Das wirkliche Blau

Anna Seghers Erzählung „Das wirkliche Blau“, Anna Netrebko, Seghers Haus in Berlin-Treptow und ein Straßensänger, der den Blues spielt - Impressionen von CIG-Autor Christian Heidrich über einige Stunden Aufenthalt in Berlin. Jeder sucht sein wirkliches Blau.

Das wirkliche Blau
© Christian Heidrich

Anna Netrebko ist in der Stadt, ihr Auftritt mit den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss umjubelt, auch wenn eine Kritikerin „Freiheit, Mut und Leben in diesem perfekt illuminierten Liederbild“ vermisst. Also sprach Zarathustra.

Für mich kann es weniger spektakulär sein. Und so besuche ich in Berlin-Treptow die ehemalige Wohnung von Anna Seghers (1900-1983). In meinem rheinhessischen Gymnasium lasen wir ihr „Siebtes Kreuz“, auch wenn manche Politiker sie damals eine „Kommunistin“ schimpften. Später fiel mir noch ihre Erzählung „Das wirkliche Blau“ aus dem Jahr 1967 in die Hände, die mich schon des Titels wegen beeindruckte. Wie der Töpfer Benito, der infolge von Kriegswirren das Blau nicht mehr erhält, das seinen Kunden das Herz aufgehen lässt und sich deshalb auf eine lange Reise voller Überraschungen aufmacht, so musste auch Seghers - bis nach Mexico - ziehen, bevor sie wieder nach Deutschland zurückkehren konnte.

Auffällig ist, so die Dame, die mich durch die Wohnung und Gedenkstätte führt, dass die Schriftstellerin im Exil in Gedanken und Werken nach Deutschland zurückkehrte, im - zumindest in den fünfziger Jahren - „eisigen Deutschland“ gerne nach Mexiko. So sucht wohl jeder sein wirkliches Blau.

In der Wohnung rund 10000 Bücher. Mir fallen einige Bände von Alexander Solschenizyn und Lew Kopelew auf, zwei Ausgaben der Heiligen Schrift, eine Figur der „Schwarzen Madonna“ aus Salvador da Bahia in Brasilien, die schöne „Remington“-Schreibmaschine.

Fotografieren darf man leider nicht. Die Akademie der Künste behält sich alle Rechte vor. Eine Stunde später lausche ich aber einem Musiker, der tatsächlich den Blues hat. Es mögen nicht seine letzten Lieder sein.

Am Rande:
In Berlin übernachte ich bei einem befreundeten deutsch-polnischen Ehepaar, über dessen Integration man sich wirklich keine Sorgen machen muss. Beide sprechen, erlernten, jeweils die Sprache des Partners. Ein Idealfall, der freilich Horizonte öffnet. Schon die abendlichen Fernsehnachrichten in deutscher und in polnischer Sprache schärfen die Wahrnehmung. Die Wahl des polnischen Regierungschefs Donald Tusk zum EU-Ratspräsidenten, der 1. September gar - all das hat in Polen und Deutschland ein unterschiedliches Gewicht. Gut, dass die Worte der deutschen Kanzlerin wie des deutschen Präsidenten „auf beiden Seiten“ beeindrucken. Schwierig wird es allerdings bei den Sportereignissen. Wem sollen die beiden jungen Söhne die Daumen drücken?

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