Eine DokumentationMetropolit Hilarion im Exil

Metropolit Hilarion Alfeyev, der ehemalige „Außenminister“ der Russischen Orthodoxen Kirche, hat Verbündete im Westen gesucht. Doch hierzulande wurde er in einem Atemzug zusammen mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill verurteilt. Eine Analyse seiner öffentlichen Aktivitäten sowie weiterer öffentlich zugänglicher russischsprachiger Quellen zeigt: Hilarion zeigte sich von Anfang an kritisch gegenüber dem Krieg – und ging zunehmend auf Distanz zum Kurs des Patriarchen. Seine Absetzung und Versetzung nach Budapest kann darum nur als Strafaktion interpretiert werden.

Merkwürdig: Dieselben „Experten“ und „Expertinnen“, die mit großem Pathos und aus sicherer Entfernung die Russische Orthodoxe Kirche für ihre Rolle bei der jüngsten Eskalation des Ukraine-Konflikts durch den russischen Angriffskrieg seit dem 24. Februar 2022 pauschal verurteilt haben, hüllen sich weitgehend in Schweigen bezüglich der Absetzung von Metropolit Hilarion (Alfeyev) durch den Heiligen Synod der Russischen Orthodoxen Kirche am 7. Juni 2022: „… and oddly no one in the West seems to care“ (religiondispatches.org/with-this-largely-overlooked-shakeup-is-the-russian-orthodox-church-looking-to-westernize-yes-and-no/; alle folgenden Links wurden Ende Juni/Anfang Juli 2022 abgerufen). Handelt es sich um Unaufmerksamkeit oder um den Versuch, das alte Weltbild zu wahren, um die geschlossene kirchliche Front hinter Putin weiter behaupten zu können? Lassen wir ruhig alte und neue Verdachtsmomente in Frageform zur Sprache kommen. Nötig ist jetzt eine sorgsame Recherche, was eigentlich geschehen ist, nicht erst seit dem 7. Juni, sondern bereits zuvor. Zum Teil habe ich noch ausgiebiger die russischen Medien konsultiert, Freunde und Bekannte befragt, die näher am Geschehen waren und sind. Das ist mühselig, aber nicht unmöglich. Gezeigt werden soll, was man wissen kann und eigentlich schon lange wissen konnte. Zumindest darf man jetzt wieder sagen, was bislang niemand hören wollte. Man muss allerdings nicht nur wissen können, sondern auch wissen wollen. Dafür ist die Zeit gekommen.

Das Exil

Dokumentieren wir den Ausgangspunkt für die neue Situation in möglichst großer Nähe zu den offiziellen Quellen (wo es sich um russische Quellen handelt, stammen im Folgenden die Übersetzungen von mir): Noch am 7. Juni 2022 veröffentlichte der Heilige Synod der Russischen Orthodoxen Kirche die Entscheidungen des Tages. Unter der Protokoll-Nummer 61 (www.patriarchia.ru/db/text/5934527.html) heißt es:

Übereinkunft über die Verwaltung der Diözese Budapest-Ungarn

BESCHLUSS:

1. Metropolit Mark [Golovkov] von Budapest und Ungarn wird aus der Verwaltung der Diözese Budapest-Ungarn mit Dank für die geleistete Arbeit zu entlassen.

2. Metropolit Hilarion [Alfeyev], Metropolit von Volokolamsk, wird zum Administrator der Diözese Budapest und Ungarn ernannt und von seinen Aufgaben als Vorsitzender des Departements für kirchliche Außenbeziehungen (eine Verantwortung, die er seit 2009 innehatte), als ständiges Mitglied des Heiligen Synod der Russischen Orthodoxen Kirche und als Rektor der gesamtkirchlichen Postgraduierten- und Doktorandenausbildungsstätte der hl. Kyrill und Method entbunden.

[Es folgen die Angaben der Nachfolger auf den verschiedenen Stellen, die Metropolit Hilarion innehatte].

Deutungsversuche

Die Kommentare zu dieser Entscheidung – in Russland und im Ausland, kirchlich und weltlich, Freund und Feind – stimmen in einem Punkt überein, selbst wenn sie über kirchliches „Insiderwissen“ verfügen: Sie können keine eindeutige Begründung für die Entscheidung vorlegen und sagen das auch. Einige Elemente sind allerdings klar:

Es handelt sich eindeutig um eine „unehrenhafte Degradierung“. Wie Peter Anderson, der zuverlässige Berichterstatter aus dem Leben der Ostkirchen aus Seattle USA (www.unifr.ch/orthodoxia/de/dokumentation/anderson), in seinen regelmäßigen Berichten von Anfang an hervorgehoben hat, spricht dafür schon die Form der Synodenentscheidung: Für Metropolit Mark ist die Standardformel angefügt: „mit Dank für die geleistete Arbeit“. Bei Metropolit Hilarion fehlt dieser routinemäßige Zusatz – angesichts der ritualisierten Protokollform ein überdeutliches Zeichen für eine Strafmaßnahme. „Dies ist wahrscheinlich das erste Mal in der Geschichte, dass ein Vorsitzender des Departements für kirchliche Außenbeziehungen dieses Amt ohne eine Belobigung verlässt“, sagt Andrej Kurajev, der im Patriarchat in Ungnade gefallene, publizistisch aktive Diakon (www.mk.ru/social/2022/06/07/andrey-kuraev-vse-vremya-specoperacii-mitropolit-ilarion-sidel-v-teni.html). Worte wie „Säuberung“, „Exil“ oder gar kirchliche „Spezoperatsia“ (s-t-o-l.com/material/29210-chem-zapomnilsya-mitropolit-ilarion-alfeev-i-kak-vstretili-ego-otstavku)– in Übernahme der Bezeichnung des Ukrainekrieges als „spezielle (Militär)Operation“ durch Putin – durchziehen die russischen Medienberichte.

Ein strategischer kirchlicher Geheimplan unter Federführung des Patriarchen oder des Metropoliten selbst scheidet aus. Wiederholt wird die Vermutung geäußert, Hilarion sei in geheimer Mission nach Budapest entsandt worden, um die Achse mit Präsident Viktor M. Orbán zu stärken, der durch sein Veto verhindert hat, dass Patriarch Kyrill auf die EU-Sanktionsliste gesetzt wird. Diese verhalten und ohne weitere Belege vorgetragene Theorie überzeugt wohl selbst ihre Produzenten nicht so recht. Die Diözese in Budapest ist mit elf aktiven Priestern und vier Diakonen relativ klein und unbedeutend (http://hungary.orthodoxia.org/papsag/). Welches Zeichen könnte man einem mächtigen Staatschef mit der Entsendung eines ohnmächtig gemachten Metropoliten geben wollen? Nichts wird in Ungarn möglich, was nicht besser von Moskau aus möglich gewesen wäre. Die Wahl von Budapest könnte als eine Art letzte freundliche Geste des Patriarchen gewertet werden, den Metropoliten an eine ihm vertraute Stelle zu versetzen, da er als Bischof von Wien bereits Administrator für Ungarn war.

Der Patriarch muss voll hinter der Entscheidung stehen und kann sie doch nicht allein getroffen haben. Formell erfolgte die Entscheidung über Metropolit Hilarions Absetzung durch den Heiligen Synod. Doch Kenner der Lage wissen, dass in der Synode – zumal in so zeichenhaft wichtigen Angelegenheiten – nichts gegen das Votum des Patriarchen geschieht. Wie im Staat ballt sich in der Kirche die Macht in einer Person. Um wieder Diakon Kurajev zu hören: „Das kirchliche Leben, erst recht die Diplomatie, wird von einer einzigen Person geleitet – dem Patriarchen selbst. Die anderen sind die Handschuhe, die er wechselt, wann immer er will“ (www.mk.ru/social/2022/06/07/andrey-kuraev-vse-vremya-specoperacii-mitropolit-ilarion-sidel-v-teni.html). Und doch kann der Patriarch nicht die alleinige Verantwortung tragen. Für die Tage unmittelbar nach der Synodensitzung wurde Metropolit Hilarion mit einer russischen Delegation zu einer Gesprächsrunde im Weltkirchenrat in Genf erwartet, und dies war ohne den Segen des Patriarchen nicht möglich. Reise und Programm waren vollständig vorbereitet, wie man durch Ioan Sauca, den damals amtierenden Generalsekretär des ÖRK, erfahren konnte. Das Treffen wurde nicht nur kurzfristig annulliert, sondern auch die eilig zusammengestellte neue Delegation aus Russland sagte die angekündigte Anreise in eher konfuser Weise wieder ab. Eine Planung ist dahinter nicht zu erkennen und stünde völlig im Widerspruch zum Bemühen des Patriarchats, jegliches rufschädigende Zeichen der Führungsschwäche zu meiden.

