Fundamentalismus

Fundamentalismus war zunächst die Bezeichnung für eine um 1910 publizistisch greifbare nordamerikanische Bewegung evangelischer Christen, die vehement gegen die historisch-kritische Bibelwissenschaft und deren Folgen kämpften und gegen vermeintlichen Modernismus von einem festen Bestand unverstehbarer Glaubensinhalte, die für wahr zu halten seien, ausgingen (zu diesen »Fundamentals« zählten die göttliche Inspiration und daher die Fehlerlosigkeit der Bibel, die Jungfrauengeburt, das stellvertretende Sühneleiden Jesu, dessen leibliche Auferstehung und die Naherwartung seines Kommen; aus diesen Dogmen wurden weitere Glaubenswahrheiten verbindlich abgeleitet, nicht aber die Existenz der Kirche). Eine Konsequenz war, daß eine Entwicklung des Glaubens und die Versuche, dessen Vereinbarkeit mit der Vernunft aufzuzeigen, strikt abgelehnt wurden.

Nach 1914 wurde der Fundamentalismus organisatorisch weiterentwickelt, mit dem Programm, Einfluß in kirchlichen Vereinigungen zu gewinnen. Neue militante und absolut intolerante Initiativen richteten sich gegen die Naturwissenschaften (zunächst gegen Hominisation und Evolution in der Biologie, später gegen Neuentwicklungen in der Medizin), gegen ökumenische Gespräche und gegen ethischen Liberalismus, politisch rechtsgerichtet. Der Fundamentalismus breitete sich international aus, besonders in englischsprachigen Bereichen und dort, wo evangelische Christen in der Minderheit waren. Weniger aggressiv militante Formen mit fundamentalistischen Tendenzen versuchten, sich von diesem Fundamentalismus abzugrenzen und nannten sich »evangelikal« (Bekenntnisbewegung »Kein anderes Evangelium«).

Seit den 70er Jahren des 20. Jh. wird der Begriff Fundamentalismus ausgeweitet auf verschiedene Mentalitäten und Gruppen bei Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen. Einige gemeinsame Grundzüge: Ein Absicherungsbedürfnis aus Angst und Ich- Schwäche führt zu sklavischer Abhängigkeit von Führerpersönlichkeiten; zu Verneinung von Gewissensfreiheit, Toleranz und von Freiheit überhaupt; zu rigoroser Verteidigung enger moralischer Grundsätze (unter Fixierung auf den Bereich der Sexualität); zu Frontbildungen und Konstruktion von Feindbildern (»Weltverschwörung«); zu völliger Gesprächsunfähigkeit. Der Fundamentalismus entspringt eindeutig psychopathischen Deformierungen. Er bildet kleinere geschlossene Gruppen mit ausgeprägtem Elite- und Auserwählungsbewußtsein, deren Identität auf blindem Gehorsam, stereotyper Wiederholung von Formeln und Vorlieben für starre Rituale beruht. Solche Ausprägungen des Fundamentalismus finden sich außer bei den Genannten in der katholischen Traditionalistenbewegung, bei Juden und Muslimen, bei indischen und japanischen Religionsanhängern, in den meisten Sekten. Wo zu weitgehende gesellschaftliche Toleranz herrscht, die Recht und Sicherheit gegen Fanatismus nicht zu schützen weiß, ist dieser Fundamentalismus bereit zur Gewaltanwendung. Der religiöse Fundamentalismus gefährdet das friedliche Zusammenleben von Menschen innerhalb von Staaten und auf internationaler Ebene.

Islamistischer Fundamentalismus

Bei radikalen, gewaltbereiten Muslimen kommt Fundamentalismus zuweilen als Selbstbezeichnung vor. Der islamistische Fundamentalismus im modernen Sinn entstand im Gefolge der sukzessiven Unabhängigkeit ehemaliger Kolonialstaaten. Nicht nur säkulare und monarchistische Staatsstrukturen wurden etabliert, sondern es entstanden gewaltige soziale Ungleichheiten und Konflikte. Muslimische Analytiker sahen und sehen ihre Wertewelt durch Dekadenz und Werteverfall essentiell bedroht; sie verbreiten »dualistische« Konzepte des Niedergangs und der Behebung der Übel: Kampf gegen »das Böse« und »die Sünde« auf allen Ebenen und Errichtung einer auf wörtliche Auslegung des Korans gestützten Theokratie. Besondere Merkmale des eskalierenden Konflikts sind: Entstehung des Staates Israel, Aufkommen militanter Gruppen (Hamas, Hisbollah), Nahostkriege 1967 und 1973, Golfkriege 1980–1988, 1990–1991, 2003, doch sind auch andere Weltregionen Schauplätze blutiger Auseinandersetzungen.Wesentliche Unterstützung des islamistischen Fundamentalismus erhielt dieser durch die iranische Revolution 1979 (schiitischer Ajatollah R. M. Chomeini 1902?-1989). Der radikal kämpferisch interpretierte »Dschihad« (heiliger Krieg zur Ausbreitung des wahren Glaubens) wird gegen zwei Seiten geführt, gegen eigene »dekadente« Regierungen und gegen ausländische »Reiche des Bösen«. Bei Selbstmordattentaten, die den Tätern sofortigen Eingang ins Paradies versprechen, werden skrupellos Massentötungen gesucht (New York 11. 9. 2001 und an vielen anderen Orten). Die große Mehrheit der Muslime verurteilt diesen »islamistischen Terrorismus«.