Huub OsterhuisBeten im Haus der Poesie

Der Autor zeitgenössischer christlicher Lieder und Texte Huub Oosterhuis experimentiert mit der biblischen Sprache für eine befreiende christliche Spiritualität.

Die Bibel lehrt eine unverbrüchliche Hoffnung: dass man lernt, von anderen her zu denken, vom Ganz-Anderen. „Sie weiß, wie groß die Sehnsucht der Menschen nach dem Hören ist.“ Und man lernt, mit den Augen des Armen, des Heimatlosen zu sehen. „Das ist Kultur“. Huub Oosterhuis, Autor vieler zeitgenössischer geistlicher Texte, die auch hierzulande viele Christen berühren, spricht in diesem Sinne von der Spiritualität der Bibel, dem Wort (Gottes), das uns am Leben hält.

Bei einer Veranstaltung in der Katholischen Akademie Freiburg waren die mehr als 200 Zuhörenden ergriffen und bewegt von den Ausführungen des Niederländers, der vor kurzem achtzig Jahre wurde. Im Wechselvortrag mit seinem Mitarbeiter Cornelis Kok trug er seine Sicht der verwandelnden Kraft des biblischen Wortes vor: „Es geht um eines, da ist das Buch hartnäckig: Tu recht, lass leben!“ Die biblische Religion sei ein alltägliches Heilverfahren gegen Menschenverachtung, gegen Zynismus und für Ehrlichkeit; und zugleich eine hohe Schule der Einbildungskraft und der Verheißung.

Besonders die Gebete der Psalmen bringen dies zum Ausdruck. In einer freien Übertragung von Psalm 101 heißt es bei Huub Oosterhuis: „Ich will die letzte Wahrheit: / dass Du zu mir kommst. / Ich werde mich still verhalten, / warten in meiner innersten Kammer / … / Jeder Morgen ein Neubeginn, / Worte, die aufblühen, / wo ich drin wohnen kann, sicher, / dann auch mit dem, der mir lieb ist.“

Oosterhuis betet, indem er Psalmen schreibt. Seit Jahrzehnten verfasst er Gebete und geistliche Texte, die die Menschen zum Glauben und Selber-Beten anregen, weil sie in einer Sprache verfasst sind, die im Leben wurzelt, geerdet ist. Seine beständige Spracharbeit ist Glaubensarbeit. Zeugnis davon geben auch die beiden jüngsten Veröffentlichungen: „Das Huub Oosterhuis-Lesebuch“ und „Das Huub Oosterhuis-Gottesdienstbuch“ (bei Herder). In den Niederlanden wurden die Neudichtungen aller 150 biblischen Psalmen 2011 publiziert. Sie erscheinen demnächst auch auf Deutsch.

Im Mittelpunkt seiner Texte und Lieder steht der suchende, unerlöste, heimatsuchende Mensch, der zu Gott ruft, ihn anklagt, ihm dankt und ihn lobpreist. Kirche, so Oosterhuis, sei die Versammlung von Menschen, die aus der biblischen Erzählung leben. Er verwahrt sich gegen das Bild des „kleinen Restes“. Bereits in seiner Zeit als Studentenseelsorger in Amsterdam prägte er stattdessen die Vision vom „Haus“. Sie verbindet die jüdische Tradition des „Lehrhauses“, also der Debatte über das biblische Wort, mit der Haltung des Hörens und Nachdenkens. „Lieber einen Tag nah bei Dir als tausende weit von Dir weg“, zitiert Oosterhuis Psalm 84. Die Institution des Lehrhauses, wie sie in den Niederlanden mittlerweile in vier an Oosterhuis orientierten Personalgemeinden gepflegt wird, ergänzt das Gott-Feiern. „Wir streben eine Liturgie an, die dem modernen Leben nicht wie eine unverständliche Welt gegenübersteht, sondern die ihre Worte und Handlungen mindestens ebenso sehr am heutigen existenziellen Erleben wie am Stil der Tradition ausrichtet.“ Lehrhaus und Liturgie gehören zusammen, so der Schriftsteller. „Es geht um geistliche Übungen. Sie sollen uns zermürben, unser Herz auf Solidarität und Erbarmen einzustellen, gegenüber Asylsuchenden, zerrütteten Fremden, gegenüber allen Verworfenen der Erde … - wenn wir sie sehen wollen.“

In einer christlichen Gemeinschaft gehört die Poesie zur Mitte: „Um hören zu lernen, auch aufeinander, um das Zuhören zu schulen, lesen wir poetische Texte.“ Daraus folgt eine soziale Verpflichtung, die in einer Neudichtung von Psalm 132 deutlich wird: „Ich werde nicht ruhen, keinen Augenblick, … bis ich gefunden habe: / einen Ort, wo die Toten leben, / einen Platz, wo Recht widerfährt / allen Verworfenen der Erde.“

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