Kurz: Die plötzliche Wende ist nur durch eine kurzfristig eingetretene Intervention von außen, das heißt von staatlicher Seite, zu erklären. In diesem Falle kann sie nur auf die Einstellung von Metropolit Hilarion zum Ukraine-Krieg zurückzuführen sein. Diese Deutung ist näher zu untersuchen. Offenbleiben kann und muss hier, ob Patriarch Kyrill diesem Druck widerwillig oder mit eigener Überzeugung nachgegeben hat. Durchgesickerte Informationen besagen, er habe in der Synodensitzung keinerlei Diskussion geduldet, sondern die Entscheidung mit zwei Worten kommentiert: „Tak nado“ – „So ist es nötig“ (diak-kuraev.livejournal.com/3773681.html). Auf diesem Hintergrund erhält die zurückhaltenden, bildhaften Kommentare von Metropolit Hilarion selbst während der Abschiedsworte an seine Moskauer Pfarrei der Gottesmutter „Freude aller Betrübten“ an der Bolschaja Ordynka nach der Liturgie zum Pfingstsonntag am 12. Juni 2022 besonderes Gewicht: „Viele Menschen fragen mich in diesen Tagen: Warum, warum? Ich werde jetzt nicht ins Detail gehen, denn ich weiß selbst nicht viele Details. Mir wurde gesagt, dass diese Entscheidung nichts mit irgendwelchen Unzulänglichkeiten in der Arbeit des Departements für kirchliche Außenbeziehungen zu tun hat, noch [mit Unzulänglichkeiten] in der gesamtkirchlichen Postgraduierten-Ausbildungsstätte oder dieser Pfarreikirche oder anderen kirchlichen Einrichtungen, die ich leite. Und alles, was gesagt wurde, ist, dass die derzeitige gesellschaftspolitische Situation dies erfordert. Sie können sich vorstellen, dass der Weg eine sehr scharfe Kurve genommen hat, ich habe nicht hineingepasst und bin auf der Strecke geblieben. Das ist besser, als wenn ich in einen Graben gefahren wäre, dann hätte sich mein Auto überschlagen und wäre explodiert“, so der Metropolit. Er fuhr fort, es sei nicht nötig, diese Ereignisse zu dramatisieren, „denn im Leben eines jeden Geistlichen kann es Höhen und Tiefen geben, Beförderungen in der sogenannten Karriere und Degradierungen“. „Es ist alles nur vorübergehend, und das ist nicht der Grund, warum wir der Kirche dienen. Ich habe mich nie um hohe Ämter, um die Mitgliedschaft in der Synode oder um irgendwelche Privilegien bemüht, und ich werde nie trauern, dass ich sie verloren habe“ (Bericht der Nachrichtenagentur TASS: n.tass.ru/obschestvo/14891597; die gesamte Liturgie kann verfolgt werden unter: www.youtube.com/watch?app=desktop&v=6nZSKtCC22g&f; in den Medien werden diese Worte ohne Widerspruch oder Korrektur aufgegriffen).

Hintergründe

Hilarion und der Krieg

Nun gut, ein Hierarch der russischen Kirche ist entmachtet worden. Doch der Krieg in der Ukraine geht weiter. Woher soll man wissen, dass diese Entwicklung überhaupt etwas mit Metropolit Hilarions innerer Einstellung und seinem äußeren Agieren in der Ukraine-Frage zu tun hat? War er nicht im höchsten Maße loyal gegenüber seinem Patriarchen und auch gegenüber Putin? Welchen Grund sollte es überhaupt geben, ihn zu degradieren?

Eine kürzlich veröffentlichte Statistik für das Jahr 2021 über die Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche und ihre Präsenz in den Massenmedien einschließlich der Fernsehsender fördert ein erstaunliches Bild zutage: Metropolit Hilarion lieferte nach diesen Angaben 53 Prozent aller kirchlichen Inhalte in den Medien, gefolgt von Patriarch Kyrill (22 Prozent), Vladimir Legoyda, dem Vorsitzenden der Synodalabteilung für die Beziehungen der Kirche mit Gesellschaft und Massenmedien (14 Prozent), Metropolit Tichon (Shevkunov), Bischof von Pskov und vermutlich Geistlicher Vater von Putin (6 Prozent) (t.me/s/russica2?q=%D0%98%D0%BB%D0%B0%D1%80%D0%B8%D0%BE%D0%BD). Unabhängig davon, was Metropolit Hilarion sagte, war und ist er also weit mehr das Gesicht seiner Kirche als selbst der Patriarch. Unnötig zu erklären, dass Medienpräsenz die Währung des öffentlichen Einflusses ist. Das Moskauer Patriarchat verfügt seit 2005 über den eigenen Fernsehkanal „Spas“ (www.spastv.ru), der neben Informationen aus dem Patriarchat auch ein Programm der Bildung im Glauben und in religiös-moralischen Werten umfasst. Auf diesem Programm ist überwiegend Patriarch Kyrill zu sehen. Neben seinen persönlichen und kirchlichen Informationskanälen, darunter das von ihm begründete „Jesus-Portal“ (jesus-portal.ru) mit bis zu einer halben Million Followern und/oder Abonnenten, gestaltete Metropolit Hilarion die wöchentliche Interviewsendung „Kirche und Welt“ im Fernseh-Programm „Rossija 24“, einem staatlichen, regierungsnahen Sender. Dort konnte das Publikum dem Metropoliten Fragen stellen.

Ist das nicht typisch für den Metropoliten? Er hat seine Medienmacht also im regimetreuen Kontext eingesetzt und sich damit selbst diskreditiert. Warum hat er seinen öffentlichen Einfluss nicht genutzt, um klar und öffentlich gegen Putin zu sprechen?

Durch die umfangreiche wissenschaftliche Aufarbeitung der Funktionsweise autoritärer und totalitärer Regime wissen wir inzwischen auch aus westlicher Erfahrung, etwa mit dem „Dritten Reich“, wie eingeschränkt unter derartigen Bedingungen die Handlungsmöglichkeiten sind. Ja, es gibt die Möglichkeit des öffentlichen Protestes oder der Auswanderung, Christen kennen den Weg des Martyriums. Die ihn gewählt haben, sind zum Schweigen gebracht worden. Seit dem 4. März 2022 sind in Russland zunehmend verschärfte Gesetze gegen „Fake News“ und gegen die „Diskreditierung der russischen Streitkräfte“ in Geltung, die schon die Verwendung des Wortes „Krieg“ für die als „Spezialoperation“ titulierte Invasion Russlands in der Ukraine unter hohe Geldstrafen bis hin zu 15 Jahren Gefängnis bei „schwerwiegenden Konsequenzen“ stellt. Ja, man konnte und kann diesen Weg wählen, doch man kann ihn nicht aus der bequemen Perspektive westlicher Schreibtische einfordern. Der Metropolit hat sehr bewusst einen anderen Weg gewählt. In seinem Brief an die Theologische Fakultät der Universität Fribourg Schweiz schreibt er am 3. März 2022: „Wenn man wirkliche Ergebnisse erzielen will, geschieht dies in der Regel nicht durch öffentliche Erklärungen, sondern durch tägliche harte und mühevolle und anstrengende Arbeit. Diese Arbeit hat sich in den letzten Tagen erheblich intensiviert und wird weitergehen, bis der Konflikt vorbei ist …“. Man darf zumindest im Blick auf geschichtliche Zeugnisse fragen, ob diese Art des historischen Gehorsams nicht gegebenenfalls sogar das wirksamere Zeugnis darstellen kann.

War diese Arbeit wirklich so „verborgen“, wie man dem Metropoliten vorwirft? Das „Exil“ nach weniger als vier Monaten spricht dafür, dass die durch Metropolit Hilarion gewählte „Sprache“ allzu gut verständlich war. Nehmen wir ein frühes Beispiel: Am 29. Januar 2022 gehörte zu der Interviewsendung von Metropolit Hilarion die Frage nach „Gerüchten über einen möglichen Krieg zwischen Russland und der Ukraine“. Die Antwort beginnt: „Sowohl als Vertreter der Kirche als auch als Bürger bin ich sehr besorgt und betroffen durch das, was um uns herum geschieht, sowie durch die Stellungnahmen, die von verschiedenen Seiten zu hören sind“, und schließt mit der kritisch an Russland gerichteten Bilanz: „In Russland gibt es Politiker, die uns daran erinnern, dass unser Land nie irgendeinen Krieg verloren hat, und dass folglich gilt: ‚Wer mit dem Schwert zu uns kommt, wird durch das Schwert umkommen.‘ Denken wir erstens daran, um welchen Preis Russland solche Kriege gewonnen hat. Der Preis waren Millionen von Menschenleben. Zweitens sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass jeder Krieg unermessliches Unheil über die Menschen bringt. Wir müssen also bedenken, wie unvorhersehbar das Ergebnis jedes Krieges ist. Können wir annehmen, dass Russland den Ersten Weltkrieg gewonnen hat? Denken wir an den Enthusiasmus, mit dem Russland in den Krieg eingetreten ist, an die patriotischen Gefühle, die das Russische Reich beim Eintritt in diesen Krieg begleiteten. Konnte irgendjemand damals sich vorstellen, dass Russland drei Jahre später zusammenbrechen würde? Aus all diesen Gründen bin ich tief überzeugt, dass ein Krieg keine Methode zur Lösung angestauter politischer Probleme ist. Daher müssen Politiker und wir alle alles tun, was in unserer Macht steht, um eine Eskalation des Konflikts zu vermeiden“ (www.youtube.com/watch?v=N8ry6En5xhI).

Ja, aber das war fast vier Wochen vor dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine. Offenbar hat der Metropolit nach dem 24.2. nicht mehr so gesprochen!

