AdventszeitDie Sehnsucht wachhalten

Sehet, die erste Kerze brennt: Der Advent kommt mal zu früh, mal zu spät und ist oft stressig. Dabei ist er doch die schönste Zeit im Jahr.

Annika Schmitz
Annika Schmitz, Redakteurin der "Herder Korrespondenz"© Elisabeth Steffe

Einer der großen Skandale unserer Zeit ereignet sich offenbar jedes Jahr im September. Dann nämlich fahren die Supermärkte Lebkuchen und Spekulatius, Dominosteine und Weihnachtsmänner mit Schokoladenmantel auf. Die Weihnachtsmärkte öffnen immer früher, die Lichterketten zieren schon im November die Straßen. Und man kann die Uhr danach stellen, dass Vertreter des christlichen Abendlandes sich ob dieser Unsitte echauffieren: Weiß denn niemand mehr, wann die rechte Zeit ist?

Die Gegenfrage sei gestattet: Was ist denn so dramatisch daran, wenn Menschen in diesen nicht nur jahreszeitlich, sondern auch weltpolitisch bedingten dunklen Zeiten ein paar Tage mehr ihrem Bedürfnis nach Wärme, Licht und Geborgenheit nachgehen? Natürlich ist das Weihnachtsfest längst durch und durch kommerzialisiert; das mag man durchaus kritisieren. Was Christinnen und Christen aber doch gerade angesichts des eigenen Bedeutungsverlusts freuen sollte: dass die Botschaft von Weihnachten – das Versprechen, dass es die Hoffnung auf Gutes, auf Heil im Dunkel gibt – Menschen weiterhin erreicht. Viele finden sie nicht mehr in der Kirche, sondern am Glühweinstand oder im Kreis von Freunden und Familie. Sei’s drum! Wo Sehnsucht nach dem ganz Anderen da ist, sollten wir sie wachhalten – auch wenn sie nicht immer in unser zeitliches Konzept passt.

Lernen ließe sich dabei etwa von Kirchenchören. Die sind nämlich chronisch zu früh dran –  im Januar beginnen die Proben für die Passionen, zu Ostern steht das Einstudieren der Pfingstvesper auf dem Programm und schon vor Beginn der Herbstferien erklingen Passagen aus mehrstimmigen Adventsliedsätzen und Bachs Weihnachtsoratorium. Der Freude an der Musik und ihrer Kunde tut das keinen Abbruch. Allenfalls singt man die Bachschen Kantaten und Fugen im Dezember dann nicht mehr vom Notenblatt, sondern auswendig. Manchmal braucht gute Vorbereitung eben länger als vier Wochen.

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