Mission

Mission (lat. = Sendung) ist ein christlicher Begriff, der die Überzeugung der christlich glaubenden Menschen von der universalen Geltung des Evangeliums und von ihrer Verpflichtung, überall auf der Welt Zeugnis von Jesus Christus abzulegen, sowie die Praxis dieses Zeugnisses umfaßt; in einem engeren Sinn kann er dann die Gründung neuer Kirchen und auch die Neubelebung weithin toter Kirchen (Neu-Evangelisierung) bezeichnen. Die Religionswissenschaft unterscheidet zwischen der Frage nach einem Sendungsbewußtsein der Religionen, das sich nur bei Minderheiten äußert, und einer faktischen Ausbreitung einer Religion über den begrenzten Bereich ihrer Entstehung hinaus, das weithin vorkommt.

Biblisch

Die historische Überzeugung von der Notwendigkeit der Mission gründete in der religiösen Sorge um das ewige Heil der Menschen, die vom Evangelium nicht erreicht worden waren, falls Gott die Annahme des Evangeliums zur absoluten Bedingung für die Gewährung seines Heils gemacht habe. Diese Sorge muß nicht notwendigerweise zu einer Theologie und Praxis der Mission führen.

Das AT bezeugt gewiß die einzigartige Erwählung Israels zum Eigentumsvolk JHWHs und zum Partner des Bundes, es leugnet aber nicht generell die Heilsmöglichkeiten für die Nichtjuden. Der Bund Gottes mit Noach und die Verheißungen an Abraham umfassen die gesamte Menschheit. Die prophetischen Verheißungen für die Endzeit stellen die Rettung der (»Heiden«-)Völker, die Völkerwallfahrt zum Zion, die Anerkennung und Anbetung JHWHs durch sie in Aussicht. So kann die Auserwählung Israels zum Zeugnis für die Existenz und die Macht des einen und einzigen Gottes auch als Dienst an den Nichtglaubenden gesehen werden. Die Zeiten großer Bedrängnisse führen zu Bedrohungen der nichtgläubigen Mächte mit Gericht und Vernichtung.

Das NT läßt eindeutig erkennen, daß die an Jesus Glaubenden unmittelbar nach der Erfahrung, daß der Hingerichtete lebt, in die Sendung Jesu zur Verkündigung eintraten und das Evangelium von den Machttaten Gottes an ihm in das Zentrum ihrer Predigt stellten. Die darauf bezogenen Texte des NT lassen unterschiedliche Situationen dieser Verkündigung erkennen. Nur zum kleineren Teil und im ersten Ansatz nehmen sie die Hinwendung Jesu zum gläubigen Judentum auf (Erstverkündigung in Synagogen). Die meisten Texte stehen im Zeichen der bereits geschehenen Trennung der frühen Kirche von Israel und der Öffnung auf die »Heiden«. Paulus zweifelt nicht an der Rettung ganz Israels durch die Bundestreue Gottes am Ende der Zeiten (Röm 9–11), sieht aber offenbar keine Chancen einer »Judenmission« mehr. Seine Verkündigung geht von der Überzeugung aus, daß die gottlosen und moralisch verkommenen »Heiden« unter dem Zorn Gottes verloren sind (Röm 1, 18 – 2, 16), eine Situation, aus der nur die Annahme des Evangeliums retten kann, die Versöhnung der Sünder mit Gott (2 Kor 5, 18–21). Andere Texte des NT zeigen, daß diese Sicht auch in der frühen Kirche nicht die einzige war. Die überlieferten Themen der Rettung der Völker oder der Weitergeltung der Verheißungen an Noach und Abraham behielten ihre Geltung. Auch die Möglichkeit einer Mitteilung des Heiligen Geistes an (Noch-)Nicht-Glaubende ist zu beachten. Wirkungsgeschichtlich waren die sogenannten »Missionsbefehle« bedeutsam, am meisten Mt 28, 16–20, wonach alle »Völker« (der biblische Begriff für Nicht-Juden) durch die Taufe und die Annahme der Weisungen des Lehrers Jesus zu Jüngern gemacht werden sollen. Ebenso sind in Lk 24, 44–49 die »Völker« die Adressaten der M. Nach Mk 16, 15–18 (»unechter Markusschluß «) soll sie sich an »alle Geschöpfe« wenden (hier wird den Nichtglaubenden die Verdammnis angedroht). Joh 20, 21 nennt nur eine Sendung durch den Auferstandenen ohne Angabe der Adressaten. Alle Missionsbefehle spiegeln einen fortgeschrittenen Stand der Mission wieder, Mt auch eine bereits sehr ausgeprägte Taufliturgie.

