Buckow und Brecht

Bewegung, Ernährung, Lebensordnung - und Literatur sind es, die CIG-Autor Christian Heidrich bei seinen Wanderungen nach Königsberg im Blick behält: nun im Gärtnerhaus in Buckow, in dem Bert Brecht gedichtet hat.

Buckow und Brecht
© Christian Heidrich

Die fünf Säulen der Kneipp‘schen Therapie, so lerne ich bei einem Ortsrundgang durch Buckow, sind Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen, Lebensordnung. Drei Säulen zumindest behalte ich im Blick. Bei Wasser und Heilpflanzen muss ich eher passen. Doch gerade in Buckow und einen Tag später in Neuhardenberg wird mir einmal mehr klar, dass bei der Suche nach einem zufriedenen, aber nicht selbstgefälligen Leben - und so etwas könnte der Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) auch gemeint haben - die Literatur eine wesentliche Rolle spielt. Sie weitet das Denken, erheitert das Gemüt, ordnet und provoziert zugleich. Dabei macht sie keine Geräusche. Wortlos wirbt sie um ihre Leser.

Würde Bertolt Brecht zustimmen, der hier in Buckow zusammen mit Helene Weigel - und manch einer Geliebten - ab dem Jahr 1952 einen Rückzugsort fand? Natürlich genoss der Theatermann aus Berlin hier die ruhige, ja märchenhafte Landschaft rund um den Schermützelsee. Doch schrieb er auch seine „Buckower Elegien“, einen Gedichtzyklus, in dem er auf die „Ereignisse“ vom 17. Juni 1953, auf den Arbeiteraufstand in der DDR, reagierte, das Schockierende zu bewältigen suchte. Denn der große B.B. war in seinem Herzen unentschieden. Er war sich sicher, dass „Gestalten“ aus dem Westen ihre Finger im Spiel hatten. Andererseits wusste er um den muffigen, kleinlichen Charakter des sozialistischen Staates, um die Privilegien der Funktionäre, an denen auch er Teil hatte. So fragte er in „Die Lösung“ zumindest lyrisch nach, ob Regierung und Volk zusammenpassten, wer wen neu zu „wählen“ hatte.

Das Haus selbst, eigentlich zwei, eine lichtdurchflutete kleine Villa und ein Gärtnerhaus, in dem Brecht arbeitete, steht bereits seit 1977 allen Brecht-Interessierten offen. Ich zähle mich dazu und schätze den Dramatiker und Dichter gerade in seinen Zerrissenheiten. Manchen ideologischen Unsinn, manch gewollt Pädagogisches auch, versuche ich zu übersehen. Die Vergleiche und Metaphern des Dichters sind kühn, manche Verknüpfungen gewagt (eine Wolke am Himmel kann bei ihm „sehr weiß und ungeheuer oben“ sein!). Doch sie „sitzen“, prägen sich ein, und begleiten auf den Wanderungen des Lebens.

Am Rande:
Als ich in Buckow eine Zeitung kaufe - diejenige, in der Harald Schmidt auf der ersten Seite des Feuilletons Johann Hinrich Claussens „Gottesklänge“ lustvoll preisen darf -, erkundige ich mich nach Geldautomaten in der näheren Umgebung. „Heben Sie gleich hier ab“, antwortet sie mir, „Sie laufen jetzt ins Tal der Ahnungslosen.“ Diesen Begriff kenne ich von früher. Er meinte den Teil der DDR, in dem man kein „Westfernsehen“ empfangen konnte. Ob er jetzt ganz allgemein der Provinz gilt?

Die Hunde sind zu fürchten, deren Besitzerinnen oder Besitzer laut und lauter den Rufnamen herausschreien müssen. Ganz anders der ehemalige DDR-Sportler, bei dem ein kleiner Fingerzeig genügt. Seine beiden Hunde setzen sich auf die Hinterbeine und schauen uns, bilde ich mir ein, sehnsuchtsvoll an. Als es mit Doping losgehen sollte, erzählt er, sei er absichtlich aus dem Leistungskader herausgefallen. „Dieses Zeug verändert doch den ganzen Menschen, nicht nur die Muskelmasse.“ Heute klage er höchstens über seine Hüfte. Und da sei es gut, dass ihn die Hunde auf Trab halten.

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