Plötzlich große Schwester"Ich will Mama nicht teilen"

Wenn das zweite Kind kommt ist das nicht nur für die Eltern eine Umstellung. Auch für das erste Kind ändert sich viel. Ein Geschwisterchen ist toll aber bedeutet auch Verantwortung und teilen zu müssen. Mama und Papa sind nicht mehr alleine für ein Kind da. Wie Eltern ihren Kindern dabei helfen können lesen Sie hier.

Plötzlich große Schwester:
© Thinkstock

Kuck mal, wie lieb ich die Anna habe!" Lena führt dem Besuch plastisch vor, wie sehr sie ihre Schwester liebt, indem sie sie umfasst und so stark an sich drückt, dass dem Baby fast die Luft wegbleibt. "Lena! Nicht so fest!" Erst als die Mutter aufschreit, legt Lena die kleine Schwester zurück aufs Kissen und beendet ihr Vorführ-Programm mit einem Klaps auf Annas Knie: "Das ist mein Baby".

"Gib das Baby doch zurück!"

Liebe und Neid, Zusammengehörigkeitsgefühl und Konkurrenzempfinden, stolze Freude und Eifersucht mischen sich bei einem Kind zu einem diffusen Gefühlsklumpen, wenn das Baby Einzug gehalten hat in die Familie. Wie sollte es auch anders sein? Eine verständnisvolle Mutter hat es einmal so formuliert: "Mein Mann wäre auch sauer, wenn ich mir einen zweiten Mann zulegen würde". Und jede Frau wäre nicht weniger sauer, wenn ihr Partner ihr eröffnete, er habe eine Neue, die von nun an viel Zeit und Zuwendung beansprucht, das aber würde die Liebe zu seiner Frau nicht schmälern. So und vielleicht noch stärker muss das neue Baby auf das Erstgeborene wirken. Es kann noch nichts außer trinken und schlafen, es beansprucht die Kraft und Zeit der Eltern, es steht überall im Mittelpunkt und wird nie ausgeschimpft. Wenn das kein Grund zur Eifersucht ist! Einige Kinder fallen ins Kleinkind-Verhalten zurück, weil sie mit ihrer Rolle als große Schwester oder großer Bruder noch nicht klarkommen: Sie machen das Bett nass, reden in der Babysprache, wollen mitnuckeln, wenn das Kleine gestillt wird und versuchen mit allen Mitteln, die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu lenken. Dieses Verhalten sagt den Eltern: Ich will euch wieder ganz für mich allein haben. Kümmert euch lieber um mich statt um den Eindringling. Behaltet mich lieb, selbst wenn ich mich scheußlich benehme, denn dieses anstrengende neue Wesen in unserer Familie habt ihr ja schließlich auch lieb. Und manches Kind sagt seine Botschaft ganz unverschlüsselt: "Gib das Baby doch lieber zurück!"

Ein kleiner Trost: Diese einseitige Eifersucht vergeht. Sie macht allerdings Platz für doppelte Eifersucht, denn irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem das Jüngere die Vorteile des Älterseins entdeckt. "Der Tom darf viel länger aufbleiben als ich. Gemein!" "Ich möchte auch woanders schlafen, so wie der Michi." Oder: Laura darf in den Kindergarten gehen. Ich will auch!"

kizz-Tipps

  • Haben Sie Verständnis dafür, dass Ihr erstgeborenes Kind vielleicht nicht euphorisch auf das Geschwisterchen reagiert: Viele Kinder empfinden das Baby als Eindringling, der die Liebe der Eltern allein für sich beansprucht.
  • Stellen Sie die Vorzüge heraus, die das Älter- oder Jüngersein mit sich bringt: für das Ältere mehr Freiräume, für das Jüngere den größeren Verwöhn-Bonus.
  • Beziehen Sie Ihr Kind schon in der Schwangerschaft in die Vorfreude auf das Baby mit ein. Vermeiden Sie aber ein geschöntes Bild: Ihr Kind sollte wissen, dass es in der ersten Zeit noch nicht viel mit dem Brüderchen oder Schwesterchen anfangen kann.
  • Zeigen Sie Ihrem älteren Kind immer wieder, wie sehr Sie es lieb haben und wie froh Sie sind, dass es auf der Welt ist. Im Trubel um das Neugeborene geraten solche wichtigen Botschaften leicht in Vergessenheit.

Nachteile und Vorteile

Tatsächlich hat es Nachteile, das jüngere Geschwisterkind zu sein. Es hat aber auch Nachteile, das Ältere von beiden zu sein. Und am meisten Nachteile hat es, glaubt man der Fachliteratur, ein "Sandwich-Kind" zu sein: das mittlere zwischen einem älteren und einem jüngeren Geschwister, das weder die Vorzüge des Erstgeborenen noch die des Nesthäkchens genießen kann.

