Unsere Wirklichkeit ist durchlässigBei Louise Erdrich tun sich Wunder auf

Die mit dem angesehensten Literaturpreis ihres Landes ausgezeichnete Schriftstellerin kreuzt auf bemerkenswerte Weise religiöse Überzeugungen von Indigenen und Katholiken. Im innersten Kern geht es dabei um die Wachheit eines Bewusstseins gegen angeblich un-veränderbar Vorhandenes. Mit dessen Aufsprengung aber ist allemal zu rechnen.

Louise Erdrich
© Paul Emmel 2014

I.

Am 7. Juni wird eine faszinierende Exponentin gegenwärtiger Weltliteratur 70: die Amerikanerin Louise Erdrich. Tochter eines deutschen Einwanderers ist sie und Enkelin eines Häuptlings der in North Dakota ansässigen Chippewa. Dem Panorama ihrer Romane, 16 bisher an der Zahl, verleiht diese Herkunftsgeschichte sein Gepräge. Indem sie die Lebenswelt an den Rand gedrängter Ethnien vergegenwärtigen, bewegen viele sich mit wiederkehrendem Personal entlang zurückreichender Familiengeflechte. Zur großen Leserschaft, welche gern dort verweilt, zähle ich, mit Empfehlungen, es mir doch gleich zu tun, schon seit geraumer Zeit.

II.

Bei dem kunstvoll dargebotenen Werk solcher Grenzgänge auffallend präsent erscheint die der Autorin von früh an vertraute Sphäre des Katholischen. So mag es geschehen, dass wir uns – den Roman Der Gott am Ende der Straße (2017) beliebig herausgreifend – im Netz dazu gehöriger Bezüge wiederfinden. Gebetspraktiken sind dort einverwoben, gottesdienstliche Rituale, verschiedene Zeichen der Devotion obendrein. Biblische Zitate fehlen ebenso wenig wie solche außerkanonisch gebliebener Schriften. Alte und neue Mystiker werden gelesen (Johannes vom Kreuz und Thomas Merton), profilierte religiöse Denker erwähnt (Las Casas, Teilhard de Chardin oder Simone Weil). Von "befreiungstheologischen Katholiken" vermag die Rede zu sein. Auch Sympathien für den amtierenden Papst scheinen durch.

All dies steckt offensichtlich weit mehr als nur ein exotisch zusammengeflicktes Unterfutter der Handlung ab. Wie en passant deutet mancher Satz darauf hin: vom Bedürfnis des Glaubens "an einen gefolterten Gott" etwa, "der sich an die Seite der Bedrängten stellt" – weshalb umgekehrt auch wir den Willen haben sollten, "das Leid unserer Mitmenschen auf uns zu nehmen" –, bis hin zu der flapsig anrührenden Feststellung: "Meine Kirche ist kein Ort der Geretteten, sondern der Verlorenen." Metaphysisch gemeint ist dies nicht.

III.

Des öfteren mutet der fortgeschriebene Umgang mit Katholischem zähneknirschend an. Zum Kratzbaum gerät es dann und bietet Anlass für teils bittere, teils übermütige Dekonstruktionen. Durchaus verschiedene seiner Gesichter freilich treten in Louise Erdrichs Figuren zutage. Sie selbst pendelt wohl zwischen frömmigkeitspraktischer Verbundenheit und Ablehnung von Elementen der Lehre: ein Gemenge, das heute keineswegs selten vorkommt.

IV.

Für ungleich spannender als das bloße Vorhandensein bestimmter Einzelmotive halte ich in diesen Texten etwas anderes. Gepaart teils mit indigener Spiritualität stützt katholische Gläubigkeit mit ihrem ursprünglichen Sinn für das Übernatürliche ein Bewusstsein von der möglichen Verflüssigung äußerer Wirklichkeit, die weder für immer festgelegt, noch ohne Ritzen, Luken oder Ausgänge ist. Schon in den deutschen Titeln ihrer Bücher kündigt es sich an: Liebeszauber heißen sie etwa, Die Wunder von Little No Horse, oder Das Jahr der Wunder.