Problemanzeige

Die ungemein differenzierte Geschichte der christlichen Mission mit ihren Schatten- und Lichtseiten läßt sich nicht in geraffter Kürze darstellen. Das Ende des Kolonialismus, das erwachende Selbstbewußtsein der Völker der sogenannten Dritten Welt, die teilweise Besinnung auf kulturelle, nichtchristliche Eigenwerte, aber auch die »Verdunstung« des Glaubens in den Heimatländern der Mission führten zu nicht übersehbaren Krisensituationen der Mission. Es war von größter Bedeutung für die Begegnung von Christen und Nichtchristen, daß in weiten kirchlichen Kreisen erkannt wurde: Jedes verbale Glaubenszeugnis ist ohne überzeugende Praxis wertlos. Von da aus ergaben sich das aktive Eintreten von Kirchen in die Entwicklungshilfe, die Solidarisierung von Christen mit unterdrückten und bedrohten Bevölkerungen und Kulturen, die medizinische Hilfe, die Unterstützung des »Schuldenerlasses« usw. Auf der anderen Seite ließ die massenhafte Beteiligung einheimischer Christen an beispiellosen Brutalitäten (zuletzt in Ostafrika u. Indonesien) immer wieder die Frage aufkommen, inwieweit die Mission tatsächlich zu einer Annahme des Evangeliums geführt hat. Das neue Bewußtsein auf katholischer Seite prägte z.T. bereits die Äußerungen des II. Vaticanums zur Mission. In den Texten über die Kirche werden die Gesamtkirche, die Ortskirchen und die einzelnen Kirchenmitglieder an ihre Sendung erinnert (LG 48), aber die Motivation wird nicht mehr aus der Sorge um das ewige Heil der Nichtbekehrten genommen (Heilsnotwendigkeit, Extra Ecclesiam nulla salus). Die Sendung der Kirche umfaßt auch die »irdische« Verwirklichung des Willens Gottes, den Frieden in der Menschheit und die Sorge um die Schöpfung, so daß die primären Aufgaben in der friedensfördernden Begegnung der Religionen und im Dialog zu sehen sind. Als Voraussetzungen für ein effektives Zeugnis für das Evangelium werden die Bejahung der religiösen Werte bei Nichtchristen und die wirkliche Inkulturation angesehen (vgl. dazu AG im ganzen). Die Entwicklungsstadien der Konzilstexte über die Juden (LG 16, NA 4) zeigen, daß der Gedanke an eine »Judenmission « angesichts der fortbestehenden Erwählung Israels, der Gnadengaben Gottes an die Juden und seiner Bundestreue Zug um Zug zurückgenommen wurde, so daß die Perspektive nicht in einer Mission, sondern in der Hoffnung auf die endzeitliche Erfüllung einer Verheißung des Sich-Findens zu sehen ist. – Die Missionstheologie als Teil der theolohischen Systematik sieht sich mit ungelösten Fragen konfrontiert: Könnte es sein, daß der »Missionsbefehl« schon lange erfüllt ist, aber nicht zu universaler Annahme des Evangeliums geführt hat, so daß die Bewegung in umgekehrter Richtung zu einer Bekehrung der Bekehrten führen müßte? Ist die (universale) Heilsbedeutung Jesu Christi überhaupt geklärt? Wäre die Hinführung zur Erkenntnis der Transzendenz des Menschen (Mystagogie), die Vermittlung von Gotteserfahrungen, nicht das primäre Gebot unter den »Zeichen der Zeit« und erst die Voraussetzung für die Predigt des Evangeliums?