Nur auf diese Nachteile, so scheint es, starrt jedes Kind, wenn es einen Bruder oder eine Schwester hat. Wenig hilfreich ist es, wenn die Eltern die Nachteile der jeweiligen Geschwisterrolle dem Kind immer wieder vor Augen führen: "Der Tom ist eben größer als du." "Woanders schlafen kannst du noch nicht. Du würdest sicherlich Angst bekommen am Abend in einem fremden Bett." "In den Kindergarten dürfen nur die großen Kinder gehen." Dabei wäre es doch so einfach, die vielen Pluspunkte, die das Ältersein genau so wie das Jüngersein mit sich bringt, in den Vordergrund zu rücken und damit dem Kind seinen Stellenwert in der Familie schmackhaft zu machen. Das Ältere hat einen Vorsprung in vielerlei Hinsicht.

  • Es durfte eine Zeitlang die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern genießen.
  • Es darf Dinge, die das Jüngere noch nicht darf.
  • Es gilt als der oder die "Vernünftige" und wird von den Eltern manchmal ins Vertrauen gezogen.
  • Es hat bereits mehr gelernt und erfahren als das Jüngere.
Diese Vorzüge gilt es zu stärken. Zeigen Sie ihm, wie sehr Sie sich freuen, dass es schon so viel kann und weiß. Trauen Sie ihm Tätigkeiten zu, mit denen das Kleine eindeutig überfordert wäre, wie etwa ein kleiner Einkauf beim Krämer um die Ecke oder das Einschalten der Stereo-Anlage. Sorgen Sie für kleine Exklusiv-Rechte, wie etwa eine halbe Stunde länger Aufbleiben am Abend oder eine Extra-Tour am Wochenende, nur mit der Mama oder dem Papa. Dann kann sich das Kind einrichten in seiner Rolle als älteres Geschwisterkind und muss - vielleicht - nicht mehr um Liebe und Zuwendung buhlen.

Die Vorteile des Jüngeren liegen auf der Hand.

  • Es hat seine Eltern für sich allein, während das Ältere seine ersten Ausflüge ins Leben - in den Kindergarten und zu Freunden - macht.
  • Es besitzt den "Nesthäkchen-Bonus" mit all seinen Vorteilen: morgens zu den Eltern ins Bett kriechen (was man jedoch auch den Älteren nicht versagen sollte), in der Karre spazierenfahren, herumgetragen werden.
  • Es hat einen großen Bruder oder eine große Schwester, dem oder der es nacheifern und mit dem es sich gegen den Rest der Welt verbünden kann.
Diese Vorzüge wird das jüngere Kind bald erkennen, wenn seine Eltern ihm das geben, was es für seine Rolle als Nesthäkchen braucht.

Wenn ein Kind sich in seiner naturgebenen Rolle als älteres oder jüngeres Geschwisterkind wohlfühlen kann, hat es weniger Grund, den anderen als Rivalen zu sehen.

Wie sag ich's meinem Kinde?

Die Schwangerschaft ist die erste und beste Möglichkeit, das Kind, das bald große Schwester oder großer Bruder sein wird, auf seine neue Rolle vorzubereiten. Lassen Sie es teilnehmen an der Entwicklung des neuen Kindes, beantworten Sie seine Fragen ehrlich und seinem Alter entsprechend.

Nehmen Sie es mit, wenn Sie den Kinderwagen, die kleinen Mützchen und Hemdchen kaufen. Und wenn es schon in der Lage ist, zu verstehen, was da passiert, möglichst auch zum Ultraschall beim Frauenarzt. Genießen Sie die gemeinsame Zeit, die Sie nun noch ungeteilt miteinander haben. Am besten wäre es, wenn Sie ihm praktischen Anschauungsunterricht geben könnten, etwa in einer befreundeten Familie, die gerade Nachwuchs bekommen hat. Dann ist das Erschrecken nicht allzu groß über das hilflose, schreiende Wesen, mit dem man noch gar nichts anfangen kann.

Wichtig auch: Sagen und zeigen Sie Ihrem Erstgeborenen, wie sehr Sie es brauchen; übertragen Sie ihm Aufgaben, die es seinem Alter entsprechend bewältigen kann: das Kissen in den Kinderwagen legen, die frische Windel aus der Packung nehmen, den Brei kühl pusten. Ihr Gespür sagt Ihnen, wie viel Sie Ihrem oder Ihrer "Großen" abverlangen können, ohne ihn oder sie zu überfordern. Denn so wichtig es ist, das ältere Kind einzubinden in die Aufgaben und Entscheidungen rund um das neue Baby - es darf andererseits auch nicht zu kurz kommen. Sondern muss mit seinen Eltern kuscheln dürfen, wenn ihm danach ist, muss getröstet werden, wenn es das braucht. So schwierig das in der ersten Zeit auch sein mag: Das Erstgeborene hat ein Recht darauf, die Liebe und Fürsorge seiner Eltern weiterhin deutlich zu spüren.

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