In den Tiefen der Ebene

CIG-Autor Christian Heidrich denkt beim Laufen durch trockengelegte Sümpfe über eine Win-Win-Situation des 16. Jahrhunderts nach: Die Mennoniten durften relativ frei ihren Glauben leben. Durch ihre harte Arbeit trotzten sie dem Moor das Land ab.

In den Tiefen der Ebene
© Christian Heidrich

Die Etappe von Dzierzgon (Christburg) nach Elblag (Elbing) könnte man eine holländische nennen. Es ist flach, es ist noch erstaunlich grün, und vor allem ist das Gebiet von unzähligen kleinen und großen Entwässerungskanälen geprägt. Auch hier blickt man auf das Erbe der Mennoniten, die schon vor Jahrhunderten das Gebiet trockenlegten und es anschließend bewirtschafteten. Im Vorbeigehen sehe ich, in Krzewsk oder Zurawiec, Hinweistafeln, die auf eine "Zagroda Holenderska", ein "holländisches" beziehungsweise mennonitisches Gehöft, auf einen mennonitischen Friedhof oder ein Gotteshaus hinweisen. Es muss, im 16. oder auch noch im 18. Jahrhundert, eine "win-win" Situation gewesen sein. Die Mennoniten konnten hier ihre religiöse Überzeugung vergleichsweise frei leben, dafür schufteten sie hart, entrissen ihr Land manchen Seeflächen, aus denen später Dörfer entstanden.

Heute sind es nicht zuletzt die Angler, die am Rande der Kanäle parken, ihr Rüstzeug herausnehmen und stoisch, wie es sich gehört, auf einen Fang warten. Stoisch auch das liebe Vieh, das zumindest hier viel Auslauf zu haben scheint.

In Raczki Elblaske dann der Hinweis, dass man sich "hier" am tiefsten Punkt Polens, 1,80 Meter unter dem Meeresspiegel, befinde. Wir Menschen lieben solche Grenzwerte: der höchste Berg, der tiefste See, der hellste Stern. Das passt zu unserem Wesen als "das nicht festgestellte Tier", wie uns Friedrich Nietzsche bezeichnet hat, gibt uns Halt im Meer der Möglichkeiten und Wünsche.

Der "tiefste Punkt" erinnert mich, dass es bis zum Meer, zum Frischen Haff, nicht mehr weit ist. In wenigen Tagen werde ich in Tolmicko (Tolkemit) und in Frombork (Frauenburg) sein. Doch zunächst ist es ein junger Fahrer vom DHL-Paketdienst, der mich ein Stückchen weiterbefördert. Kurz vor Elblag hält er an und fragt, ob er mich in die Stadt bringen soll. Ich steige ein. Wir wollen uns unterhalten, doch wird der Fahrer, mit einem Headset ausgestattet, ständig von der Zentrale angerufen. "Die Arbeit ist ganz okay", sagt er, als wir schon in der Stadt sind, "auch wenn ich manchmal elf Stunden hinter dem Steuer sitze. Die Kunden aber werden immer schwieriger. Haben ein paar Zloty bezahlt und denken, dass wir ihnen jeden Wunsch erfüllen müssen."

Am Rande:
"Autos wie frische Brötchen", so ist ein Bericht der "Gazeta Wyborcza" über die Rekordverkäufe von Fahrzeugen in den letzten sechzehn Monaten überschrieben. Gleichzeitig nehme ich seit Wochen eine öffentliche Diskussion wahr, die der Autozentriertheit, vor allem in den Großstädten, Alternativen entgegensetzen will. Gerade junge Menschen, die in der Welt herumgekommen sind, merken, so der Tenor, dass das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln und mit dem Fahrrad nichts mit Dorf und Provinz zu tun haben. Der Wandel, so heißt es, habe entscheidend mit der Infrastruktur zu tun, fange aber im Kopf an.
Widersprüchliches auch vom Brotkonsum: Dieser falle, klagt die Bäckerinnung, beständig, da es reichlich Alternativen gäbe. Zugleich verlangten die Kunden eine "bessere" Qualität: Brot mit Sauerteig zum Beispiel. Gleichzeitig wollten sie aber immer weniger dafür ausgeben. "Beides geht aber nicht." Auch hier sind die Polen im Westen angekommen.

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