LebensthemaMuße – sich Zeit nehmen für das Wesentliche

Wer heute Erfolg haben will, meint, er müsse viel leisten und ständig aktiv sein. Und wir neigen dazu, alles zu „verzwecken“. Ob wir unsere Zeit gut genutzt haben, beurteilen wir danach, welche Ergebnisse wir erzielt haben. Wie wäre es, wenn wir uns mehr Zeit für die Muße nähmen? Nach dem Vorbild der antiken Denker, die darin einen fruchtbaren Perspektivenwechsel sahen. Aber Muße ist nicht einfach Nichts-Tun.

Vier Pflanzenkeimlinge.
Pflanzen wachsen lassen, Menschen so sein lassen, wie sie sind. In die Tiefe schauen.© kateleigh - fotolia-com

Zweckfreies Tun

Die Muße war für die Denker der Antike, beispielsweise die Griechen, ein Kennzeichen des freien Menschen, der nicht unter der Sklaverei der Arbeit steht, sondern der sich Zeit lässt, die Wahrheit der Welt zu erkennen und der die Dinge auch sein lassen kann. Aus dieser inneren Freiheit heraus fließt dann durchaus fruchtbare Arbeit. Aber diese hat nicht den Geschmack des Mühseligen und Schweren, des Angestrengten und Angespannten. Heute versucht der arbeitende Mensch den Eindruck zu vermitteln, dass er viel zu tun habe, dass es schwer ist, diese Arbeitsstelle zufriedenstellend auszufüllen und dass es großer Mühe bedarf, jeden Tag den Berg an Arbeit abzutragen. Doch die Griechen und Römer haben durchaus große Werke vollbracht. Wir bewundern heute noch die städtebaulichen Leistungen der Römer. Aber auch die Menschen der Antike glaubten, dass die wahre Arbeit die Muße braucht, damit sie Frucht bringt und das Angestrengte und Angespannte verliert.

Geschehen lassen

Muße meint die Haltung des GeschehenLassens, des Schweigens, der Ruhe. Ich muss die Welt nicht ständig verändern. Ich lasse sie erst einmal so, wie sie ist. Ich bestaune und bewundere sie in ihrer Schönheit. Ich nehme wahr, was sie mir sagen möchte. Ich lasse die Pflanzen wachsen. Ich lasse die Menschen sein, wie sie sind. Ich stehe nicht unter dem Druck, alles um mich herum und vor allem meine Mitmenschen ständig ändern zu müssen. Erst wenn ich sie lassen kann, wie sie sind, entdecke ich, wohin sie sich entwickeln möchten und wie ich ihnen beistehen kann, die zu werden, die sie von ihrem innersten Wesen her sind.

Verstehen durch Kontemplation

In der Stille in mich hineinzuhören, um den stillen Raum in mir zu entdecken – das ist Kontemplation. Aber sie ist auch eine andere Weise, die Dinge zu verstehen. Wir wollen heute alles wissen. Wir häufen immer mehr Informationen an. Die Wissenschaft erforscht alles. Aber oft genug tut sie es verbissen. Sie möchte in alles eindringen. Kontemplation heißt, dass ich das Geheimnis der Dinge erst einmal stehen lasse. Ich bestaune das Geheimnis des Seins. Nur so geht mir die Tiefendimension der Dinge auf. Nur dann erkenne ich das wahre Wesen der Dinge. Der griechischen Philosophie verdanken wir ganz wichtige Einsichten in das Ge heimnis des Menschen. Aber die Erkenntnis derer, die noch die Muße kannten, war frei von Erfolgsorientierung und Leistungsdruck. Weil sie frei waren, ein Ergebnis erzielen zu müssen, konnten sie den Dingen auf den Grund gehen, und so haben sie tiefe Einsichten in das Geheimnis des Lebens und in das Geheimnis Gottes erlangt. Die Muße ist der Ort der „theoria“, der Kontemplation, der Schau des Wesens der Dinge. Nicht vielerlei will ich wissen, sondern das Wesen des Seins erkennen.

Muße ist nicht Müßiggang

SichHängenLassen, Interesselosigkeit, einfach so dahinleben – wer sich dem Müßiggang hingibt, dessen Leben wird nicht gelingen. Er leidet an Unterforderung. Müßiggang meint: Unbeschäftigtsein und letztlich Unbezogensein. Der Müßige hat keine Beziehung zu den Dingen und zu sich selbst. Er kann mit sich selbst nichts anfangen. Psychologen sagen, dass die Beziehungslosigkeit die Krankheit unserer Zeit ist. Einfach nur herumzuhängen, tut der Seele nicht gut. Das nimmt ihre alle Spannkraft. Sie erschlafft und wird träge. Wer aber die Muße genießt, lebt nicht unbewusst. Im Gegenteil, er kostet das Leben aus. Er interessiert sich dafür, wie das Leben gelingt. In seiner Regel beginnt der hl. Benedikt das Kapitel über die tägliche Handarbeit mit dem Satz: „Müßiggang ist ein Feind der Seele. Deshalb sollen sich die Brüder beschäftigen: zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten anderen Stunden mit heiliger Lesung.“ (RB 48,1) Benedikt sieht also Zeiten des Lesens vor. Lesen ist kein Müßiggang, sondern Muße.

Sich selber erkennen

Die Muße ist heilsam für den Menschen. Sie besteht darin, dass der Mensch seine Aktivitäten einmal lässt, um sich selbst zu spüren, um in sich hineinzuhorchen. Was tut sich in seiner Seele? Was möchte da in ihr aufsteigen? Und die Muße besteht darin, die Dinge voller Achtsamkeit anzuschauen. Indem ich die Dinge anschaue, wirken sie auf mich und zeigen mir etwas von dem, was sie ausmacht. Die wahre Erkenntnis, das tiefere Schauen in das Wesen der Dinge, braucht diese Muße. Und diese Erkenntnis ist auch ein Segen für die Welt. Ich zerstöre mit meinem Wissen die Welt nicht. Ich nehme sie wahr. Und sie zeigt sich mir. Und im Spiegel der Welt erkenne ich mich selbst. Und nur wenn ich mich selbst erkenne, werde ich gut mit der Welt umgehen.

Ein Segen für die Welt

Was die Griechen und Römer mit der Muße wollten und übten, das täte uns in unserer unruhigen Zeit gut. Wir müssen nicht alle Informationen kennen, die das Internet uns zur Verfügung stellt. Es geht darum, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und dazu braucht es Zeit. Die absichtslose Zeit – so haben es die griechischen Philosophen erfahren – führt oft zu tieferen und fruchtbareren Erkenntnissen als das unruhige Forschen. Es geht nicht darum, viel zu wissen. Wissen kommt ja eigentlich von „vidi = ich habe gesehen“. Es geht nicht darum, viele Dinge zu sehen oder alles zu sehen, was es in der Welt gibt, sondern darum, tiefer zu sehen. Dann wird meine Erkenntnis zum Segen für mich und für die Welt.

Anzeige: Anselm Grün - Was mein Leben leichter macht
Hefte

einfach leben im Abo

In einfach leben finden Sie spirituelle Impulse und Tipps zu wichtigen Lebensthemen. Ein idealer Haltepunkt, um dem beschleunigten Alltag zu entfliehen und sich auf die wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren. 

Zum Kennenlernen: 2 Ausgaben gratis

Jetzt gratis testen