Die Sendung wurde in der Tat am 29. Januar ausgestrahlt. Doch die Transkription des Interviews wurde vom Metropoliten auf die offizielle Webseite des Departements für kirchliche Außenbeziehungen gesetzt und ist dort weiterhin abrufbar (mospat.ru/ru/news/88917/). In der Woche vom 27. Juni bis 1. Juli war die Website des „Departements für kirchliche Außenbeziehungen“ des Moskauer Patriarchats für einigen Tage blockiert; angezeigt war ein „Hacker-Angriff“. Nachdem die Seite wieder funktionstüchtig war, ist festzustellen, dass im Anschluss die früher angezeigte englische Übersetzung nicht mehr vorhanden ist, obwohl ihre URL über Internet-Suchmaschinen noch zu identifizieren ist. Der relevante Auszug über den Krieg bleibt auf Youtube zugänglich (www.youtube.com/watch?v=_BSmT-ZGzw8) Er trägt den Titel: „Metropolit Hilarion: Der Preis des Krieges – Millionen Menschenleben und unzähliges Unheil für die Menschen“. Greifen wir einige der prägnantesten Kommentare heraus, alle nach Kriegsausbruch gepostet: „Wie schwer ist es, ein intelligenter und gebildeter Mensch zu sein. Gott segne Sie!“ – „Metropolit Hilarion ist ein Held unserer Zeit. Er hat es richtig gesagt, jemand musste es sagen.“ – „Der Metropolit hat wahrhaftige Worte gesagt, er ist wie ein Friedensstifter, und so sollte ein Hirte sein, vielen Dank!“ – „Krieg ist eine Weiterführung der Politik. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Und natürlich ist es eine Möglichkeit, Probleme zu lösen“. „Das ist derjenige, der verhandeln sollte, nicht diese ganzen Banden“. – „Er war einer der wenigen in der Russischen Orthodoxen Kirche die sich nicht scheuten, NEIN zum Krieg zu sagen!“ – „Im Kapitalismus und Imperialismus, dem sich Hilarion verschrieben hat, sind Krisen und Kriege unvermeidlich. Und davor hat der große Lenin gewarnt!“ usw. Wie man sieht, fehlen auch kritische Stimmen der Befürworter des Krieges unter diesen Kommentaren nicht. Gerade die Tatsache, dass der Metropolit mit seiner Sendung in der „Höhle des Löwen“ präsent war und auch die regimetreuen Menschen erreichte, gab ihm die Möglichkeit, mitten im Nebel der Propaganda gehört zu werden. Man darf nicht vergessen, dass ein Kritiker des Ukraine-Krieges sich nicht nur gegen Putin stellt, sondern in breiten Bevölkerungskreisen auf Unverständnis trifft.

Aber der Metropolit hat doch noch am 2. Februar 2022 einen hohen Orden durch Präsident Putin erhalten und in einer sehr staatskonformen Weise entgegengenommen!

Wer sich ein wenig im russischen Kulturraum auskennt, weiß, wie stark verbreitet das System von Orden und Urkunden („Gramota“) in Staat und Kirche ist. Höhere Würdenträger erhalten zu runden Geburtstagen oder zu besonderen Anlässen geradezu routinemäßig und mit einer gewissen graduellen Steigerung einen Orden. Es ist ein Mittel zur Förderung der staatlichen und kirchlichen Kohäsion, das niemand übermäßig ernst nimmt, der es durchschaut. Ebenso ritualisiert sind die Dankesworte, die Reden, die bei solchen Anlässen gehalten werden. Bei dem Orden, der Metropolit Hilarion erhalten hat, war Putin nicht der Initiator, sondern reagierte in diesem Fall auf eine Empfehlung des staatlichen „Kulturellen Beirats“, in dem Architekten, Komponisten, bildende Künstler und andere Kulturträger-innen Mitglied sind. Die fast einstimmig empfohlene Auszeichnung Hilarions zeigt seine hohe Anerkennung auch als Komponist und Dirigent im Raum der Gesellschaft. Gerade wenn Metropolit Hilarion seine Möglichkeit zu weiterem eigenständigen Handeln erhalten wollte, musste er zu diesem Zeitpunkt, vor Kriegsbeginn, so auf die Auszeichnung reagieren, wie er es getan hat.

Hilarions Sprache des impliziten Widerstands erschöpft sich nicht in seiner anfänglichen Stellungnahme zum Krieg. Ich greife zwei weitere Beispiele heraus: In seiner Fernsehsendung „Kirche und Welt“ am 20. März 2022 ging der Metropolit auf eine – sicher bewusst vorgefilterte – Frage nach Rasputin ein und wies auf das zwiespältige Bild dieses sibirischen Wanderpredigers mit seinem großen Einfluss auf die Zarenfamilie hin. Unter anderem sagte er: „Wir wissen, dass viele der Ratschläge, die Rasputin dem Zaren gab, richtig waren. Der Zar hörte meistens nicht auf diesen Rat, aber wenn er ihn befolgt hätte, wäre das Schicksal Russlands vielleicht anders verlaufen. Rasputin war beispielsweise ein glühender Gegner eines Kriegseintritts Russlands und warnte den Zaren, dass ein Kriegseintritt Russlands für das ganze Land katastrophale Folgen haben würde. Der Zar hörte nicht auf ihn und Russland trat in den Krieg ein. Russland hatte alle Chancen, militärisch zu gewinnen, aber es kamen andere Faktoren ins Spiel, und schließlich verloren wir nicht nur einen Teil der russischen Gebiete, sondern Russland als solches. In den Weiten Russlands ist ein neuer totalitärer Staat errichtet worden, und von dem alten, großen Russland, das viele Jahrhunderte lang gelebt hat, ist nichts mehr übrig, außer natürlich der russischen orthodoxen Kirche“. Auch dieses Interview ist transkribiert auf der Website des Patriarchats zu finden, wurde also dauerhaft zugänglich gemacht  (www.patriarchia.ru/db/text/5910413.html, die Fernsehsendung ist über folgenden Link abzurufen: smotrim.ru/video/2393664).

Auch in seiner ersten Predigt in Budapest am Sonntag, 26. Juni 2022, unterließ Metropolit Hilarion nicht seine deutlichen Worte. Anlässlich des Festtags „aller russischen Heiligen“ erwähnte der Metropolit in seiner Predigt eine ganze Reihe von Heiligengestalten seit der Taufe der Rus‘ unter dem heiligen Fürsten Vladimir. Unter anderem sprach er ausführlich über Metropolit Philipp von Moskau (1507-1569), „der sich nicht scheute, dem schrecklichen Tyrannen [Ivan dem Schrecklichen], der unschuldiges Blut vergoss, die Stirn zu bieten, und der am Ambo der Mariä-Entschlafens-Kathedrale des Moskauer Kremls, statt den schrecklichen Zaren zu segnen, ihn streng zurechtwies und sagte: ‚Sogar die Kinder Hagars und die Heiden haben Recht und Wahrheit, aber in unserem russischen Land gibt es kein Erbarmen‘, wofür er mit seinem eigenen Leben bezahlte und vom Oprichnik [Leibwächter] des Zaren erwürgt wurde“, so Metropolit Hilarion. Das Video hat inzwischen allein auf Youtube über 30.000 Zuschauer gefunden (www.youtube.com/watch?v=dy4a4bYz-NA; das Video ist auch auf dem Jesus-Portal abrufbar: jesus-portal.ru/life/video/obrascheniya-mitropolita-ilariona/na-nashey-zemle-net-miloserdiya-o-podvige-russkikh-svyatykh/).

Hilarion und Kyrill

Es bleibt das unverzeihliche Schweigen von Metropolit Hilarion gegenüber Patriarch Kyrill, dessen engster Mitarbeiter er doch als Leiter des „Departements für kirchliche Außenbeziehungen“ des Moskauer Patriarchats war. Weshalb konnte er nicht zumindest hier seine andere Sicht der Dinge deutlicher kundtun?

Wir bewerten spontan andere Kontexte nach unseren eigenen Maßstäben. Im Westen ist es selbstverständlich geworden, dass Gemeinden ihren Pfarrer oder Bischof kritisieren und alle Katholiken aus jedem beliebigen Anlass den Papst. In orthodoxen Kirchen, insbesondere in der russischen orthodoxen Kirche der Gegenwart, ist es ganz undenkbar, dass ein Mitglied der höheren Hierarchie öffentlich gegen den Patriarchen spricht, zumal wenn dieser sein direkter Vorgesetzter ist. In solchen Fällen wird er sofort abgesetzt – oder es kommt zu einer kirchlichen Spaltung. Die westliche Welt scheint zu vergessen, dass Russland nach über 70 Jahren der Unterdrückung und Verfolgung der Kirche erst seit 30 Jahren wieder in eine „Freiheit“ eingetreten ist, die quasi aus dem Nichts einen neuen Aufbau des kirchlichen Lebens erforderte, von der äußeren Rekonstruktion der Kirchengebäude bis zum viel schwierigeren inneren Aufbau einer reflektierten Welt des Glaubens, nachdem jegliche öffentliche Verkündigung oder gar theologische Ausbildung völlig untersagt war. Unvermeidlich wurde im geistigen Vakuum der „neuen Welt“ der Glaube als eine Art „Ersatzideologie“ missbraucht. Ein russischer Kritiker der Kirche benennt seine Sorge: Wir haben keine „russische Idee“, nichts, woran wir uns orientieren können (www.youtube.com/watch?v=ySXZfVn27b8). Die Versuchung liegt nahe, seitens der Kirche diese „Idee“ anzubieten, ohne die Wandlung der Herzen garantieren oder auch nur hinreichend ermöglichen zu können. Unvermeidlich gingen alte Parteikader in neue Stellen in Gesellschaft und Kirche über, mit oder ohne „Bekehrung“. Unvermeidlich ist eine Generation (zu) kurz, um in dieser Welt der äußersten Gegensätze zwischen einigen hochzivilisierten Großstädten und den weiterhin wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell weniger entwickelten russischen Weiten eine „Zivilgesellschaft“ aufzubauen und ein mündiges „Gottesvolk“ zu erziehen.

