An der Weichsel

"Große Flüsse sind für mich wie Kathedralen", schreibt CIG-Autor Christian Heidrich beim Blick über die Weichsel, dem polnischen Urstrom.

An der Weichsel
© Christian Heidrich

In der Frühe ist es kalt, nur wenige Grade über Null, aber es ist sonnig und der Himmel blau. Kein Vergleich zu dem erschreckenden Herbstbeginn gestern. Gute Bedingungen also, um sich der Wisla, der Weichsel zu nähern. Sie ist Polens Rhein sozusagen, entspringt in den schlesischen Beskiden und mündet nach gut 1000 Kilometern bei Danzig in die Ostsee.

Die nächste Zeit, ja im Grunde bis Braniewo an der polnisch-russischen Grenze, werde ich "rechts der Weichsel" bleiben, mich dem Strom in Chelmno (Culm), Grudziadz (Graudenz) und Kwidzyn (Marienwerder) zumindest nähern. Erst auf meinen letzten Etappen, wenn es noch östlicher, nach Elblag (Elbling) oder Frombork (Frauenburg), geht, trennen sich unsere Wege wieder.

Von Parlin an, etwa fünfzehn Kilometer von Chelmno entfernt, könnte man in die Weichselebene hinunterrollen. Ich stapfe eher, doch werde dafür ab Gruczno mit einer prächtigen Fernsicht auf die vielen Türme von Chelmno belohnt. Und dann, hinter einem Weiler namens Kosowo, stehe ich plötzlich vor einem langen Deich. Ein paar Meter noch, und ich sehe zum ersten Mal Polens Urstrom. Breit ist die Weichsel, gemächlich. Kein Schiff weit und breit, und die einzigen Wesen, die ich für ein paar Sekunden verscheuche, als ich mich dem Ufere nähere, sind Hunderte Wasservögel, die hier ihre Nische gefunden haben.

Ich denke an die Oder, die ich vor nicht einmal drei Wochen kurz vor Küstrin / Kostrzyn wiedersah und habe auch hier ein Gefühl der Dankbarkeit. Große Flüsse sind für mich wie Kathedralen. Sie unterteilen die Landschaft, lassen uns ruhig werden, schenken uns, so wir wollen, die Ahnung von etwas Größerem.

Ich laufe noch etliche Kilometer auf dem Deich und gehe dann auf eine riesige Brücke zu. Sie führt mich nach Chelmno. Der Übergang freilich ist nicht angenehm. Auch wenn es für die Fahrradfahrer und Fußgänger einen breiten, separaten Streifen gibt: Die Brücke ist Teil einer stark befahrenen Straße, hin und wieder schwingt sie auch und scheint gar nicht aufzuhören. Auf das Wasser herunterzuschauen, macht hier keine Freude.

Noch eine halbe Stunde durch eine Gartenkolonie und einen Park, und dann bin ich in Chelmno, die zu den attraktivsten polnischen Kleinstädten zählt.

Am Rande:
In der Ortschaft Gruczno hat ein mobiler Händler auf einem Platz neben der Kirche seine Textilien ausgestellt. Solche Märkte waren noch vor zehn, fünfzehn Jahren ein häufiger Anblick in der polnischen Provinz. Doch im Zeitalter der Discounter ist auch das vorbei. Als ich hindurchgehe, werde ich von einem Mann angesprochen. "Gut, dass Sie mit einem Rucksack unterwegs sind, ihre Schultern trainieren. Die Menschen wollen heute nur noch mit einem Rollkoffer durchs Leben. Wer weiß aber, ob man nicht eines Tages wieder sein Haus und sein Hof verlassen muss. Wie weit kommt man da mit einem Rollkoffer?"
Entlang des Deiches höre ich ein Paar, das mit einem Hund unterwegs ist. Die Sprache kann ich zunächst nicht einordnen, Polnisch ist es nicht, auch nicht Deutsch. Als wir ins Gespräch kommen, stellt es sich heraus, dass es Holländer sind. Sie besuchen polnische Freunde, die bei ihnen - in Holland - im Urlaub waren. Wir unterhalten uns in deutscher Sprache, die der Mann mit einem norddeutschen Akzent spricht. Seine Mutter stamme aus Wilhelmshafen. Wir sprechen über unsere polnischen Erfahrungen.
Kleines, großes Europa.

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