Europäische UnionEU-Reisefreiheit für Kosovaren

Seit Beginn des Jahres dürfen Kosovaren ohne Visum in die EU einreisen. Ministerpräsident Albin Kurti fordert seine Landsleute auf, die rechtliche Lockerung nicht zu missbrauchen.

Pristina
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Wenn in Pristina, der Hauptstadt des Kosovos, der Ruf des Muezzins ertönt, lassen sich junge Kosovarinnen im Friseursalon aufhübschen. Im Supermarkt kaufen die Kunden Wein und Bier. Und auch sonst scheint das weltliche Leben in der überwiegend muslimischen Gesellschaft seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Das südosteuropäische Land ist stolz auf seinen liberalen Islam. Den können laut Experten weder Fundamentalisten noch ausländische Geldgeber erschüttern.

Zu Jahresbeginn rückten der Kosovo und Westeuropa erneut enger zusammen: Erstmals dürfen die Kosovaren ohne Visum in den Schengenraum einreisen und bis zu 90 Tage bleiben. „Es ist eine Einladung, Europa zu erkunden: Wir wollen euch besser kennenlernen und wir wollen, dass ihr uns besser kennenlernt", sagte EU-Botschafter Tomas Szunyog in Pristina.

Sein Job gleicht einer paneuropäischen Lobbyarbeit, denn bisher machte man im Westen eher einseitige Erfahrungen mit Kosovaren: Hunderttausende von ihnen verließen in den vergangenen Jahren ihre Heimat, um in Deutschland, Österreich und der Schweiz Arbeit zu finden. Die verbliebene 1,8-Millionen-Bevölkerung gilt als eine der jüngsten des Kontinents. Mehr als die Hälfte sind unter 30, ein Drittel jünger als 18. Mit Blick auf den anhaltenden „Braindrain", das Abwandern von Fachkräften etwa aus Pflege und Handwerk rief Ministerpräsident Albin Kurti seine Landsleute dazu auf, die neue Reisefreiheit nicht für die Jobsuche zu missbrauchen.

Kommen Kosovaren also künftig als Touristen? Sicher ist: Seit langem tragen sie Europa im Herzen. Anders als der große Nachbar Serbien blickt Pristina politisch, gesellschaftlich und ökonomisch nicht nach China und Russland, sondern Richtung Nato und EU. „Umfragen haben gezeigt, dass 90 Prozent der Bevölkerung die EU als Vorbild sehen. Als Russland beschloss, in der Ukraine einzumarschieren, nahmen Kosovos Anführer sofort die EU-Position ein und beschlossen sogar, Sanktionen gegen Russland mitzutragen", sagt Szunyog. „Hier ist man stolz auf seine europäischen Werte."

Das spiegelt sich auch in der Mehrheitsreligion wider. Etwa 96 Prozent der Kosovaren sind Muslime. Trotzdem steht Alkohol in den Supermarktregalen, Schweinefleisch auf den Speisekarten vieler Restaurants. Hidschab oder Kopftuch sieht man nur gelegentlich auf den Straßen. Wer seinen Glauben wie und zu welcher Zeit ausübt - darüber wird selten gesprochen. Das Gleiche gilt für andere Länder des Westbalkans, etwa Bosnien und Herzegowina.

Allerdings könnte sich das Gesicht des europäischen Islams in den nächsten Jahren verändern. Seit Jahrhunderten ist der Balkan eine Spielwiese der Großmächte. Neben Europa, USA, China und Russland spielen zunehmend auch die Türkei und die Golfstaaten mit. Das tun sie in erster Linie durch ihre „Soft Power", wozu Direktflüge zwischen Dubai und Sarajevo ebenso zählen wie der Bau von Moscheen und Schulen. Doch wie schwer wiegt der kulturelle Rucksack, den Geldgeber und Handelspartner mitbringen?

Skender Perteshi ist Sicherheitsexperte in Pristina. Er attestiert seinen Landsleuten eine hohe „Widerstandsfähigkeit" gegen religiösen Fundamentalismus: „Man versucht zwar, Einfluss auf die Art und Weise zu nehmen, wie wir Religion ausüben. Doch es gelingt nicht, uns als Albaner und Kosovaren in unserer Glaubenspraxis zu ändern." Zu weit fortgeschritten sei die europäische Integration, zu groß die Werte, die man über Jahrhunderte aufgebaut habe. „Das kann man nicht so leicht beeinflussen, auch nicht mit Geld", meint Perteshi.

Eine größere Gefahr geht seiner Meinung nach von Fundamentalisten aus, die in Kosovos Politik und Medien sitzen. Viele ausländische terroristische Kämpfer in Syrien und dem Irak stammten laut dem jüngsten Terrorismus-Bericht der EU-Polizeibehörde Europol aus Westbalkan-Staaten, darunter dem Kosovo. Ihre Rückkehr bleibe eine "große Herausforderung für die Sicherheit" der Region, so Europol.

Dass Dschihadisten eine Hürde für Kosovos EU-Beitritt darstellen könnten, glaubt Perteshi nicht; denn sie stünden unter der Aufsicht eines gut funktionierenden staatlichen Sicherheitsapparates. Das weit größere Hindernis sei der Streit mit dem Nachbarn Serbien. Belgrad betrachtet den Kosovo trotz Ausrufung seiner Unabhängigkeit im Jahr 2008 nach wie vor als serbisches Territorium. Brüssel indes pocht auf eine Normalisierung der Beziehungen. Bis zum Beitritt der beiden Länder könnten deshalb noch Jahre vergehen. In ihren Köpfen aber sind viele Kosovaren längst in Europa angekommen.

Von Markus Schönherr
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