Metropolit Hilarion ist in diesem Geschehen eine kraftvolle Schwellengestalt. Er gehört zu der ersten Generation, die im Westen studieren und Fremdsprachen erlernen durfte. Aufgewachsen ist er mit der Erfahrung der Sowjetunion. Wer den tief verwurzelten politischen Freiheitswillen des Metropoliten kennenlernen will, kann zurückschauen auf das gut dokumentierte Ereignis, während Hilarion ein junger Mönch, Diakon und Priester in Litauen war, wo er 1987 in das Heilig-Geist-Kloster in Vilnius eintrat. Peter Anderson berichtet: „Am 13. Januar 1991, in Litauen als ‚Blutsonntag‘ bekannt, versuchten die Sowjets, die neue Unabhängigkeitsbewegung in Litauen mit Gewalt zu unterdrücken. Die Ereignisse gipfelten darin, dass die sowjetischen Streitkräfte (Angehörige der Pskov-Division und der KGB-Spezialeinheit Alpha) am Sonntagmorgen gegen 2 Uhr die Kontrolle über den Fernsehturm von Vilnius und das Gebäude des Radio- und Fernsehkomitees übernahmen. Eine große Menschenmenge hatte sich zum Schutz des Fernsehturms versammelt. Sowjetische Panzer und Truppen griffen die Menge an, und 14 Personen wurden entweder durch Schüsse getötet oder von Panzern erdrückt. Hunderte wurden verletzt. Die Fernsehübertragung wurde abrupt beendet. Die letzten Fernsehbilder zeigten einen sowjetischen Soldaten, der auf die Fernsehkamera zustürmte. Eine halbe Stunde später begann jedoch unerwartet die Übertragung aus einem kleinen Fernsehstudio in Kaunas, wo Hilferufe zu hören waren. Die Hilferufe wurden von einem schwedischen Fernsehsender aufgegriffen und von Schweden aus in die ganze Welt übertragen. Einer der Sprecher des Senders in Kaunas an diesem Tag war Hilarion, der junge Rektor der russischen orthodoxen Verkündigungskathedrale in Kaunas. Er sprach auf Russisch und forderte die sowjetischen Truppen auf, nicht auf unbewaffnete Personen zu schießen. Am zwanzigsten Jahrestag des ‚Blutsonntags‘ würdigte der Bürgermeister von Kaunas, Andrius Kupcinskas, das Handeln von Metropolit Hilarion an diesem Tag und verlieh ihm den ‚Orden Jonas Vileisis‘ für sein mutiges Handeln. Am 11. Januar 2010 traf Metropolit Hilarion mit der Sprecherin des litauischen Parlaments (Seimas), Irena Degutiene, zusammen, die dem Metropoliten ebenfalls für sein Handeln im Januar 1991 dankte“ (www.unifr.ch/orthodoxia/de/dokumentation/anderson/, vgl. den Bericht auf der Seite des Departements für kirchliche Außenbeziehungen: mospat.ru/en/news/56159/).

Metropolit Hilarion hat die Erfahrung des Lebens im Westen, hier hat er zahllose Freunde und weiß sich auf dem internationalen Parkett souverän zu bewegen. Das gilt nicht für Patriarch Kyrill, der gern im Westen studiert hätte, es aber nicht durfte, weil er für den kirchlichen Neuaufbau in Russland benötigt wurde. Er lebt in einer postsowjetischen Binnenwelt und identifiziert kurzschlüssig den westlichen „Import“ der marxistischen atheistischen Ideologie durch das Sowjetsystem mit der gegenwärtigen „säkularen“ Welt, die ihm ebenfalls als eine Welt ohne Gott und daher als zerstörerisch für die menschliche Seele und das menschliche Zusammenleben erscheint (Kyrill, Patriarch von Moskau und der ganzen Rus‘, Freiheit und Verantwortung im Einklang. Zeugnisse für den Aufbruch zu einer neuen Weltgemeinschaft [= Epiphania 1], Fribourg 2009). Metropolit Hilarion hingegen ist ein „global player“ mit klaren Kriterien der Unterscheidung bezüglich Chancen und Grenzen der westlichen Welt.

Gibt es denn tatsächlich Anzeichen dafür, dass Metropolit Hilarion sich merklich und erkennbar von der Haltung von Patriarch Kyrill zum Ukraine-Krieg abgrenzte?

Angesichts der politischen Umstände muss man die Aufmerksamkeit auch auf das lenken, was der Metropolit nicht gesagt und getan hat. Angesichts seines großen öffentlichen Einflusses wurde von ihm erwartet und wäre es leicht für ihn gewesen, die religiöse, ja „metaphysische“ Rechtfertigung des Krieges durch den Patriarchen auf seine Weise mitzutragen und in den Medien zu propagieren. Das unabhängige Nachrichtenportal „OrthodoxTimes.com“ vermerkt bereits am 5. März: „The – usually – prolific Metropolitan Hilarion, with the website of the DECR in 12 (!) languages, has not made 10 days after the Russian attack on Ukraine, the slightest statement about the war” (orthodoxtimes.com/metropolitan-of-volokolamsk-goes-on-with-diplomacy-remains-silent-about-the-war/), und wiederholt am 27. Mai: „For a long time after the invasion, he had made no statement on the issue of war” (orthodoxtimes.com/successor-volokolamsk-distances-himself-from-patriarch-Kyrill-of-moscow/). Unter den gegebenen Umständen ist sein Schweigen als solches außerordentlich „sprechend“. „Der Druck zum Bekenntnis für den Krieg ist in Russland ähnlich hoch wie im Westen jener für die Waffenlieferungen“, schreibt ein westlicher Kommentator (weltwoche.ch/story/sein-schweigen-missfiel-den-maechtigen). Der Moskauer Oberrabbiner musste Russland offenbar deshalb verlassen, weil er nicht zu einer öffentlichen Legitimierung des Krieges bereit war (www.msn.com/de-ch/nachrichten/international/israel-moskaus-oberrabbiner-nicht-mehr-im-amt/ar-AAZjIcf?li=BBqfRGn). Auch die inzwischen im Westen viel kritisierte Theorie der „Russkij Mir“ („Russische Welt“ oder „Russischer Friede“), die aus dem religiös einheitlichen Kulturraum bestehend aus Russland, Ukraine und Belarus spricht eine politische Einheit unter russischer Führung ableitet, wird von Metropolit Hilarion nicht geteilt und nicht verwendet.

Mit einer gewissen Aufmerksamkeit konnte man bereits seit längerer Zeit Differenzen der Einschätzung zwischen Patriarch Kyrill und Metropolit Hilarion feststellen. Ich beschränke mich für die weiter zurückliegende Zeit auf zwei Schlüsselfragen, die ich im Rahmen eigener Dokumentation und Forschung besonders bearbeitet habe und durch den Austausch mit Experten gut kenne:

Die Erteilung der Autokephalie durch das Patriarchat von Konstantinopel an eine neu errichtete „Ukrainische Orthodoxe Kirche“ in der Ukraine hat eine lange Vorgeschichte (vgl. Barbara Hallensleben [Hg.], Orthodoxe Kirche in der Ukraine – wohin? Dokumente zur Debatte um die Autokephalie [Studia Oecumenica Friburgensia 92], Münster 2019). Sie ist nicht zuletzt bedingt durch eine fehlende gesamtorthodoxe Einigung über die Prozedur zur Erteilung der Autokephalie. Eine solche Einigung wurde im Vorfeld der Panorthodoxen Synode möglich. Das Moskauer Patriarchat plädierte für eine Erteilung der Autokephalie durch die Mutterkirche an die jeweilige Tochterkirche. Konstantinopel hingegen forderte das ausschließliche Recht zur Verleihung der Autokephalie durch das Ökumenische Patriarchat. Ein Kompromisstext war entworfen und sah vor, dass alle bereits autokephalen Kirchen den Tomos, d.h. die offizielle Urkunde, unterzeichnen, allerdings mit einer Rangfolge zwischen dem Ökumenischen Patriarchat, das „entscheidet“, und den übrigen „mit-entscheidenden“ Kirchen. Während der Patriarch seine Zustimmung verweigerte und damit die Absetzung des Themas von der Traktandenliste bewirkte, setzte Metropolit Hilarion sich für die Annahme dieses Kompromisses ein, nicht zuletzt, um die voraussehbaren Konflikte in der Ukraine zu vermeiden.

Die Abwesenheit von vier der vierzehn autokephalen Kirchen bei der Orthodoxen Synode auf Kreta 2016 wird durch das Patriarchat von Konstantinopel weiterhin als ein vom Moskauer Patriarchat unter Führung von Metropolit Hilarion geleiteter Boykott betrachtet. Eine sorgsame Analyse der Chronologie zeigt hingegen deutlich, dass die Orthodoxen Kirchen von Bulgarien, Antiochien, Georgien und Serbien (diese Kirche entschied sich schließlich doch noch zur Teilnahme) als erste und eigenständig ihre Entscheidungen bereits getroffen hatten und gerade deshalb das Moskauer Patriarchat weitere Vorbereitungstreffen vorschlug. Während Metropolit Hilarion die Teilnahme an der Versammlung von Kreta befürwortete, setzte Patriarch Kyrill die Absage der russischen Teilnahme durch. Generell wiederholten sich in den letzten Jahren Situationen, in denen eine eher vermittelnde und kompromissbereite Haltung des Departements für kirchliche Außenbeziehungen unter Leitung von Metropolit Hilarion auf eine kompromisslose Härte in den Entscheidungen des Patriarchen stieß.

Erst unter den Bedingungen des Krieges wurden diese Differenzen offenkundig und eskalierten, wie nun zu zeigen sein wird.

