicht kümmern müssen. Diese Kinder entwickeln oft Essstörungen. Schließlich gibt es noch das "Maskottchen", - ein Kind, das nett, süß, lustig ist und mit Clownerien für Spannungsabfuhr sorgt. Das entlastet die Eltern: "Wenn der so lustig ist, kann es uns nicht so schlecht gehen."

Wieso spielen Alkoholikerfamilien so oft "heile Welt"?
Sucht ist stigmatisiert. Betroffene schämen sich, ihre Krankheit einzugestehen und fürchten ernste Folgen, etwa, die Arbeit und Ansehen zu verlieren. So wird nach innen verharmlost und nach außen geheim gehalten. Ein Kind bekommt viele Familienregeln übermittelt, meist nonverbal. Eltern signalisieren Botschaften wie: "Wenn das bekannt wird, kommst du ins Heim oder Papa kommt ins Gefängnis." Das Kind hat das Gefühl, ein Einzelschicksal zu haben. Und es hat Schuldgefühle: "Weil ich nicht brav war, trinkt Mama wieder." Solche Gefühle lassen sich nicht einfach abschütteln.

Wie ist das Verhältnis der Kinder zum nicht abhängigen Elternteil?
Ebenfalls ambivalent. Denn auch für den suchtmittelfreien Elternteil sind sie Partnerersatz. Der nicht trinkende Elternteil lässt bei ihnen Dampf ab oder will Tipps. Oft spannt dieser Elternteil das Kind zur Vertuschung der Sucht ein, zum Beispiel für Ausreden: "Sag, dass Papa Magenweh hat und nicht zur Arbeit kommen kann." Die Kinder haben das Gefühl, sich auf niemanden verlassen zu können.

Wie groß ist das Risiko für Kinder von Alkoholkranken, selbst zu erkranken?
Kinder von Suchtkranken tragen ein sechsfach erhöhtes Risiko, selbst suchtkrank zu werden oder an einer anderen psychischen Störung zu erkranken. Wenn beide Eltern trinken, haben Kinder die schlechteste Prognose. Ist nur der Vater abhängig, wird die nicht trinkende Mutter länger bei ihm bleiben, als wenn die Mutter alkoholkrank ist. Grundsätzlich ist es schlecht, wenn es kein suchtmittelfreies Vorbild gibt.

In Ihrer Einrichtung MAKS (siehe unten) betreuen Sie 100 Kinder von Suchtkranken. Wie sieht Ihre Hilfe aus?
Wir bieten den Kindern und Jugendlichen einen Rahmen, in dem sie über die Sucht in ihren Familien und auch über die damit für sie verbundenen Auswirkungen sprechen können. Das Gefühl des "selbstverschuldeten Einzelschicksals" lässt sich zum Beispiel in der Gruppe gut besprechen und auch klären. In diesem für sie geschaffenen Rahmen sollen die Kinder Kind sein dürfen, klare Strukturen erhalten und Lebensregeln erlernen, die ihre Entwicklung fördern. Wir unterstützen die Kinder in ihrer Wahrnehmung und in ihrer Bedürfnisäußerung und klären sie kindgerecht über Suchtmittel auf.

Was tun, wenn man vermutet, dass ein Kind aus dem Bekanntenkreis in einer Alkoholikerfamilie lebt?
Wichtig ist, wie man den Betroffenen oder die Betroffene anspricht. Mit Konfrontation, Neugier, Kontrolle kommt man nicht weiter. Es gilt, erst einmal zu überlegen, in welcher Beziehung man zu der Person steht. Vielleicht hilft es, ein Faltblatt über die Behandlung der Alkoholsucht mitzubringen, vielleicht zu fragen, "kann ich Ihnen etwas abnehmen?" Bei aller Behutsamkeit - wenn jemand mitbekommt, dass das Kindeswohl gefährdet ist, ist er rechtlich verpflichtet, das anzuzeigen. Klar ist auch, dass freundlich gemeinte Hilfe von Laien, das Problem nicht behebt. Dafür sind Profis da. In jeder Stadt oder größerem Ort befinden sich Suchtberatungsstellen. Nicht nur Suchtkranke, sondern auch Angehörige oder anders Betroffene können sich hier Hilfe und Anregungen holen.

kizz Info

MAKS: das Freiburger "Modellprojekt Arbeit mit Kindern von Suchtkranken" unter der Leitung von Helga Dilger unterstützt seit 1990 Kinder aus suchtkranken Familien. Träger ist die AGJ, Fachverband für Prävention und Rehabilitation, ein anerkannter katholischer Fachverband der Suchtkrankenhilfe. Telefon MAKS, 0761/33216, E-Mail: maks@agj-freiburg.de, Internet: www.maks-freiburg.de.

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