Begegnungen. Rainer Maria Schießler im GesprächVoller Hoffnung für die Zukunft

Er scheut die Medien nicht, formuliert provokant und hält Leutseligkeit für eine christliche Tugend. Er bedient aushilfsweise in einem Oktoberfestzelt und wurde durch unkonventionelle Gottesdienste bekannt. Mit Rudolf Walter sprach Rainer Maria Schießler über die Situation der Kirche heute.

Begegnung mit Rainer Maria Schießler: Voller Hoffnung für die Zukunft
Rainer Maria Schießler, seit 1993 Pfarrer der Pfarrei St. Maximilian, München, Bestsellerautor.© privat

einfach leben: Anders als damals, als Sie vor über 25 Jahren Priester wurden, ist Kirche heute vielfach in einer prekären Situation. Ist es „5 nach 12“?
Rainer Maria Schießler: Für die Kirche ist immer „höchste Zeit“, sie war immer schon am Limit. Aber ihre Botschaft hat kein Ablaufdatum. Sie bekommt alle Veränderungen „live“ mit, ist Teil davon, gestaltet sie auch mit. Wachsamkeit ist von ihr gefordert, und Aufmerksamkeit für die Zeichen der Zeit.

Aber mit der Zeit hat sich auch die Lage der Kirche dramatisch geändert. Nehmen wir das Stichwort Priestermangel.
Da hat die Würzburger Synode in den 1970er Jahren doch schon Perspektiven gezeigt, wie damit umzugehen wäre. Diese Vorschläge fielen mehr oder weniger unter den Tisch. Aber nicht Amtsträger sind die Zukunft der Kirche, sondern das Gottesvolk, die „Laien“. Sie sind die Kirche. Wie viele Ämter gibt es für Nichtgeweihte! Also: Nicht klagen über fehlende Berufungen, sondern die Berufenen wahrnehmen, die es zuhauf gibt.

Warum tun sich vor allem junge Menschen so schwer mit der Kirche?
Stimmt das denn? Wenn ich mit Jugendlichen nach Taizé fahre, sitzen die bis zu acht Stunden in der Église de la Reconciliation, beten, meditieren, schweigen, singen. Zuhause gehen die nicht in die Kirche. Warum? Wir müssen unsere Methoden ändern. Wenn ich mit Firmlingen über das theologische Thema Ökumene rede, schauen die mich an wie ein Auto: Das interessiert die nicht. Wir haben den Satz gelernt, die Leute dort abzuholen, wo sie stehen. In Klammern war gemeint: und sie ins nächste Hochamt führen. Diese Klammer sollten wir streichen. Wir müssen Jugendlichen zuhören.

Welche Fragen interessieren die Jugendlichen?
Ganz andere, Existenzfragen: Habe ich eine Zukunft in dieser Gesellschaft? Werde ich etwas tun können, was Erfüllung und Sinn gibt? Oder ökologische Themen. Die Frage nach dem Krieg, und wie man Elend verhindert: Wieso stehen Milliarden Christen nicht dagegen auf, dass aktuell 27 Millionen Menschen vor dem Hungertod stehen? Sie fragen nach der zähen Unbeweglichkeit der Menschen. Mit Drohungen und moralischen Apellen, mit der Verkündigung ewiger Wahrheiten ist da nichts zu holen. Never! Kirche sollte Freiraum eröffnen: für Fragen, Suchbewegungen, Sehnsüchte. Der Missionsbefehl heißt nicht: „Geht zu denen, die fromm sind!“ Ich muss zu den anderen gehen. Mich auf sie einlassen. Erlöst und befreit zu sein, das ist das Kennzeichen der Getauften. Sieht man uns die Erlösung an?

Sie sagen: Die größte Sünde ist das ungelebte Leben. Und bekennen sich zu Reduktion und Einfachheit:
Einfaches Leben, einfach leben – ist das die Maxime? Vorgestern hatten wir einen Abwasserrohrbruch im Büro, und ich habe selbstverständlich zusammen mit dem Hausmeister zwei Stunden lang Scheiße aufgeputzt. Und natürlich interessiere ich mich auch für ganz banale Angelegenheiten meiner Putzfrau. „Sein Leben leben“ heißt: mich auch in solchen Momenten als der erfahren, der ich sein will und sein kann. Ich brauche nicht viele Dinge. Ich habe einen schwarzen und einen dunkelblauen An zug, und die können reichen bis zu meiner Beerdigung.

Gelebtes Leben, Einfachheit – verbindet sich das auch mit spirituellen Erfahrungen?
Zum Beispiel mit Taizé. Ein Ort, der mich schon als Jugendlicher auch wegen seiner Einfachheit immer angezogen hat. Gerade am Anfang war das dort noch voller Kargheit, auch voller Schmutz und Dreck. Aber es war aber ein Ort der Begeisterung, der unbeschwerten Hoffnung, der Offenheit – des anderen Lebens. Ich bin als 18-Jähriger zum ersten Mal hingekommen, völlig ahnungslos, nur verliebt in ein Mädchen, das sich da angemeldet hatte. Aus der erhofften Schmusewoche wurde nichts. Ich war wie vom Blitz getroffen: von der Freiheit dort, von der Selbständigkeit, der Art und Weise des miteinander Betens, ohne Formeln. Auch vom Mut zur Stille. Den Geist von Taizé drückte sich für mich aus in dem Satz: „Du bist wertvoll!“ Das ist die Botschaft des Evangeliums. Es war ein Geist der Bestimmtheit, ohne geistliche Gewalt oder Indoktrination. Taizé war für mich wie der Startschuss eines Marathonlaufs. Diesen Geist wollte ich mir bewahren. Auch Interkommunion war dort übrigens kein Problem. In den 70er Jahren!