Eskalationen

Die Ukraine

Eine Entdeckung am Rande während der Recherchen war ein Artikel des estnischen Journalisten und Dokumentarfilmers Andrey Karaulov aus dem Jahr 2019, nachdem es in der Ukraine zur Gründung der neuen kirchlichen Struktur namens „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ unter Erteilung der Autokephalie durch das Ökumenische Patriarchat gekommen war. Der als – nicht unkritisch – Putin nahestehende Journalist sagte am 19. Januar 2019, zwei Wochen nach der Unterzeichnung des „Tomos“, den baldigen Rücktritt von Patriarch Kyrill nach dem Modell von Papst Benedikt XVI. voraus. „Wie ich Putin kenne, wird er dem Patriarchen Kyrill niemals die heutige Erklärung von Filaret (Metropolit Filaret erklärte sich an diesem Tag zum „Patriarchen von Kiew und ganz Russland-Ukraine“) verzeihen“, denn „solche Dinge wie der Verlust des russischen Einflusses durch die Kirche in der Ukraine werden nicht verziehen“ (realtribune.ru/news-news-1525). Auch wenn diese Voraussage nicht eingetreten ist, zeigt der Artikel eines Journalisten, der Putin gut kennt und mehrere Dokumentarfilme über ihn gedreht hat, dass die Kirche für den Kreml-Chef nicht zuletzt als Sicherung der politischen Einflusszone interessant ist – besser: war. Auch wenn Kyrill nicht als Patriarch zurücktrat, häufen sich doch die Stimmen, die von einer deutlich schwindenden Achtung Putins ihm gegenüber zeugen. Gäste bei den Feierlichkeiten zum 75. Geburtstag von Patriarch Kyrill am 20. November 2021 berichten, wie Putin die versammelten Eingeladenen aus dem In- und Ausland mehrere Stunden warten ließ und dann nach einer knapp gehaltenen Rede grußlos verschwand – eher eine öffentliche Demütigung als eine Ehrung für den Patriarchen.

Ohne Frage steht Kyrill unter Druck, die Einheit mit der Ukraine auf kirchlicher Seite zu gewährleisten. Unter diesem Aspekt ist die jüngste Erklärung der Unabhängigkeit am 27. Mai 2022 durch die Synode der Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats in der Ukraine für den Patriarchen noch katastrophaler als die Autokephalie einer national orientierten „neuen“ Kirche im Jahr 2019. Metropolit Hilarion weiß, dass der „Ukraine-Krieg“ nicht am 24. Februar 2022 begonnen hat, sondern – spätestens – 2014 mit der Annexion der Krim und den bewaffneten Konflikten in den Gebieten Donezk und Luhansk, Donbass genannt. Bereits vor dem 24. Februar 2022 forderte dieser Konflikt weit über 10‘000 Todesopfer.

In seinem Brief an die Theologische Fakultät in Fribourg schreibt Metropolit Hilarion am 3. März 2022: „Seit 2009, als ich zum Leiter des Departements für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats ernannt wurde, und vor allem seit 2014, als der Konflikt in der Ostukraine begann, habe ich viel Mühe und Energie investiert, um Versöhnung und Frieden zwischen dem russischen und dem ukrainischen Volk herbeizuführen und auch vielen Christen in der Ukraine geholfen zu überleben. Dies umfasst sowohl finanzielle als auch juristische und humanitäre Hilfe. Ein Teil dieser Arbeit wurde gemeinsam mit der Schweizer Botschaft in Moskau geleistet, ein anderer Teil in Partnerschaft mit christlichen humanitären Organisationen“. Allein die gesonderte Nennung des „russischen“ und des „ukrainischen“ Volkes signalisiert eine Anerkennung nationaler Eigenständigkeit, die Putin derzeit infragestellt. Bei einer internationalen Konferenz zum Thema „Russia – Ukraine – Belarus: A Common Civilizational Space?“ am 1. Juni 2019 an der Universität Fribourg bekräftige Metropolit Hilarion diese Einstellung ausdrücklich im Namen seiner Kirche: „Wir stellen weder die nationale Selbstbestimmung der drei slawischen Völker noch die Staatsgrenzen unabhängiger Staaten in Frage. Aber wir werden weiterhin für die Erhaltung der Einheit der Russischen Orthodoxen Kirche eintreten, die die geistliche Einheit aller orthodoxen Gläubigen innerhalb ihrer Grenzen gewährleistet, unabhängig von ihrer Nationalität oder Ethnie“ (Barbara Hallensleben [Hg.], Orthodoxe Kirche in der Ukraine – wohin?, a.a.O. 130-131).

Metropolit Hilarion kommentierte die Entscheidung der ukrainischen Synode der Moskauer Kirche bereits am Folgetag, dem 28. Mai 2022, in seiner Eigenschaft als Leiter des Departements für kirchliche Außenbeziehungen. Er betonte nicht den Konflikt, sondern die Berechtigung der Position der Ukrainischen Kirche unter Leitung von Metropolit Onufrij: Die Entscheidung „bestätigte den Status, den diese Kirche seit 1990 hat, als sie die kirchliche Urkunde der Selbstverwaltung von Seiner Heiligkeit Patriarch Alexij II. von Moskau und der ganzen Rus’ erhielt […] Mit den gestrigen Entscheidungen hat die Ukrainische Orthodoxe Kirche einmal mehr bewiesen, dass sie völlig selbstverwaltet ist, dass ihr kirchliches Zentrum nicht in Moskau, sondern in Kiew liegt und dass sie weder verwaltungstechnisch noch finanziell noch in irgendeiner anderen Weise von Moskau abhängig ist. Die Einheit zwischen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche sowie den anderen orthodoxen Ortskirchen, die sich nicht auf dem Weg der Spaltung befinden, bleibt bestehen. Wir werden diese Einigkeit weiter stärken. Wir werden weiterhin für unsere eine heilige orthodoxe Kirche beten“ (mospat.ru/ru/news/89324/, übernommen von http://www.patriarchia.ru/db/text/5931283.html). Der Metropolit signalisierte sein Verständnis und hob hervor, dass die Ukrainische Kirche des Moskauer Patriarchats angesichts ihrer gegenwärtigen Bedrängnis ihre Unabhängigkeit betonen müsse, um innerhalb des Landes weiter handlungsfähig zu bleiben (www.patriarchia.ru/en/db/text/5932691.html). Er tat also alles, um die Brücke der Einheit zu dieser Kirche aufrechtzuerhalten und zu stärken. Anders der Tonfall des Heiligen Synod am 29. Mai und am 7. Juni während derselben Sitzung, die über die Absetzung von Metropolit Hilarion befand. Hier wird in harter kanonischer Sprache auf unrealistische Weise genau diejenige Prozedur der Überprüfung der neuen Statuten durch Moskau gefordert, die die Ukrainische Kirche nicht mehr anerkennt. (vgl. http://www.patriarchia.ru/db/text/5934527.html, Eintrag Nr. 58, Absatz 3; vgl. die erste Stellungnahme der Synode am 29. Juni 2022:  http://www.patriarchia.ru/en/db/text/5931476.html). Noch am 4. Juni 2022, drei Tage vor seiner Absetzung, betonte Metropolit Hilarion in seiner TV-Sendung „Kirche und Welt“ ausdrücklich, er sehe in der Haltung und Entscheidung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche keine Spaltung (Raskol) (www.youtube.com/watch?v=BxOAFmJAJxM).

Um die Haltung der Russischen Orthodoxen Kirche in der Ukraine einzuschätzen, ist ein Interview mit Metropolit Meletij von Czernowitz und Bukowina am 27. Juni 2022 für die französische orthodoxe Welt aufschlussreich. Der Leiter des Departements für kirchliche Außenbeziehungen in Kiew weist die Idee eines schismatischen Verhaltens seiner Kirche zurück. Gemäß der kanonischen Ordnung kommemorieren die Priester ihren Bischof, die Bischöfe den leitenden Metropoliten (Onufrij) und das kirchliche Oberhaupt kommemoriert weiterhin Patriarch Kyrill von Moskau, allerdings in einer analogen Weise, wie autokephale Kirchen dies zu tun pflegen. Laut Metropolit Meletij verfügt die Ukrainische Russische Kirche über ein „autokephales Statut“, aber (noch) nicht über einen „autokephalen Status“, der einen möglichen nächsten Schritt darstellt, zur Zeit aber weder erbeten noch proklamiert ist. Ganz klar ist Meletijs Haltung gegenüber dem Ökumenischen Patriarchat: Metropolit Onufrij erwähnt in der Liturgie Patriarch Kyrill, aber nicht Patriarch Bartholomäus. „Die Haltung änderte sich nicht, weil der Grund für die Unterbrechung der eucharistischen Kommunikation nicht beseitigt wurde. Auch heute erwähnt unser Primas nicht die Oberhäupter jener Ortskirchen, die Schismatiker anerkannten“ (news.church.ua/2022/06/30/mitropolit-cherniveckij-i-bukovinskij-meletij-migraciya-ce-pastirskij-viklik-dlya-cerkvi/) und auf dieser Basis eine neue „autokephale“ Kirche in der Ukraine errichteten. Er relativiert auch die Meldungen der Übertritte russischer Gemeinden zur Autokephalen Kirche der Ukraine: Viele sogenannte „Übergänge“ erfolgten rein auf dem Papier und unter dem Druck der lokalen Behörden, während Gemeinden und Priester in der überwiegenden Zahl ihrer Kirche treu blieben. Seine Sorge gilt der pastoralen Herausforderung der Gemeinden ukrainischer Flüchtlinge im Ausland, die von westlicher Seite mit der nötigen Sachkenntnis unterstützt werden sollten.

