Ein Blick auf die alttestamentlichen WurzelnWie aus Poesie Glaubensgeschichte wird

In dem bekannten Weihnachtslied, das aus dem 16./17. Jahrhundert stammt, steckt eine lange Glaubensgeschichte. Poetische Motive aus dem Buch Jesaja und dem Buch der Weisheit, die sich zunächst auf Israel und das davidische Königshaus bezogen, wurden auf Jesus übertragen und dann obendrein mit marianischer Frömmigkeit kombiniert.

Fazit

Tradition und kreative Weiterentwicklung: Das kennzeichnet das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“. Soll Weihnachten im Herzen der Menschen lebendig bleiben, braucht es beides. Das können wir von diesem Lied lernen.

Da spielen nicht Stall, Ochs und Esel oder Hirten eine Rolle. Vielmehr stellt das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ die Geburt Jesu ganz in das Licht alttestamentlicher Hoffnungen und jener prophetischen Verheißungen, von denen „uns die Alten sungen“.

Jes 11,1: Ein Reis aus dem Baumstumpf Isais

Die wichtigste prophetische Verheißung klingt gleich zu Beginn des Liedes an. Sie stammt aus dem Buch Jesaja. Dort heißt es in Jes 11,1: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ Es ist ein poetisches Bild, der Natur abgeschaut. Der springende Punkt dabei: Wie aus dem Stumpf gefällter Bäume wider Erwarten kleine, neue Triebe hervorbrechen können, ebenso wird der ehemals stolze „Baum“ (Ez 17,22–24) des davidischen Königtums trotz des schweren Versagens seiner Könige und der Übermacht feindlicher Großmächte nicht völlig untergehen. Vielmehr wird – so die prophetische Zusage – „aus seinen Wurzeln“ eine neue Retter- und Hoffnungsgestalt hervorgehen. In welche historische Situation dieses prophetische Bildwort hineingesprochen wurde, ist nicht eindeutig zu bestimmen und umstritten. Es könnte vom Propheten Jesaja selbst stammen, der im 8. Jahrhundert v. Chr. lebte; es könnte aber auch einer jüngeren Bearbeitungsschicht des Buches Jesaja angehören und sich auf Erfahrungen des babylonischen Exils und des Endes des davidischen Herrscherhauses im 6. Jahrhundert v. Chr. beziehen. Auffällig ist, dass der verheißene „neue Trieb“ nicht aus dem Baumstumpf Davids, sondern aus dem Baumstumpf Isais, des Vaters von David, erwachsen wird. Darin ist eine deutliche Kritik am davidischen Königshaus enthalten, dass es die in es gesetzten politischen und religiösen Erwartungen nicht erfüllt hat. Das jesajanische Verheißungswort geht deshalb hinter David zurück und setzt bei den Wurzeln des Hauses Davids, bei Davids Vater Isai an. Offen bleibt, wer der „junge Trieb“ und Hoffnungsträger genauerhin ist und wann er kommen soll. In den sich anschließenden Versen Jes 11,2–9 werden weder Name noch Amtstitel genannt. Als sein herausragendes Merkmal wird vielmehr seine enge Beziehung zu JHWH hervorgehoben: dass der „Geist JHWHs“ auf ihm ruhen und die Gaben dieses göttlichen Geistes, wie Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis und Gottesfurcht sein Handeln bestimmen werden. Auch wird er den Armen zu ihrem Recht verhelfen und eine geradezu paradiesische Friedenszeit für Mensch und Tier herbeiführen. Soweit der alttestamentliche Text.
Im Christentum kommt es dann zu einer vielfältigen Auslegungsgeschichte dieses Textes, von der auch das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ Zeugnis gibt. Da wurde Jes 11,1 zunächst im Neuen Testament auf Jesus als Messias und Gottessohn bezogen. Er ist, so Paulus in Röm 15,12, der verheißene „Spross aus der Wurzel Isais“. Ebenso heißt es in Offb 5,5 mit Blick auf die eschatologische Funktion Jesu am Ende der Tage: „Siehe, gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids; er kann das Buch und seine sieben Siegel öffnen“ (vgl. auch Offb 22,16). Aber die christliche Deutung blieb – und das ist das Überraschende – nicht bei dieser Übertragung von Jes 11,1 auf Jesus stehen. Vielmehr wurde bereits bei den Kirchenvätern und dann in der kirchlichen Liturgie und Marienfrömmigkeit der nachfolgenden Jahrhunderte auch Maria, die Mutter Jesu, in das jesajanische Verheißungswort miteinbezogen. War im alttestamentlichen Text mit „Reis“ und „jungem Trieb“ aus dem Baumstumpf Isais ein und dieselbe Person gemeint und handelte es sich dabei um einen „Parallelismus membrorum“, so ging man nun von zwei unterschiedlichen Personen aus, nämlich von Maria, der Mutter Jesu, als „Reis“ und von Jesus als „junger Trieb“. Und eben diese Auslegung finden wir auch in dem Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ vor. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die Vulgata, die lateinische Übersetzung des Alten Testaments. Da sie das „Reis“ mit „virga“ (Zweig) übersetzte, konnte wegen des fast gleichen Wortlauts von „virga“ und „virgo“ (Jungfrau) leicht eine Brücke zur Jungfrau Maria hergestellt und das Reis mit Maria identifiziert werden. Da die Vulgata außerdem das Wort „Trieb“ mit „flos“(= Blume) wiedergab, erklärt sich hieraus auch das Wort „Blümlein“ für Jesus. Zu guter Letzt wurde dann noch in Anlehnung an die mittelalterliche Rosenkranzfrömmigkeit für Maria statt „Reis“ das Wort „Ros“ gesetzt. Somit steckt – wenn wir heute singen: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart … und hat ein Blümlein bracht“ – eine lange Auslegungs- und Glaubensgeschichte in diesem Liedtext.
Nicht nur Jes 11,1 hat das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ inspiriert, sondern es klingen in dem Lied auch Motive aus Jes 7,14 und Jes 9,1–6 an. Alle drei Texte aus dem Buch Jesaja werden in der christlichen Tradition als in Jesus erfüllt angesehen und gelten als „messianisches Triptychon“ (E. Zenger).