Tatsächlich geschieht viel Unerklärliches bei dieser Autorin. Im Unterschied zu bloß Halluziniert-Mirakulösem, das von ihr manchmal bespielt wird, vermögen andere "Wunder" dafür zu sensibilisieren, dass hinter der äußeren eine unbekannte Welt vorhanden ist, welche durch die unsrige (und in ihr) augenblicksweise aufblitzt. Mit einer griffigen Opposition: das "Offensichtliche" eines "Ungesehenen". Hat gar "jede Erscheinung auf Erden Geister" zur Grundlage, wie Indigene annehmen? Eine den Menschen übersteigende Wesenheit also? Auch wenn der Versuch, das sich den Begriffen Entziehende begreifen zu wollen, zwangsläufig mentale wie verbale Dissoziationen nach sich zieht?

Doch "außerhalb der realen menschlichen Erfahrung", verweist uns die Lektüre ins Paradox, gebe es "eine Sprache oder auch eine Vorform der Sprache, deren Worte so unvorstellbar heilig sind, dass sie nicht einmal ausgesprochen werden können, geschweige denn verstanden". Bedacht aber schon.

V.

Im Kern geht es Louise Erdrich um eine mögliche Verwandlung des Gegebenen. Dem entspricht ein magischer Realismus der Schreibart, welcher unumstoßbar garantierte Wirklichkeiten destabilisiert (und Legierungen mit verschiedenen Formen des Engagements einzugehen vermag). So sind ihre Arbeiten voll staunenswerter Metamorphosen, den ganzen Little No Horse-Roman prägend beispielsweise auch von derjenigen einer Frau, die lebenslang unerkannt zum Priester transfiguriert. Einher damit geht ihre Fähigkeit, mit neuen Augen zu sehen. Auf höherer Ebene raint derlei Durchlässigkeit Sakramentales an: die "wahrhaftige Transsubstantiation" als Ahnung, dass Gott uns tatsächlich "Brot des Lebens" reicht. Indigene Spiritualität bezeichnet hierdurch eine Dinglichkeit, die nie nur eindimensional-hiesig bleibt.

Mischverhältnisse herrschen in Louise Erdrichs Konzept einer verzauberbaren Welt vor. Fern des Irrationalismus angesiedelt, ist die Ratio hier nur Teil der ihr vorgeordneten Ganzheit. Eine Romanfigur bringt es auf den Punkt, da sie sich selbst als "Suchende" charakterisiert, "die genauso fest an die Gesetze der Physik glaubt wie an den Heiligen Geist, die genauso eifrig Hans Küng liest" (ihren "Lieblingstheologen"), wie sie den sieben Ojobwe-Tugenden folgt – "Wahrhaftigkeit, Respekt, Liebe, Tapferkeit, Großzügigkeit, Weisheit und Demut". Weshalb sollte es sich denn ausschließen?

VI.

"Das Wort" als "Geist manifestiert sich in jedweder Kreatur", besagt das Hildegard von Bingen entlehnte Motto zu Der Gott am Ende der Straße. Vor dem ausgeführten Grundthema wird der Gedanke rochadenartig ausgedeutet: "Die Seele ist nicht im Körper. Der Körper ist in der Seele". So lauten die Begleitworte zu einer "himmlischen Musik" bei der Geburt des Kindes der (zum Katholizismus konvertierten) Erzählerin, das selbst "ein Wunder" ist, "ein Lichtwesen", ja "das Licht der Welt". Übrigens schreibt man den 25. Dezember.

VII.

Louise Erdrich gemäß müssten wir eigentlich dazu in der Lage sein, das sogenannt Unwiderruflich-Reale als Käfig zu entmythologisieren (oder als Zwangsjacke). Angesichts obwaltender Zustände nicht ausgeschlossen, jedoch verläuft die weitere Entwicklung der Spezies in eine andere Richtung. "Vielleicht erleben wir gerade eine umgekehrte Inkarnation. Einen Prozess, bei dem der Geist des Göttlichen aus der physischen Natur des Menschen verschwindet." Es könnte wohl so sein.

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