Zypern

Das Interorthodoxe Treffen auf Zypern vom 10. bis 15. Mai 2022 zur Vorbereitung der Teilnahme an der diesjährigen Vollversammlung des Weltkirchenrates in Karlsruhe war offensichtlich ein Meilenstein der Entfremdung zwischen Patriarch Kyrill und Metropolit Hilarion. Für den Patriarchen sollte die Begegnung ein Anlass werden, um die russische Militäraktion in der Ukraine zu rechtfertigen. Metropolit Hilarion arbeitete im Rahmen der fünfköpfigen russischen Delegation auf den einstimmig verabschiedeten Schlussbericht hin, in dem es unter anderem mit ausdrücklichem Bezug zur Ukraine heißt: „24. Während unserer Beratungen wurde große Besorgnis über den bewaffneten Konflikt in der Ukraine geäußert, der bereits viele Menschenleben gefordert hat. Die Teilnehmer des Treffens haben die Kriege einhellig verurteilt und alle an den Konflikten beteiligten Parteien aufgerufen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um dringlich Frieden zu schaffen und die Sicherheit in der Ukraine, Russland, Europa und der ganzen Welt zu gewährleisten. Wir verurteilen auch die systematischen Desinformationskampagnen, die Spaltungen und Hass fördern. In dieser Zeit großer Not sind wir aufgerufen, inbrünstige Gebete zu Christus, dem Erlöser, zu erheben, damit der Hass nicht von den Seelen und Herzen der Menschen Besitz ergreift, sondern stattdessen Liebe und brüderliche Gemeinschaft zu den in Not befindlichen Völkern zurückkehren“ (der Bericht ist abrufbar unter: www.oikoumene.org/resources/documents/report-of-the-inter-orthodox-pre-assembly-consultation). Während des Treffens betonte der Metropolit, die Russische Orthodoxe Kirche dürfe nicht ausschließlich aufgrund der Äußerungen von Patriarch Kyrill beurteilt werden.

Zunehmend ist sein Wille zu erkennen, sich auch öffentlich und im Rahmen offizieller Mandate von den Positionen des Patriarchen abzugrenzen. Dafür spricht Metropolit Hilarions offizieller Besuch bei Erzbischof Chrysostomus von Zypern (mospat.ru/en/news/46303), der nicht nur den Krieg Russlands gegen die Ukraine verurteilt hat, sondern durch seine Kommemoration von Metropolit Epiphanij als Oberhaupt der neuen autokephalen Kirche in der Ukraine aus Sicht des Moskauer Patriarchen außerhalb der kirchlichen Koinonia steht. Ähnlich versöhnlich sprach der Metropolit noch kurz vor seiner Absetzung über die vier Kirchen, die eine Anerkennung der Autokephalie der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine vollzogen haben (Konstantinopel, Alexandria, Zypern, Griechenland): „Ich denke, wir sollten sie nicht als Feinde betrachten“ (die russischen Originaltexte sind nicht mehr auffindbar, so dass auf die Dokumentationen in westlichen Presseagenturen zurückgegriffen wird. Hier erfolgen die Zitate nach „Orthodox Times“: orthodoxtimes.com/Kyrill-dismisses-hilarion-from-president-of-the-decr-and-metropolitan-of-volokolamsk/; übernommen wurden diese Texte auch von Nikolaj Thon in seinem Beitrag für KNA-Ökumenische Informationen, Nr. 24, 14. Juni 2022, 3-4). In seiner letzten Interviewsendung „Kirche und Welt“ vor dem Synodenentscheid betonte er am 4. Juni 2022, die inneren kirchlichen Konflikte seien von den derzeitigen kriegerischen Auseinandersetzungen zu unterscheiden. Sie tragen in seiner Sicht vorläufigen Charakter und werden früher oder später überwunden werden. Als Beispiel führte er die Versöhnung mit der Russischen Orthodoxen Auslandskirche an (www.youtube.com/watch?v=BxOAFmJAJxM). Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass nach „vorübergehenden Schwierigkeiten“ „eine panorthodoxe oder interorthodoxe Lösung gefunden werden wird, die die Heilung der Wunden, die dem Körper der Weltorthodoxie zugefügt wurden, ermöglichen und die volle Gemeinschaft zwischen den Kirchen wiederherstellen wird“. Der Bericht von „Orthodox Times“ schließt mit der Bemerkung: „Diese ‚Wende‘ vollzog sich hauptsächlich in dem Zeitraum nach der vorbereitenden Versammlung des ÖRK [auf Zypern]. Orthodoxtimes.com zugängliche Quellen berichten, dass Metropolit Hilarion in Paralimni [Zypern] eine sehr moderate Haltung einnahm und eine außergewöhnliche Mäßigung in den Diskussionen mit den Delegationen aller Kirchen zeigte“ (orthodoxtimes.com/Kyrill-dismisses-hilarion-from-president-of-the-decr-and-metropolitan-of-volokolamsk/).

Unter Feinden

Seit langer Zeit hat Metropolit Hilarion auch Feinde. Er lebte in einem unerhörten Spannungsfeld: Vom Westen als erzkonservativer Hardliner be- und verurteilt, war er im Kontext der Russischen Orthodoxen Kirche und der russischen Gesellschaft für viele bei weitem zu liberal, zu ökumenisch, zu westlich. Unter den neuen politischen Bedingungen eskalierte die Polarisierung. Bereits so selbstverständliche Aktivitäten eines Leiters des Departements für kirchliche Außenbeziehungen wie der Besuch in den Botschaften verschiedener Länder, und sei es auch um Visa-Fragen zu regeln, wurde als „Konspiration mit feindlichen Staaten“ betrachtet. Die Bereitschaft, auf Fragen in westlichen Medien zu antworten, wurde für ihn offenbar ebenfalls verhängnisvoll, insbesondere die Interviewteile in der österreichischen TV-Sendung „Kreuz und Quer“ mit dem Titel „Ukraine: Kirchenstreit und Bruderkrieg“ am 24. Mai 2022 (religion.orf.at/tv/stories/3213260/). Der Metropolit stellte sich für dieses Interview zur Verfügung, obwohl er in der gesamten Sendung eher in ein negatives Licht gerückt wird. Was sonst noch auf der „schwarzen Liste“ stand, die zu seinem jetzigen Exil in Budapest führte, lässt sich zur Zeit wohl kaum eruieren. Es brauchte nicht viel mehr als drei Monate, bis der Metropolit zur persona non grata wurde.

Ausblick

Die Sendung des ORF schließt mit der Äußerung von Metropolit Hilarion, er fühle sich in die Zeiten des Eisernen Vorhangs zurückversetzt. Die überwunden geglaubten Klischees vom „bösen Russen“ scheinen sich bestätigt und vertieft zu haben.

Intelligencija vs. Joch der Geschichte

Nun hat der Vorhang einen Riss erhalten. Ein hochrangiger Vertreter der Welt des „Bösen“, der nicht einfach eine Einzelgestalt ist, sondern für eine große Gemeinschaft seiner Kirche steht und weiterhin nichts als ihr treuer Diener sein will, ist selbst zum „Opfer“ dieser anderen Welt geworden. Er hat die säuberliche Grenze – ohne Visum – überschritten und stimmt nun inmitten der Europäischen Union doch nicht in die simple Logik „Wir gegen die Russen“ ein. Was soll man mit ihm anfangen? Nun, vielleicht wäre der erste Schritt ein Umdenken: Wir haben uns in diesem Menschen getäuscht. Wir haben ihn in einem Atemzug mit Patriarch Kyrill verurteilt – und er hat in derselben Zeit alles versucht, um mitten in einer Welt der Unwahrheit nach Kräften ein wenig mehr Licht und Wahrheit zu bringen. Es gehört zu den schlimmsten Verstößen gegen die Menschenrechte, den Ruf eines Menschen öffentlich und nachhaltig zu schädigen. Im Rechtsstaat ist das sogar ein strafwürdiges Vergehen. Ja, in Zeiten der Verwirrung und Verblendung kann man sich täuschen, das ist verzeihlich, doch ab dem Zeitpunkt der besseren Einsicht besteht die Verantwortung für ein Zeichen des Bedauerns und einen Beitrag zur Überwindung des Schadens.

Dem Metropoliten geht es nicht um sich selbst. In seiner Position hätte er sich – um mit Bonhoeffer zu sprechen – leicht „aus der Affäre ziehen können“. In seinem Brief an die Theologische Fakultät in Fribourg fügt der Metropolit einen Satz ein, der für seine Mitteilung als solche keine tragende Bedeutung hat und doch mehr als alles andere sein Herz offenbart: „Ich empfinde es als Gottes Segen, mich an dieser Arbeit  zu beteiligen“, d.h. Leben zu retten, Leidenden zu helfen, den Konflikt zu beenden. Will man eine Deutung der Geschehnisse auf dieser tieferen Ebene wagen, so bieten sich in der Tat die Worte Dietrich Bonhoeffers an: „Die Rede vom heroischem Untergang angesichts einer unausweichlichen Niederlage ist im Grunde sehr unheroisch, weil sie nämlich den Blick in die Zukunft nicht wagt. Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiter leben soll. Nur aus dieser geschichtlich verantwortlichen Frage können fruchtbare – wenn auch vorübergehend sehr demütigende – Lösungen entstehen. Es ist sehr viel leichter, eine Sache prinzipiell als in konkreter Verantwortung durchzuhalten“ (Widerstand und Ergebung, Gütersloh 151994, 14).