Jes 7,14 und Jes 9,1–6: Geburt eines besonderen Kindes, das Licht in die Finsternis bringt

In Jes 7,14 wird die Geburt eines Kindes angekündigt, das von einer „jungen Frau“ zur Welt gebracht wird und das den besonderen Namen „Immanuel“ (Gott ist mit uns) tragen wird. Dieser Name soll das Vertrauen in Gottes Hilfe stärken und in schwieriger Zeit ein „Zeichen“ des göttlichen Beistands sein. Historisch dürfte diese Verheißung – so die Meinung vieler heutiger Bibelforscher – auf den Propheten Jesaja selbst zurückgehen. Er wollte damit dem damaligen davidischen König Ahas Mut zusprechen, als dieser im syrisch-ephraimitischen Krieg vor den herannahenden Königen von Damaskus und Samaria in Angst und Panik geriet. Trifft dies zu, so waren mit der „jungen Frau“ und der Geburt des Kindes mit dem Namen „Immanuel“ vermutlich die Frau des Ahas sowie die kommende Geburt eines Sohnes von Ahas gemeint, der – anders als sein Vater – nicht mutlos, sondern im Vertrauen auf Gott den Fortbestand Israels und des davidischen Königtums sichern würde. Da die „junge Frau“ jedoch nicht genauer mit Namen gekennzeichnet ist, könnte es sich auch um eine andere Frau und um ein anderes Kind gehandelt haben.
Im Neuen Testament wird Jes 7,14 auf die Geburt Jesu bezogen und die „junge Frau“ mit Maria und das Kind mit Jesus gleichgesetzt. Außerdem kommt es zu einer gewichtigen Präzisierung, bei der – ähnlich wie bei Jes 11,1 – eine Übersetzung eine entscheidende Rolle spielte. In diesem Fall war es nicht die Vulgata, sondern die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testament, die die Verfasser der neutestamentlichen Schriften beim Zitieren des Alten Testaments benutzten. Da eben diese Septuaginta in Jes 7,14 „junge Frau“ mit „parthénos“ übersetzte, was in der Grundbedeutung „Jungfrau“ meint, wurde Jes 7,14 zunächst im Matthäusevangelium (Mt 1,22.23), dann aber auch in der nachfolgenden christlichen Tradition zur Belegstelle für die Jungfräulichkeit Marias und die geistgewirkte Geburt Jesu. Von daher erklärt sich auch, dass in der zweiten Strophe des Liedes „Es ist ein Ros entsprungen“ gleich zweimal anlässlich der Geburt Jesu auf „Maria, die reine Magd“ verwiesen wird und dabei explizit Jesaja genannt ist.
Auch beim dritten Text aus dem Buch Jesaja – Jes 9,1–6 – steht die Geburt eines Kindes im Mittelpunkt. Das Kind ist hier durch seine außergewöhnlichen Thronnamen „Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“ als königliches Kind gekennzeichnet, in dem kein Geringerer als Gott selbst am Werke ist. Die heilbringende Herrschaft dieses Kindes wird gleich zu Beginn in Jes 9,1 mit einem eindrucksvollen Bildwort umschrieben, das in seiner Dynamik dem poetischen Bildwort in Jes 11,1 ähnelt: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf“. Mitten in tiefster Dunkelheit bricht dank des königlichen Kindes mit einem Mal große Freude auf und eine neue Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit beginnt. Es bleibt ungewiss, ob sich auch dieses Wort aus dem Jesajabuch ursprünglich auf eine bestimmte historische Krisensituation bezogen hat. Wie dem auch sei: Es enthält ein Hoffnungspotential, das jede einzelne geschichtliche Situation übersteigt. Im Neuen Testament ist es erneut das Matthäusevangelium, das auch dieses Jesajawort in Jesus erfüllt sah und es zu Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu in Galiläa zitiert (Mt 4,16). Ebenfalls klingt das poetische Bildwort vom „Licht in der Finsternis“ in der letzten Strophe von „Es ist ein Ros entsprungen“ an, wenn es vom Jesuskind heißt, „mit seinem hellen Scheine vertreibt's die Finsternis“.

