Durch die Dörfer

CIG-Autor Christian Heidrich ist in Polen. Seinen Weg kreuzt ein wie von Loriot erdachtes Ehepaar, einige Schulkinder und ein festlich gekleidetes Strohballen-Paar. Sieht so heute die polnische Provinz aus?

Durch die Dörfer
© Christian Heidrich

Jetzt geht es durch die Dörfer! Ich verlasse Kostrzyn am frühen Morgen und will mich zunächst oder womöglich bis zur polnisch-russischen Grenze an den Europaradweg R1 halten. Zwar hat er in Polen zum großen Teil keine separaten Radwege zu bieten, doch führt er, so lese ich, auf schmalen, verkehrsarmen Nebenstraßen - und diese verbinden naturgemäß nicht die Metropolen. Diese Variante erscheint mir momentan immer noch günstiger als komplizierte Manöver, um verkehrsreiche Straßen zu umgehen. Was sagte ein Mann vor dem Zigarettenladen in Kostrzyn, der die „billigsten legalen Zigaretten in ganz Polen“ anbot, zu seiner sichtlich deprimierten Frau: „Du kannst nicht ins Ausland fahren und erwarten, dass alles genauso ist wie daheim!“ Darauf die Frau: „Ja, aber dass es ausgerechnet auch noch so schütten muss!“

Ein Dialog, der auch von Loriot stammen könnte. Nehmen wir an, dass die kleine Krise ohne weitere Folgen blieb.

Als ich losgehe, ist es noch kühl und am Ufer der Warthe leicht neblig. Doch die Sonne ist schon zu erahnen. Die ersten Kilometer verlaufen entlang der E22, die früher ein Teil der Reichsstraße 1 bildete. Für mich bleibt rechts nur ein kleiner, grüner Streifen übrig, was nicht gerade entspannend ausfällt. Dafür werde ich mit Blicken in den Nationalpark „Ujscie Warty“/„Warthemündung“ entschädigt. Hier gibt es in den Frühlingsmonaten regelmäßig Überschwemmungen. Das führt zu einem ganz eigenen, wilden Panorama aus Wiesen, Weiden, Schilfröhrichten. Zudem ist das Gebiet ein Vogelparadies.

Nach wenigen Kilometern geht es dann tatsächlich auf einer der „typischen“ Nebenstraßen weiter, zunächst sogar auf einem separaten Fahrradweg. Das erste Dörflein, das ich erreiche, Czarnów, versetzt mich dann in eine andere Welt. „Czarnów ist nur ein kleiner Weiler, doch die Traditionen führt es weiter“, verkündet ein Banner, das ein festlich gekleidetes Strohballen-Paar „hält“, darunter Gaben zum Erntedank. Wenige Meter dahinter haben Schulkinder gerade Pause und grüßen den unbekannten Wanderer so höflich wie neugierig. Dann klingelt es, und sie eilen ins Schulgebäude. Welch ein Unterschied zu dem leicht hektischen Kostrzyn, das ich vor zwei Stunden verlassen habe. Ist das nun die polnische Provinz? Ob ich sie mit der Zeit vor allem als langweilig empfinden werde oder als authentisch, das wird sich zeigen.

Ich wandere weiter durch etliche Dörfer, vorbei an einem beeindruckend großen Feld mit Sonnenblumen und an unzähligen Teichen, bis ich schließlich in Osno Lubuskie, einem Städtchen mit einer sehr gut erhaltenen alten Stadtmauer und einem schönen Rathaus, ein Pensionszimmer finde. Mit meinem ersten polnischen Wandertag bin ich zufrieden, auch wenn ich enttäuscht bin, dass die schmucken Kirchen unterwegs alle verschlossen waren.

Am Rande:
Die „Gazeta Wyborcza“, die einflussreichste polnische Tageszeitung, geschätzt auch wegen ihrer landesweiten Regionalteile, ermuntert seit zwei Tagen ihre Leser, „gemeinsam“ mit Donald Tusk, dem designierten EU-Ratspräsidenten, die Englischkenntnisse zu erweitern. Tusks Zusage, „I will polish my English“, wurde innerhalb von Tagen zu einem geflügelten Wort. Nun rätselt die Öffentlichkeit, welche Sprachfortschritte der Politiker innerhalb von achtzig Tagen machen wird. Experten werden befragt und haben, wie könnte es anders sein, nichts wirklich Umwerfendes zu bieten: Man müsse in eine Fremdsprache „eintauchen“, vor allem aber, die Hemmungen, Fehler zu machen, ablegen. Das soll auch für die Leser gelten: „Wer einige Tage lang zugehört hat, wie die Eurokraten Englisch sprechen, der wird von allen Komplexen gesunden.“

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