Russland hat Erfahrungen mit dem Erdulden der Ausweglosigkeit der Geschichte, und es hat Erfahrungen mit den Besserwissern, „Intelligencija“ genannt. Sergij Bulgakov, auch er 1922 zum Exil verurteilt, hat sein Leben in einer historischen Stunde in die Waagschale geworfen und zieht Bilanz: „Die Kehrseite des Maximalismus der Intelligencija ist historische Ungeduld, Mangel an historischer Nüchternheit, das Bestreben, ein soziales Wunder hervorzurufen, und die praktische Ablehnung der theoretisch verkündeten Evolution. Die Disziplin des ‚Gehorsams‘ sollte hingegen zur Ausbildung historischer Nüchternheit, Selbstbeherrschung und Ausdauer beitragen; sie lehrt, die Last der Geschichte im Joch des historischen Gehorsams zu tragen, sie erzieht zur Bodenständigkeit, zum Gefühl der Verbundenheit mit dem Vergangenen und zur Dankbarkeit gegenüber dieser Vergangenheit […] Der Held schafft die Geschichte nach seinem Plan, beginnt die Geschichte gleichsam aus sich heraus und betrachtet dabei das Bestehende als Material oder als passives Objekt seines Einwirkens. Dabei wird die historische Kontinuität in Gefühl und Willen unvermeidlich zerrissen“. (Die zwei Städte. Studien zur Natur gesellschaftlicher Ideale [1911], Münster 2020, 470f.).

An prinzipiellen Proklamationen, die nichts kosten, hat es seit Kriegsbeginn nicht gefehlt. Sie verlangten von Metropolit Hilarion den „heroischen Untergang“. Diese Stimmen mögen in ihrer Diagnose Recht haben, aber sie riskieren, den Kontakt mit der Geschichte zu verlieren und nichts zu bewegen. Sie schüren gedachte Gegensätze, statt realen Menschen beizustehen. Metropolit Hilarion ist im Gehorsam der Geschichte geblieben – um einen hohen Preis für ihn selbst, aber auch mit einem hohen Gewinn für diejenigen, die mit ihm verbunden waren und sind. Die Russische Orthodoxe Kirche hat ein Gesicht, das nicht die Fratze des Krieges trägt.

„Politik“ vs. Vertrauen

Metropolit Hilarion hat nach Verbündeten im Westen gesucht. Er wollte das Unverständliche in einem Raum des Vertrauens mitteilen und den Eisernen Vorhang durchlässig halten. Er wollte die westeuropäischen Kirchen dazu bewegen, die Brücken zu Russland nicht völlig abzubrechen, und alternative Wege der Verbundenheit etablieren. Seine Antwort auf den Brief des Präsidenten von COMECE (Kommission der Katholischen Bischofskonferenzen der Europäischen Union), Kardinal Jean-Claude Hollerich, an Patriarch Kyrill vom 8. März 2022 (www.comece.eu/eu-bishops-president-appeals-on-moscow-patriarch-Kyrill-intercede-with-russia-to-stop-the-war-in-ukraine/). beschreibt präzise dieses Ringen: „Die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland sind in eine Sackgasse geraten. Das hat zum Verlust des gegenseitigen Vertrauens und der Fähigkeit, aufeinander zu hören, geführt. In dieser Situation ist es wichtig, auf die Rhetorik des Ultimatums zu verzichten, Kanäle des Dialogs zu schaffen und offizielle und inoffizielle Verhandlungen zu organisieren, die zu einem gerechten Frieden beitragen können. Als Christen sind wir aufgerufen, diese Sache durch unser Gebet und unsere Arbeit zu fördern“ (www.comece.eu/war-in-ukraine-metropolitan-hilarions-response-to-comece-letter-to-moscow-patriarchate-en/).

Tun wir für einen Moment diese Worte einmal nicht als rhetorische Floskeln ab, sondern rechnen wir – und sei es rein hypothetisch – einmal damit, sie könnten ernst gemeint sein. In den Worten von Bonhoeffer und Bulgakov gesprochen, bat der Metropolit darum, dass Christen als Christen ein Wagnis eingehen und mit ihm in das „Joch der Geschichte“ eintreten, die Last der Geschichte in demütigender Nüchternheit auf sich nehmen, darin eingeschlossen die Möglichkeit des Scheiterns. Eine Reise in die Schweiz, unter anderem zu einem Treffen mit dem Präsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), endete am 28. März 2022 am Genfer Flughafen, wo Metropolit Hilarion wie ein illegaler Migrant ausgeschafft wurde, weil ein europäisches Land – ohne sein Wissen – sein Schengen-Visum blockiert hatte. Wer hat auch nur annähernd so viel Zeit, Kraft, Initiativen auf sich genommen wie der Metropolit, um aus dem Westen reale Gespräche mit Russland zu führen? Wer war bereit, Räume des Vertrauens zu suchen und zu schaffen, auch wenn darin eine massive Spannung der Fremdheit auszuhalten ist?

Man muss klar zugeben: Metropolit Hilarion erbittet das Unmögliche. Es gibt in der jetzigen Situation des menschenverachtenden Angriffskrieges keinen Grund und keinen Raum des Vertrauens gegenüber dem russischen Staat mehr. Ein naives Vertrauen hat vielleicht gar den Krieg Russlands begünstigt. Vertrauen ist ein seltenes, kostbares, unbezahlbares Gut geworden. Politisch können Räume des Vertrauens wohl erst nach einer klaren Verurteilung und Beendigung des Angriffs- und Vernichtungskrieges neu gesucht und gestaltet werden. Es braucht Jahre, vielleicht Generationen, um zerbrochenes und missbrauchtes Vertrauen wieder aufzubauen. Politische Verhandlungen gehen nicht aufgrund von Vertrauen, sondern aus diplomatischen Gründen weiter, um die größtmögliche Eindämmung des Schadens zu erreichen. Hilarion spricht nicht als Politiker zu Politikern. Er spricht als Christ zu Christen. Wozu er aufruft, kann nicht eingefordert, sondern nur tastend gewagt und geschenkt werden.

Papst Franziskus und das „Wir“

Papst Franziskus ist diejenige Stimme der katholischen Kirche, die in einem erheblichen Ausmaß das „Wir“ gegenüber Russland aufrechterhalten hat. Es ist kein naives Wir, das alles rechtfertigt und verzeiht, sondern zunächst das zutiefst christliche Wir des gemeinsamen Sündenbekenntnisses: „„Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, atmeten alle auf: Nie wieder Krieg! … Siebzig Jahre später haben wir das alles vergessen … Das Modell des Krieges hat sich wieder durchgesetzt … Wir sind in Kriege verliebt, in den Geist von Kain. Nicht zufällig steht am Anfang der Bibel dieses Problem: Kains Geist des Tötens anstelle des Geistes des Friedens … Ich bin traurig. Wir lernen nicht. Möge der Herr uns gnädig sein, uns allen. Wir sind alle schuldig!“ (www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-04/papst-franziskus-reise-malta-pk-ukraine-krieg-putin-russland.html).

Papst Franziskus verurteilt energisch den Krieg, hat aber bislang keine Verurteilung von Putin oder gar von ganz Russland ausgesprochen. Als er am 25. Februar 2022, dem Tag nach Kriegsausbruch, zur russischen Botschaft nahe des Vatikan ging, tat er dies nicht, um zu protestieren, sondern um sich aus erster Hand über die Vorgänge zu informieren. Hätte er einen politischen Protest signalisieren wollen, hätte er den Botschafter einbestellen können. Die Video-Konferenz zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill, in Anwesenheit von Kardinal Kurt Koch und Metropolit Hilarion am 17. März 2022, war geleitet von dem Bemühen, eine Brücke des Gesprächs zu erhalten. Die Form dieses Gesprächs war bereits der Grenzwert „öffentlicher“ Bemühungen nach weniger als einem Monat des Kriegsgeschehens. Die vereinbarten Communiqués blieben diskret. Westliche Stimmen warfen umgehend dem Papst vor, er habe sich durch den russischen Patriarchen funktionalisieren lassen. Dann gab Papst Franziskus in einem Interview mit dem „Corriere della sera“ am 2. Mai 2022 Einzelheiten aus dem Gespräch preis: Der Patriarch habe ihm zu Beginn des Gesprächs 20 Minuten lang die „Gründe des Krieges“ erklärt. „Ich habe ihm zugehört und gesagt: ‚Davon verstehe ich überhaupt nichts. Bruder, wir sind keine Staatskleriker und dürfen nicht die Sprache der Politik, sondern müssen die Sprache Jesu sprechen. Wir sind Hirten desselben heiligen Volkes Gottes. Deshalb müssen wir nach Wegen des Friedens suchen und die Waffen stoppen‘. Der Patriarch kann sich nicht zum Messdiener Putins machen“ (www.corriere.it/cronache/22_maggio_03/pope-francis-putin-e713a1de-cad0-11ec-84d1-341c28840c78.shtml; deutsche Fassung in „Vatican News“: www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-05/papst-franziskus-interview-putin-corriere-della-sera.html).

