Alles nur Theater?Rollenverteilungen in der Familie

Die Rollenverteilung in der Familie ist meist eindeutig. Aber jeder Einzelne hat tagtäglich dutzende von Rollen zu spielen. Mal ist die Mama die Liebevolle und der Papa der Strenge und umgekehrt. Wie können Eltern es verhindern, in allzu starre Rollenmuster zu verfallen?

Alles nur Theater?: Rollenverteilungen in der Familie
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Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass fast alles im Leben Theater ist? Natürlich sind wir immer wir selbst, und doch spielt jeder von uns im Alltag zwischen ein und zwei Dutzend verschiedene Rollen.

Vater, Mutter, Kind - soziale Rollen

Unter einer sozialen Rolle versteht man ein Bündel bewusster und unbewusster, von der Umwelt erwarteter Verhaltensweisen in einer bestimmten Position und Situation. Man unterscheidet dabei formelle und informelle Rollen. Formelle Rollen sind zum Beispiel Vater, Mutter, Kind, Bruder, Tante, Oma, Chef, Freundin, Kollegin usw. Als schwierig kann sich dabei erweisen, dass sich die erwarteten Verhaltensweisen mancher Rollen, die wir innehaben, widersprechen. Bekannteste Beispiele sind der Manager mit dem 16-Stunden-Job, der abends ein liebevoller Familienvater sein muss, oder die Mutter von drei Kindern, die gleichzeitig auch noch die attraktive Geliebte des Vaters sein soll.

Der Strenge und die Liebevolle - informelle Rollen

Informelle Rollen dienen dazu, formale Rollenverhaltensweisen individuell auszugestalten. Zum Beispiel gibt es jenseits der Papa- und Mama- Rolle den verwöhnenden und den eher strengen Elternteil, den behütenden und den fordernden, den großzügigen und den sparsamen, den kritischen und den lobenden, den rationalen und den emotionalen Part. Beide Aspekte sind not-wendig, um eine ausgeglichene Erziehung zu gewährleisten. Denn wenn beide Eltern die gleichen, zunächst positiver erscheinenden Verhaltensweisen zeigen, sind diese wahrscheinlich nicht mehr förderlich.

Auch unter Geschwistern lassen sich informelle Rollen beobachten: der Kluge, die Streberin, der Hübsche, die Charmante, der Praktiker, die Ängstliche, der Sportliche, die Organisatorin, der "Commander", die kleine Künstlerin etc. Alle diese Eigenschaften und Verhaltensweisen werden von den anderen Familien-mitgliedern unbewusst gefördert. Eltern haben Erwartungen an ihre Kinder und die dazugehörigen Verhalten stabilisieren sich schnell. Das muss nicht schlecht sein, wenn etwa die Hoffnungen und Erwartungen, die an ein Kind gestellt werden, diesem Kind entsprechen.

Vorsicht vor starren Rollen

Problematisch werden können fest eingespielte Rollen aus verschiedenen Gründen: Zum einen kann es schwierig sein, eine einmal zugeschriebene Rolle wieder abzulegen, vor allem wenn es eine negative Rolle ist: der Tollpatsch, die Schlamperliese, der Faule oder sogar der Sündenbock der Familie. Überprüfen Sie einmal, ob es in Ihrer Familie jemanden gibt, der so eine negative Funktion ausübt. Vielleicht fragen Sie sich, welche Hilfe er brauchen könnte, um aus diesem Image herauszufinden. Vielleicht gibt es aber auch Familienmitglieder, denen diese Rollenverteilung zugute kommt?

Zum Zweiten bergen feste, auch positive Rollenbesetzungen die Gefahr, Familienmitglieder auf einen Aspekt ihrer Persönlichkeit zu reduzieren. So kann es zum Beispiel passieren, dass ganz übersehen wird, dass der Kluge oder das Rechengenie eigentlich auch eine sehr große musische Begabung haben.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass zwischen Geschwistern durch die Festschreibung von Rollenfunktionen oft große Rivalität entsteht. Das passiert vor allem, wenn es den Eltern nicht gelingt, bei jedem Kind alle Begabungen wahrzunehmen und auch zu fördern.

Arbeitsteilung im "Team Familie"

Auch zwischen Eltern und Kindern und sogar Großeltern, also für das gesamte "Team Familie", gibt es solche informellen Rollenfunktionen. In den meisten Familien gibt es zum Beispiel den Praktiker, der geholt wird, wenn eine Tür klemmt oder das Handy auseinandergebaut werden muss, es gibt die "Außen-ministerin", die über Kontakte, Veranstaltungen und Sonderangebote Bescheid weiß, und es gibt den "Entscheider" oder die "Antreiberin", die darauf achten, dass alles läuft. Auch gibt es oft "Harmonisierer/innen", die dafür sorgen, dass nicht zuviel gestritten wird, ebenso wie die Clowns, die für Spaß und Unter-haltung sorgen. Vielleicht haben Sie ja Lust, Ihre eigene Familie auf solche Rollenfunktionen hin zu betrachten. Wahrscheinlich gibt es bei Ihnen einige der genannten Rollen, aber auch ganz andere. Vielleicht ist es auch sinnvoll, die eine oder andere für Ihre Familie hilfreiche Funktion noch einzuführen. Entscheidend ist dabei natürlich immer die Frage, wann Rollenfunktionen das Familienleben im Alltag bereichern, und wann sie das Zusammenleben eher erschweren.

Familienrollen bewusst und flexibel gestalten

Leider gibt es keine Idealmuster für diese Rollenverhalten innerhalb der Familie. Sicher ist nur, dass auch weniger beliebte Funktionen wichtig sind, wie zum Beispiel die Kritikerin, der Antreiber, die Strenge oder der materiell Sparsame. Immer nur loben, relaxen, liebevoll und verwöhnend sein ist nicht sinnvoll. Auch ganz konkrete Arbeitsteilungen lassen sich nicht mustergültig regeln. Man kann nicht sagen, welche Teile der Hausarbeit der Vater, welche die Mutter, welche die Kinder übernehmen sollten, um Familienfrieden zu garantieren. Das ist in jeder Familie anders.

Ob es um formelle Vater-Mutter-Kind-Rollen oder um informelle Verhaltens-weisen innerhalb der Familie geht: Machen sie sich als Eltern (schließlich in der Chefrolle) ab und zu bewusst, wer in der Familie welche psychologische oder reale Funktion oder Aufgabe übernimmt und überprüfen Sie, ob alle damit zufrieden sind.

Sprechen Sie immer wieder auch mit den Kindern über dieses Thema. Das ist nicht ganz einfach, aber erlernbar. Mit etwas Übung kann das sogar richtig Spaß machen. Zum Beispiel können Sie einmal allgemein thematisieren, dass Mama immer die "Strenge" sein muss und Papa immer Spaß macht und alles bagatellisiert. Wenn dann mal wieder etwas Unerwünschtes passiert, können sie humorvoll drauf hinweisen: "So, und jetzt muss Mama wieder die ´Böse` sein und ´Schluss jetzt!` sagen und Papa ist der Gutmütige." Sie werden erleben, dass sich Ihrer aller Verhältnis entspannt und lockert.

Und zuletzt: Übernehmen Sie eindeutig die Elternrolle. Sie sind die Mama oder der Papa, der oder die Kleine ist das Kind. Sagen Sie sich das selbst und gegebenenfalls auch dem Kind immer mal wieder eindeutig. Die Elternrolle ist die verantwortungsvollste aller unserer sozialen Rollen.

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