Stumme Zeugen

Ein Friedhof der Mennonitengemeinschaft zeugt mit seinen Gedenktafeln in deutscher Sprache von diesen Glaubensflüchtlinge des 18. Jahrhunderts.

Stumme Zeugen
© Christian Heidrich

Der September hat nur kurz Atem geholt. Für die restlichen Tage des Monats und darüberhinaus ist ein stabiles Hoch angesagt, mit Sonne und Temperaturen um zwanzig Grad. Das Wanderhemd und der Sonnenhut kommen wieder zum Einsatz, die Wollmütze bleibt in der Tiefe des Rucksacks. Ein starker Monat.

Hinter Chelmno, ich wandere nach Grudziadz (Graudenz), kommen lange Waldstücke, die immer wieder von kleinen Dörfern unterbrochen werden. In fast jedem Dorf ein kleines Lebensmittelgeschäft, äußerlich ein eher schäbiger Betonwürfel, die Fenster immer vergittert, die Warenauswahl freilich überraschend vielfältig ("Magnum"-Eis scheint mittlerweile so universal zu sein wie Coca-Cola!). In jedem Dorf auch ein Neubaugebiet, die Häuser, so sie denn schon fertig sind - Bauskelette, Unvollendetes gibt es zur Genüge -, gut umzäunt. Auch Hunde gehören zu jedem Anwesen, bleiben in der Regel aber hinter dem Zaun, und die wenigen, die frei herumlaufen, kläffen laut und lauter, doch trauen sich nicht, dem Unbekannten wirklich nahezukommen.

Am Ortsausgang von Klamry, rund sechs Kilometer von Chelmno entfernt, auf einem Sandhügel ein großer Obelisk, ein Mahnmal. In den benachbarten Wäldern geschahen in den Monaten Oktober und November 1939 furchtbare Verbrechen. Gleich nach Ausbruch des Krieges bildeten sich in den Ortschaften paramilitärische "Selbstschutz"-Verbände der deutschen Bevölkerung, die alte und neue "Rechnungen" aufmachten. Polnische Eliten, Lehrer vor allem, aber auch Priester, politisch Aktive und Juden wurden verhaftet und in den Wäldern erschossen. Man schätzt die Zahl der Ermordeten auf 2000 bis 2500. Kurz vor Kriegsende, 1944, suchten die Täter die Spuren dieses Verbrechens zu beseitigen. War es nur Angst vor den Konsequenzen eines verlorenen Krieges? Ahnten sie das Ungeheure ihrer Untaten?

Unter dem Obelisken eine Tafel: "Zu Ehren der von den Hitler-Barbaren ermordeten Polen im Jahr 1939. Die Bevölkerung des Landkreises Chelmno."

Einige Dörfer weiter, am Ortseingang von Wielkie Lunawy, ein weiteres stummes Zeugnis, das freilich eine ganz andere Dimension des Menschseins aufzeigt. Es ist ein vergleichsweise gut erhaltener, gepflegter Friedhof der Mennonitengemeinschaft, der hier im 18. Jahrhundert angelegt wurde. Von der Ansiedlung dieser "Glaubensflüchtlinge" und ihrem Einsatz für die Kultivierung der Landschaft war hier schon kurz die Rede (Eintrag vom 15. September). Der Friedhof nun zeigt - das Ende ihrer Pilgerschaft? Oder noch mehr, ihren Glauben an ein letztes, liebendes Geheimnis inmitten dieser so oft unverständlichen, ja inakzeptablen Welt? Auf etlichen Steinen und Tafeln sind die Inschriften in deutscher Sprache gut zu entziffern. Von Trauer und Unglück ist dort zu lesen, gleichzeitig von der Vollendung in der Gegenwart des Schöpfers.

Ich laufe noch drei Dörfer weiter und bin froh, als ich in einem Vorort der Industriestadt Grudziadz eine Bushaltestelle entdecke. Die vielen bunten und riesigen Werbeplakate auf dem Weg in die Stadt wirken eher penetrant denn einladend.

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