Wie haben Sie diesen Geist in ihre Arbeit übernehmen können?
Natürlich praktizieren wir in unserer Gemeinde auch Ökumene. Natürlich gehen bei uns auch Evangelische zur Kommunion. Der Impuls von Taizé wirkt auch, indem ich den Firmlingen etwa die Freiheit auf ihrem Glaubensweg lasse. Es gibt keine Schablone der Schuld, keine Schablone des Erfolgs, keinen Knopfdruck. Frère Roger Schutz – er war Gründer und erster Prior der ökumenischen Bruderschaft von Taizé – sagte damals: „Ihr müsst nicht alles können, aber was ihr tut, tut mit Leib und Seele, mit ganzer Hingabe, und wenn es noch so wenig ist.“ Das gilt nicht nur für junge Leute. In meine Kirche kommt jeden Tag – außer am Sonntag – ein älterer Mann mit seinem Hund. Er sitzt dann da, in einer der letzten Bänke, neben ihm der Hund, ein schöner ungarischer Hirtenhund. Als ich ihn fragte: „Ich möchte nur wissen, wer von euch beiden der frömmere ist?“, da zeigte er auf den Hund. Nach einem Schlaganfall war er längere Zeit nicht da. Ich habe ihn einmal gefragt: „Was machen Sie hier eigentlich?“ Da hat er nach vorne gezeigt, auf den Tabernakel: „Er ist da, und ich bin da.“ Der war nie in Taizé. Aber er hat es begriffen.

Was ist Stille für Sie persönlich?
Ganz wichtig! Abends, wenn meine Kirche zu ist, bin ich drüben. Ich brauche die absolute Stille in diesem Raum. Da erfahre ich mich selber. Erst dann kann ich auch die Komplet aus dem Brevier beten.

Es war zu lesen, dass Sie auch eine besondere Beziehung zum Oktoberfest haben. Nicht gerade ein Ort der Stille. Sie haben auf der „Wiesn“ zehn Jahre lange als Bedienung gearbeitet. Was gibt ihnen das?
Vor allem: Da sind feiernde Menschen. Das Leben zu feiern, in Gemeinschaft, in Beziehung mit anderen, ist ein Auftrag und unsere tiefste Bestimmung. „Unser Leben sei ein Fest“, heißt es in einem geistlichen Lied. Das erste Zeichen Jesu bei Johannes ist die Hochzeit von Kanaan. Sie brauchten Wein, um weiterzufeiern. Die sind mit Sicherheit nicht nüchtern nach Hause gegangen. Die törichten und klugen Jungfrauen warten auf ihren Herrn, der auf der Rückkehr von einer Hochzeit ist. Warten als Vorfreude: Diese Zeit hier und jetzt vergleicht Jesus mit dem Himmelreich. Wenn die jungen Leute im Zelt ausgelassen getanzt haben, „Sweet home, Alabama“ gesungen haben, dann habe ich mitgefeiert, mitgesungen, mitgetanzt. „Jetzt leben!“, sagte der Priester und Schriftsteller Elmar Gruber. „Für später ist gesorgt!“ Das schönste in unserer Kindheit waren doch auch nicht die Momente, als wir am Heiligen Abend unsere bescheidenden Geschenke ausgepackt haben, sondern die vier Wochen vorher!

Neben Stille und Lebensfreude: Was gibt Ihnen die Kraft, aus der Sie leben?
Menschen! Beim letzten Martinszug in der Münchner Innenstadt bin ich mitgegangen. Neben mir eine Familie. Der Papa trug seinen Buben, sichtbar Trisomie 21, auf den Schultern. Und der Kleine hat sich riesig gefreut. Dieser Vater sagte mir: „Wir wussten es, aber eine Abtreibung wäre für uns nie in Frage gekommen. Wir haben unser Kind unglaublich lieb.“ Dass es solche Menschen gibt, das gibt mir Kraft. Ich kann Gottes Liebe nur in der Nächstenliebe erfahren. Man muss die Menschen mögen. Jesus definiert Gottesliebe über die Nächstenliebe. Natürlich muss man sich auch selber lieben. Auch das gehört zur Gottesliebe und ist Voraussetzung für die Nächstenliebe. Die personale Begegnung mit Gott selbst ist uns verheißen. Die werden wir aber erst in der Auferstehung erleben.

Als Primiziant wollten sie die Zukunft der Kirche auf Ihren Schultern tragen. Und heute?
Immer noch, und bis an mein Ende. Die Zukunft schwarz zu sehen, verbietet das Evangelium. Ich spüre den Priestermangel leibhaftig, mein einziger Mitarbeiter als Priester ist 92. Aber ich weiß, in vielleicht 40 Jahren wird die Kirche wird ein völlig neues Gesicht bekommen. Es wird ein gutes Gesicht sein. Auch in dunklen Jahrhunderten haben immer wieder Menschen die Kirche geprägt, verändert und weitergebracht. Warum sollten wir das nicht schaffen?

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