Eine russische Stadt

In Kaliningrad mit einer halben Million Einwohnern steht auch die 2006 eingeweihte riesige Erlöserkathedrale. Sie ist unübersehbar im modernen Königsberg, das häufig mit dem Kultwort „Kjenig“ gekennzeichnet wird, wie Christian Heidrich schreibt.

Eine russische Stadt
© Christian Heidrich

Am 4. Juli 1946 erhielt die alte preußische Stadt Königsberg einen neuen Namen. Kaliningrad sollte sie von nun an heißen. Nichts sollte mehr an die 700 Jahre preußisch-deutscher Geschichte, an die „faschistische Bestie“ gar, erinnern. Der neue Name war tatsächlich bar jeder Verbindung zur Stadtgeschichte. Michail Kalinin war ein Weggefährte Stalins und bis zu seinem Tod einen Monat zuvor das nominelle Oberhaupt der Sowjetunion.

In einem abgründigen Sinn war der neue Stadtname sogar berechtigt. Denn was blieb nach der Bombardierung durch die Briten im August 1944, was blieb nach den apokalyptischen Ereignissen im Frühling und Sommer 1945, als die Rote Armee nach und nach die Stadt einnahm, vom alten Königsberg noch übrig? Die Stadt war ein Ruinenfeld. Die Mehrheit der Bewohner - über das zugefrorene Frische Haff - geflohen. Tausende fielen der Rache der Sieger zum Opfer. Der kleine Rest wurde spätestens 1948 ausgewiesen.

Königsberg war Geschichte. Die russischen Neusiedler wussten nichts von ihr. Denn aus dem Leben der Vorbewohner blieb buchstäblich nichts übrig oder wurde abgetragen. Und das sollte noch Jahrzehnte so bleiben.

Heute ist Kaliningrad eine russische Großstadt mit rund 500000 Einwohnern, die mit ihrer „Kjenigsberger“ Vergangenheit gelassen, und so es geht, geschäftstüchtig umgeht. „Kjenig“ gilt als ein Kultwort, was nicht viel heißen muss. Die hin und wieder in den Medien aufkommende Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, den alten Namen wieder anzunehmen oder, als Kompromiss, sich Kantgrad zu nennen, scheint mir anachronistisch zu sein oder den üblichen politschen Rankünen zu entspringen. Die allermeisten Bewohner dürften ohnehin ganz andere Probleme haben, als über die Schicklichkeit des seit sieben Jahrzehnten gültigen Namens nachzudenken. Sie wissen wohl auch zwischen den Königsberger Jahrhunderten, der sowjetischen Epoche und den Jahren seit 1991, da sich auch das Kaliningrader Gebiet der Welt öffnete, zu unterscheiden. Ihr Alltag aber ist „heute“, ist verwurzelt in der russischen Version des Kapitalismus, die rauh ist, „oligarchisch“, mit mancherlei Intransparenzen und Kodierungen belastet, vielleicht sogar durchseucht.

Ich bleibe nur wenige Tage in der Stadt. Diese vergehen rasend schnell, zumal es mittlerweile schnell dunkel wird. Der lange Leninskij-Prospekt, Kaliningrads wuselige Nord-Süd-Achse, aber auch die Arme des Pregel und seine Brücken, bieten eine Grundorientierung. Ich besuche die Dominsel, staune über das bizarre „Haus der Räte“, das das zerstörte Schloss „ersetzen“ sollte, sich stattdessen als eine bauliche Katastrophe erwies und nie bezogen werden konnte. Ich laufe einige der Stadttore ab. Und ja, die gigantische Erlöserkathedrale mit ihren fünf goldenen Türmen. Beeindruckte sie mich am meisten?

Erst 2006 wurde die Kirche eingeweiht und bietet rund 2000 Gläubigen Platz. Als ich sie am Freitagmittag betrete, verlieren sich zwei Dutzend Menschen in dem riesigen Raum. Fast alle kaufen kleine Kerzen, stellen sie vor die Ikonen, bekreuzigen sich auf orthodoxe Weise. Eine ganz eigene religiöse Welt. Dabei lesen wir das gleiche heilige Buch, bekennen die gleiche christliche Hoffnung.

Ganz sicher nehme ich nur einen winzigen Bruchteil dessen wahr, was Königsberg/Kaliningrad ausmacht. Doch das beunruhigt mich nicht. Ich bin ein Wanderer, der auch hier dem leichten Gepäck vertraut.

Am Rande:
Glücklicherweise lehnt sich die Bühnenfassung von „Der Meister und Margarita“ eng an die Romanvorlage an. So kann ich auch mit meinen 34 russischen Vokabeln - und mit Polnischkenntnissen - dem Stück im „Dramentheater“ durchaus folgen. Michail Bulgakow gelang mit seinem 1929-1939 verfassten Roman ein Jahrhundertwurf. Es ist eine Groteske, die den Teufel und sein Gefolge in einem stalinistischen Moskau auftreten und alle ideologischen Sicherheiten sich in Luft auflösen lässt. „Wie kannst du sicher sein, dass es Gott nicht gibt, da du nicht einmal weißt, was der morgige Tag bringen wird?“

Ein großartiger Theaterabend, der freilich auch mit desaströsen „Nebendarstellern“ aufwartet, die sich und ihre Mobiltelefone nicht unter Kontrolle haben.

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