Das Departement für kirchliche Außenbeziehungen unter Leitung von Metropolit Hilarion sah sich zu einer Stellungnahme genötigt, die keine Rezeption im Westen fand und daher hier dokumentiert wird:

„Es ist bedauerlich, dass Papst Franziskus anderthalb Monate nach seinem Gespräch mit Patriarch Kyrill einen unangemessenen Ton wählte, um den Inhalt dieses Gesprächs zu vermitteln. Solche Äußerungen dürften kaum zu einem konstruktiven Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und der russisch-orthodoxen Kirche beitragen, der gerade in diesen Zeiten notwendig ist. […] Natürlich leben wir in anderen Informationsfeldern: Die westlichen Medien haben über einige der Fakten, auf die ich Sie aufmerksam machen möchte, nicht oder kaum berichtet. Patriarch Kyrill wies ferner darauf hin, dass der Konflikt im Jahr 2014 mit den Ereignissen auf dem Maidan in Kiew begann, die zum Wechsel der ukrainischen Regierung führten. Er wies insbesondere auf die Ereignisse in Odessa und deren Folgen hin: ‚In dieser Stadt gab es eine friedliche Kundgebung russischsprachiger Einwohner, die ihr Recht auf die Verwendung ihrer Muttersprache und Kultur verteidigten. Diese friedliche Versammlung wurde von Vertretern der Nazigruppen angegriffen: Sie begannen, mit Stöcken auf die Demonstranten einzuschlagen. Die Menschen begannen, im nahe gelegenen Gewerkschaftshaus Zuflucht zu suchen. Zu diesem Zeitpunkt geschah etwas Schreckliches: Das Gebäude wurde verschlossen und dann in Brand gesetzt. Die Menschen versuchten zu entkommen, indem sie aus dem zweiten oder dritten Stockwerk sprangen und natürlich abstürzten. Diejenigen, die zu den Fenstern kamen und sich nicht trauten, hinauszuspringen, wurden von unten erschossen. Wir haben das alles praktisch live im Fernsehen verfolgt. Diese erschreckende Lektion aus Odessa beeinflusste die Entscheidung der Menschen im Südosten der Ukraine, ihre Rechte zu verteidigen.‘ Patriarch Kyrill erinnerte daran, dass Russland am Ende der Sowjetära zugesichert wurde, dass sich die NATO keinen Zentimeter nach Osten bewegen würde. Dieses Versprechen wurde jedoch gebrochen, und auch die ehemaligen baltischen Sowjetrepubliken traten der NATO bei. Daraus ergibt sich eine äußerst gefährliche Situation: Die Grenzen der NATO verlaufen nur 130 Kilometer von St. Petersburg entfernt, die Flugzeit der Raketen beträgt nur wenige Minuten. Wäre die Ukraine in die NATO aufgenommen worden, würde die Flugzeit nach Moskau ebenfalls nur wenige Minuten betragen. Russland konnte und durfte dies auf keinen Fall zulassen. Abschließend betonte der Patriarch: ‚Natürlich ist diese Situation für mich mit großen Schmerzen verbunden. Meine Herde befindet sich auf beiden Seiten der Konfrontation, es sind überwiegend orthodoxe Menschen. Ein Teil der Menschen, die sich in Konfrontation befinden, gehört zu Ihrer Herde. Deshalb möchte ich, unabhängig von der Geopolitik, die Frage stellen, wie wir und unsere Kirchen den Stand der Dinge beeinflussen können. Wie können wir zur Befriedung der Kriegsparteien beitragen, mit dem einzigen Ziel, Frieden und Gerechtigkeit zu fördern? Unter den gegenwärtigen Umständen ist es sehr wichtig, eine weitere Eskalation zu vermeiden.‘ Die Antwort von Papst Franziskus wurde vom Vatican News Service in einem Bericht vom 16. März korrekt wiedergegeben“ (mospat.ru/news/89214/; auch in diesem Falle wurde die von Peter Anderson am 7. Mai 2022 noch zitierte englische Fassung des Textes inzwischen von der Website des Departements für kirchliche Außenbeziehungen getilgt).

In den Äußerungen des Patriarchen sind echte Erfahrungen und echte Besorgnisse benannt, auch wenn diese in keiner Weise einen Krieg legitimieren. Wo kann man gemeinsam auf diese Erfahrungen hören und nach Auswegen suchen?

Zurück zu Metropolit Hilarion

Metropolit Hilarion ist kein „Dissident“, wie der Westen sie gerne hat und herumreicht, um das eigene Weltbild nicht hinterfragen zu müssen. Selbst echte Dissidenten haben für diese Attitüde eher ironischen Spott bereit (vgl. Alexander Sinowjew, Homo Sovieticus, Zürich 1987). Er ist und bleibt ein Metropolit der Russischen Orthodoxen Kirche mit dem Ziel, der Weihe seines Lebens zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen treu zu bleiben. Er ist und bleibt als Hierarch den kirchlichen Regeln unterworfen und kann auch außerhalb Russlands nicht alles sagen und tun. Viel wäre zu berichten über seine unerhörten Leistungen auf dem Gebiet der Theologie, der Musik, der Publizistik, der Dokumentarfilme, der Glaubensunterweisung für breite kirchliche Kreise. Bis zu seinem Exil hat er darauf bestanden, trotz seiner hohen Ämter „Pfarrer“ einer Ortsgemeinde in Moskau zu sein, und dort nicht zuletzt die sehr aktive Jugendbewegung unterstützt. Er verschweigt nicht, dass er sich um gute Beziehungen zum Staat bemüht hat. Nur auf diese Weise ist es z.B. möglich geworden, die Anerkennung der Theologie als staatliches Unterrichtsfach an Universitäten zu erzielen – ein Schritt, der sogar über die Wiederherstellung der Situation vor der Russischen Revolution hinausgeht, weil damals die Theologie als „bogoslovie“ auf kirchliche Akademien und Seminare beschränkt war (vgl. www.unifr.ch/orthodoxia/de/news/news/20291/bogoslovie-oder-teologia-tagungen-und-begegnungen-in-moskau).

Metropolit Hilarion hat letztlich keine Wandlung in seinen Ansichten und seiner Zielsetzung vollzogen, sondern eine Anpassung der gewählten Methoden an die Umstände – und musste damit die Entscheidung des 7. Juni in Kauf nehmen. Die Zeit der öffentlichen Verhandlungen in offizieller Rolle vor öffentlichen Medien ist offenbar an ihr Ende gekommen. Insofern habe ich Verständnis für die Position von Kardinal Kurt Koch, der ein weiteres Treffen zwischen Papst und Patriarch während der Fortdauer des Krieges ausschließt: „Würde eine erneute Begegnung von Papst und Patriarch in einem Moment stattfinden, in dem noch immer kriegerische Handlungen erfolgen und Patriarch Kyrill an seiner unhaltbaren Rechtfertigung des Krieges festhalten würde, wäre sie schwerwiegenden Missverständnissen ausgesetzt. Denn sie könnte als Unterstützung der Position des Patriarchen durch den Papst missverstanden werden, was den Papst in seiner moralischen Autorität arg beschädigen würde.“ (www.die-tagespost.de/kirche/aktuell/kardinal-koch-kritisiert-patriarch-kyrill-art-229928). Vielleicht liegt die Tragik weit tiefer: Unsere heutige Welt absoluter medialer Transparenz macht jegliche andere Kommunikationsform unmöglich – oder bedeutungslos – oder verdächtig. So bietet das „System“ eine entlastende Dispens, eine alternative Kommunikation ohnehin nicht suchen zu können und folglich auch nicht suchen zu müssen. Die Bitte des Metropoliten um Vertrauen und um alternative Räume des Hörens aufeinander hat jedenfalls keine Resonanz gefunden.

Vielleicht ist jetzt tatsächlich vorrangig die Zeit der humanitären Hilfe, die in so selbstloser Weise in Ost und West geleistet wird und den Vorrang der Menschenschicksale vor den Ideenkämpfen unter Beweis stellt. Doch Christen sollten spüren, dass die Spirale der Gewalt sich trotz aller berechtigten Verteidigung nicht allein durch noch mehr Waffenproduktion, Waffenlieferung und Waffeneinsatz überwinden lässt. Hier hat der Metropolit in der Sendung des ORF mahnende Worte gefunden: „Jetzt gibt es zwei Informationsräume. Die eine Version der Ereignisse hören wir in Russland, eine völlig andere Version hören die Menschen im Westen. Ich glaube, die beiden Seiten des Konflikts müssen eine Möglichkeit finden, einander zu hören. Wenn sie einander nicht hören, und das ist derzeit der Fall, dann wird sich der Konflikt nicht nur vertiefen, sondern er kann auch zu einem globalen Konflikt werden. Denn unsere Welt hat sich in ein Pulverfass verwandelt“ (religion.orf.at/tv/stories/3213260/). Treffen wird es dann nicht Amerika, sondern zunächst Europa.

Was auch immer geschieht, die Russische Orthodoxe Kirche wird durch eine Erschütterung hindurchgehen, vergleichbar mit der Vernichtung unter dem Sowjetregime. Ab sofort wird es Menschen brauchen, die in Ost und West den äußeren und inneren Aufbau mittragen und eine gemeinsame Zukunft gestalten, eine Politik auf der Grundlage und im Dienst des mühsam neu errungenen Vertrauens. Wir haben nicht zu viel miteinander gesprochen, sondern bei weitem viel zu wenig. Was kommt, wird etwas Neues sein, etwas aus menschlicher Perspektive Unmögliches, das nur in der Kraft des Glaubens und des Geistes Gottes Gestalt gewinnen kann. Hoffen wir, dass die prophetischen Worte von Metropolit Meletij, die ganz dem Geist von Metropolit Hilarion entsprechen, sich durch unser Gebet und unseren Einsatz bewahrheiten werden: „Ich wünsche mir eine Aussöhnung zwischen unseren Völkern und Staaten nach dem Ende des Krieges. Heute erscheint es unrealistisch, so wie die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen, zwischen Deutschen und Franzosen nach dem Zweiten Weltkrieg unrealistisch erschien. Diese Versöhnung fand jedoch statt. Und das geschah übrigens unter aktiver Beteiligung der christlichen Konfessionen dieser Länder. Ich hoffe, dass die Zeit kommt, in der es zwischen unseren Völkern zu derselben Versöhnung kommt“ (news.church.ua/2022/06/30/mitropolit-cherniveckij-i-bukovinskij-meletij-migraciya-ce-pastirskij-viklik-dlya-cerkvi/).

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