Weish 18,14: „als die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war“

Nicht so leicht lässt sich erkennen, dass neben dem Buch Jesaja auch das Buch der Weisheit, das jüngste Buch des Alten Testaments, den Liedtext von „Es ist ein Ros entsprungen“ beeinflusst hat. Doch ergibt sich gerade aus einem Vergleich mit Weis 18,14, dass die Zeitangabe der Geburt Jesu „wohl zu der halben Nacht“ am Ende der ersten Liedstrophe alles andere als nebensächlich, sondern höchst symbolträchtig ist. In Weish 18,14.15 geht es um das größte Heilsereignis in der Geschichte Israels, die Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens, und dieses Ereignis wird dort mit den Worten geschildert: „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab“. Das „tiefe Schweigen des Alls“ und die „Mitte der Nacht“ stehen hier als poetische Metaphern für die Zeit größter Not, die Israel in Ägypten erlebte, die sich dann aber durch Gottes Wort und sein strafendes Eingreifen mit großem „Sprung“ zum Heil wendete. Indem das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ von der Geburt Jesu „zur halben Nacht“ spricht, greift es die Metapher von der „Mitte der Nacht“ auf und bringt damit in sehr verdichteter Weise zum Ausdruck, von welch einschneidender historischer Bedeutung die Geburt Jesu ist. Ja, in diesem Jesuskind ist Gottes ewiges Wort mehr als je zuvor in diese Welt gekommen.
Zusammenfassend ergibt sich aus alledem: Das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ ist voller alttestamentlicher Poesie und christlicher Glaubensgeschichte. Manche Formulierungen, wie die vom „Blümelein so kleine, das duftet uns so süß“, mögen zwar für unsere heutigen Ohren etwas allzu lieblich klingen. Doch lässt sich von diesem alten Weihnachtslied einiges für die heutige Glaubensverkündigung lernen.

Was sich von diesem Lied für die heutige Glaubensverkündigung lernen lässt

Ein Erstes: Poetische Bildmotive, wie sie aus dem Buch Jesaja und dem Buch der Weisheit Eingang in das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ gefunden haben, sind offener, tiefer, auch zeitloser als dogmatische Formeln und Katechismusaussagen. Sie sprechen nicht nur unseren Verstand, sondern auch unser Gefühl und unser Herz an und behalten etwas Geheimnisvolles und Rätselhaftes. Mehr Poesie zu wagen: Das würde auch der heutigen Glaubensverkündigung guttun.
Ein Zweites: Dem Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ ist die Tradition sehr wichtig und es erschließt die Bedeutung der Geburt Jesu ganz von den Wurzeln im Alten Testament her. Zugleich aber wird mit dieser Tradition sehr kreativ umgegangen und es werden Entwicklungen in der Liturgie und der Mariologie in das Lied integriert. Ja, so bleibt christlicher Glaube lebendig. Allerdings darf diese Weiterentwicklung nicht im 16./17. Jahrhundert stehen bleiben.
Ein Drittes: Gott agiert in diesem Weihnachtslied nicht irgendwo „hinter den Wolken“. Er wird vielmehr dort erfahrbar, wo in Finsternis helles Licht, im Unheil Heil und inmitten von Machtmissbrauch und institutionellem Versagen neue Hoffnung und neues Leben aufbrechen. Eben dafür steht die Geburt Jesu, die wir an Weihnachten feiern, auch heute.

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